HerkunftEin Baum, ein Landstrich, viele Frauenhände

Die Arganeraie ist UNESCO-Biosphärenreservat - der Baum hält die Wüste auf und ernährt ganze Regionen.
Argania spinosa ist ein dorniger, knorriger Baum, der acht bis zehn Meter hoch wird und bis zu zweihundert Jahre alt werden kann. Sein Verbreitungsgebiet ist bemerkenswert eng: die Arganeraie im Südwesten Marokkos zwischen Essaouira und Agadir, ein Gebiet von etwa achthunderttausend Hektar. Dort wächst er auf kargen Böden mit hundert bis zweihundert Millimetern Jahresniederschlag, und seine tiefen Wurzeln halten den Boden fest. Die UNESCO hat die Arganeraie 1998 zum Biosphärenreservat erklärt, weil sie als natürliche Barriere gegen die Ausbreitung der Sahara wirkt.
Die Ölgewinnung ist extrem aufwendig. Die Früchte werden gesammelt, das Fruchtfleisch entfernt, die steinharten Nüsse zwischen zwei Steinen einzeln aufgeschlagen - eine Arbeit, für die noch keine funktionierende Maschine existiert –, und die Kerne dann gemahlen und gepresst. Für einen Liter Öl braucht es etwa dreißig Kilo Früchte und viele Stunden Handarbeit. Traditionell ist das Frauenarbeit, und die seit den 1990er Jahren entstandenen Frauenkooperativen sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und ein viel beachtetes Beispiel für Entwicklungszusammenarbeit geworden.
Und dann sind da die Ziegen. Arganbäume werden von Ziegen erklettert, die die Früchte fressen - Bilder davon gehen seit Jahren um die Welt. Die Geschichte dazu lautet, die unverdauten Kerne würden aus dem Kot gesammelt und verarbeitet. Das war historisch tatsächlich eine Methode, spielt heute aber praktisch keine Rolle mehr; moderne Produktion verwendet gesammelte Früchte. Und die berühmten Fotos sind oft inszeniert: Ziegen werden für Touristen in die Bäume gesetzt. Der Ziegenverbiss ist zudem ein ernstes Problem für die Verjüngung der Bestände - zu viele Ziegen verhindern, dass junge Bäume nachwachsen.
NutzenEin gutes Öl mit kleiner, aber vorhandener Datenlage
Arganöl hat keine Arzneimonographie; es ist ein Lebensmittel und ein Kosmetikrohstoff. Was es auszeichnet, ist ein günstiges Fettsäureprofil und ein hoher Gehalt an Tocopherolen - Vitamin-E-Verbindungen, die als Antioxidantien wirken und das Öl zugleich vor dem Ranzigwerden schützen.
Für die kosmetische Anwendung gibt es eine überschaubare, aber vorhandene Datenlage. Eine marokkanische randomisierte Studie mit sechzig postmenopausalen Frauen untersuchte die tägliche Anwendung von Arganöl - teils als Nahrungsmittel, teils äußerlich - über sechzig Tage und fand eine Verbesserung der Hautelastizität. Weitere kleine Studien beschreiben eine Verbesserung der Hautbarriere und des Wassergehalts. Das sind kleine Untersuchungen, aber sie existieren, und sie passen zu dem, was man von einem tocopherol- und ölsäurereichen Öl erwartet.
Für die innerliche Anwendung gibt es einige marokkanische Studien zu Blutfetten, in denen der regelmäßige Verzehr von geröstetem Arganöl LDL-Cholesterin senkte und HDL erhöhte. Auch hier: klein, regional, methodisch begrenzt. Man kann daraus ableiten, dass Arganöl ein gutes Speiseöl ist - so wie Olivenöl ein gutes Speiseöl ist. Man kann daraus keine besondere Heilwirkung ableiten.
Für die Haare gilt Ähnliches wie für andere Öle: Es glättet die Schuppenschicht, reduziert Reibung und macht das Haar geschmeidiger und glänzender. Spezifische Studien zum Arganöl in Haarpflege sind rar; der Effekt ist vor allem physikalisch. Unsere Einschätzung: ein hervorragendes, leichtes Pflegeöl und ein sehr gutes Speiseöl mit besonderem Geschmack - kein Wundermittel, aber jeden Cent wert, wenn man weiß, wofür man zahlt.
InhaltsstoffeZwei Öle aus demselben Kern
Das Fettsäureprofil ähnelt dem von Olivenöl: etwa 45 bis 50 Prozent einfach ungesättigte Ölsäure und 30 bis 35 Prozent mehrfach ungesättigte Linolsäure, dazu gesättigte Palmitin- und Stearinsäure. Bemerkenswert ist der Tocopherolgehalt, der mit 600 bis 900 Milligramm pro Kilogramm deutlich über dem von Olivenöl liegt - ein Grund für die relativ gute Haltbarkeit trotz hohem Anteil mehrfach ungesättigter Fettsäuren.
Charakteristisch sind außerdem die Sterole: Arganöl enthält Schottenol und Spinasterol, zwei Pflanzensterole, die in dieser Kombination praktisch nur hier vorkommen. Sie dienen deshalb in der Analytik als Echtheitsmarker - Arganöl, das mit billigeren Ölen gestreckt wurde, lässt sich darüber nachweisen. Für den Verbraucher ist das nur indirekt relevant, aber es erklärt, warum seriöse Anbieter Analysezertifikate vorlegen können.
Der entscheidende Unterschied im Regal ist die Röstung. Für das kosmetische Öl werden die Kerne ungeröstet gepresst; es ist hellgelb und praktisch geruchlos. Für das Speiseöl werden sie vor dem Pressen geröstet, was einen intensiven, nussig-haselnussartigen Geschmack und eine dunklere Farbe erzeugt. Die beiden sind nicht austauschbar: Das Kosmetiköl schmeckt fad, und das Speiseöl riecht auf der Haut deutlich nach Nuss.
Zur Haltbarkeit: Arganöl hält sich dank der Tocopherole besser als die meisten Öle mit vergleichbarem Fettsäureprofil, ist aber nicht unbegrenzt stabil. Dunkel und kühl gelagert, verschlossen, hält eine angebrochene Flasche etwa sechs Monate. Ranziges Arganöl riecht kratzig und alt - dann gehört es weg, auf der Haut wie im Salat. Und zum Erhitzen taugt das Speiseöl nur begrenzt: Es wird traditionell kalt verwendet, über fertige Gerichte geträufelt.
Verstärkte KombinationenArganöl in Bad und Küche
Zwei Produkte, zwei Einsatzbereiche - und eine Reihe von Fragen zur Herkunft, die bei diesem Öl besonders lohnen.
Zieht schnell ein, fettet kaum nach und ist für die meisten Hauttypen gut verträglich - eine der besten Optionen für Gesicht und Dekolleté.
Ein bis zwei Tropfen in die trockenen Spitzen glätten die Schuppenschicht und reduzieren Frizz. Mehr beschwert.
In die Nagelfalz einmassiert - klassische Anwendung und sehr wirksam gegen rissige Nagelhaut.
Die marokkanische Paste aus Arganöl, Mandeln und Honig - zum Frühstück aufs Brot. Der beste Weg, das Speiseöl kennenzulernen.
Kalt über fertige Gerichte geträufelt. Nicht zum Braten - der Geschmack verträgt keine hohe Hitze.
Frauenkooperativen mit Fair-Trade- oder Bio-Zertifizierung sind sozial und qualitativ die sinnvollere Wahl.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Ungeröstetes Arganöl schmeckt fad; geröstetes riecht auf der Haut nach Nuss. Die beiden sind nicht austauschbar.
Es wird traditionell kalt verwendet. Hohe Hitze zerstört Aroma und Tocopherole.
Trotz guter Tocopherolausstattung wird es ranzig. Dunkel, kühl, verschlossen und in sechs Monaten verbrauchen.
Der Aufwand ist real. Sehr billige Ware ist häufig gestreckt - Schottenol und Spinasterol sind die Echtheitsmarker.
Arganöl ist botanisch keine Nuss, aber allergische Reaktionen sind beschrieben. Bei bekannter Nussallergie vorsichtig testen.
Die Ziegen in den Bäumen sind meist inszeniert, und der Ziegenverbiss schadet der Verjüngung der Bestände. Mit Produktqualität hat das Bild nichts zu tun.
Zu welchem GerichtKüche und Pflege
- AmlouGeröstetes Arganöl, gemahlene Mandeln und Honig - die marokkanische Frühstückspaste.
- CouscousKalt über das fertige Gericht geträufelt.
- SalatdressingMit Zitrone und Honig - der nussige Ton trägt sich gut.
- GemüseÜber geröstetes Wurzelgemüse nach dem Backen.
- FischEin paar Tropfen auf gebratenen Fisch, kurz vor dem Servieren.
- GesichtsölZwei bis drei Tropfen auf die noch feuchte Haut nach dem Waschen.
- HaarspitzenEin bis zwei Tropfen in die trockenen Spitzen.
- NagelhautIn die Nagelfalz einmassiert, abends.
- KörperölNach dem Duschen - leicht und schnell einziehend.
- Nicht bratenDas Speiseöl wird kalt verwendet.
Als HausmittelAmlou - das beste Argument für das Speiseöl
Marokkanische Mandel-Arganöl-Paste
- 200 g geschälte Mandeln auf einem Blech im Ofen bei 160 Grad etwa zehn Minuten rösten, bis sie duften und leicht Farbe nehmen. Abkühlen lassen.
- Die Mandeln im Mixer oder in einer kräftigen Küchenmaschine mahlen, bis sie eine Paste bilden - das dauert einige Minuten, und zwischendurch muss man die Ränder abschaben.
- Etwa 100 ml geröstetes Arganöl langsam einlaufen lassen, während die Maschine läuft, bis eine glatte, streichfähige Paste entsteht.
- Zwei bis drei Esslöffel Honig einrühren und mit einer Prise Salz abschmecken. Die Süße ist Geschmackssache - traditionell ist Amlou deutlich gesüßt.
- In ein sauberes Glas füllen. Bei Raumtemperatur setzt sich das Öl oben ab; einfach umrühren. Im Kühlschrank hält die Paste mehrere Wochen.
- Aufs Brot, zu Fladenbrot oder zum Eintunken. Für die kosmetische Anwendung nimmst du ungeröstetes Arganöl - geröstetes riecht auf der Haut nach Nuss.
Als Brotaufstrich und der beste Weg, das geröstete Speiseöl kennenzulernen. Das ungeröstete Kosmetiköl ist eine leichte, schnell einziehende Pflege für Gesicht, Haare und Nagelhaut.
Als Lebensmittel nach Belieben. Kosmetisch nach Bedarf - wenige Tropfen reichen. Bei bekannter Nussallergie vorsichtig testen; allergische Reaktionen sind beschrieben.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Der Arganbaum ist auf Südwestmarokko begrenzt und im Ayurveda nicht vertreten. Die Rolle, die Arganöl in der marokkanischen Tradition spielt - Speiseöl und Hautpflege in einem –, hat in Indien das Sesamöl. Beide sind Öle, die eine ganze Region über Jahrhunderte geprägt haben und die in Küche wie Körperpflege selbstverständlich sind.
Traditionelle Chinesische Medizin
Auch in der chinesischen Materia medica fehlt Argania spinosa. Die traditionelle Verwendung des Arganöls gehört zur Amazigh-Kultur Marokkos, wo es seit Jahrhunderten als Nahrungs-, Heil- und Pflegemittel dient - bei Hautproblemen, gegen Haarausfall und als stärkendes Nahrungsmittel. Diese Tradition ist gut dokumentiert und unabhängig von den großen asiatischen Systemen entstanden; sie ist einer der Gründe, warum die Arganeraie heute auch als Kulturlandschaft geschützt ist.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Geröstet und ungeröstet unterscheiden: Ungeröstet ist das Kosmetiköl, geröstet das Speiseöl. Sie sind nicht austauschbar.
- Nicht zum Braten: Das Speiseöl wird traditionell kalt verwendet; Hitze zerstört Aroma und Tocopherole.
- Wird ranzig: Dunkel, kühl und verschlossen lagern, angebrochen in etwa sechs Monaten verbrauchen. Kratziger, alter Geruch heißt entsorgen.
- Echtheit: Der Aufwand ist real und der Preis entsprechend. Sehr günstige Ware ist häufig gestreckt; Schottenol und Spinasterol sind die Marker.
- Nussallergie: Arganöl ist botanisch keine Nuss, allergische Reaktionen sind aber beschrieben. Bei bekannter Nussallergie vorsichtig testen.
- Herkunft prüfen: Zertifizierte Frauenkooperativen sind sozial und qualitativ die sinnvollere Wahl. Die Ziegenbilder sind Tourismus, kein Qualitätsmerkmal.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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QuellenWorauf sich das stützt
- Boucetta K.Q. et al.: The effect of dietary and/or cosmetic argan oil on postmenopausal skin elasticity. Clinical Interventions in Aging 2015.
- Charrouf Z., Guillaume D.: Argan oil - occurrence, composition and impact on human health. European Journal of Lipid Science and Technology 2008.
- UNESCO: Arganeraie Biosphere Reserve, Morocco - Dokumentation des Biosphärenreservats.
- Hilali M. et al.: Detection of argan oil adulteration using quantitative campesterol GC-analysis. Journal of the American Oil Chemists‘ Society 2007.
- Lybbert T.J. et al.: Booming markets for Moroccan argan oil appear to benefit some rural households while threatening the endemic argan forest. PNAS 2011.


