Wie dein Körper wirklich funktioniert

Bevor man versteht, warum eine Pflanze, ein Lebensmittel oder eine Gewohnheit etwas bewirkt, hilft ein Blick darauf, wie dein Körper selbst arbeitet. Kein Organ steht für sich allein. Alles ist vernetzt, in ständigem Austausch und ständigem Umbau. Diese Seite ist das Fundament, auf das wir uns im Botanical Archiv und auf allen Themenseiten immer wieder beziehen.

Das innere Milieu: der Raum zwischen den Zellen

Stell dir deine Organe nicht wie aufeinander gestapelte Backsteine vor. Zwischen allen Zellen liegt ein feines Netz aus Flüssigkeit, Eiweißfäserchen und Kollagen. Darin enden feinste Nervenfasern, Lymphgefäße und die kleinsten Blutgefäße. Fachleute nennen diesen Raum Bindegewebe, Interstitium oder, in der Naturheilkunde, Mesenchym und Grundsubstanz.

Durch diesen Raum läuft fast alles: Nährstoffe gelangen aus dem Blut zu den Zellen, Abfallstoffe wandern zurück, Signale werden weitergereicht. Erst von hier aus geht es weiter in die Lymphe oder ins Blut. Wasser ist dabei das Transportmittel schlechthin, es macht bei Erwachsenen gut die Hälfte des Körpergewichts aus.

Der Schweizer Arzt Dr. Thomas Rau, langjähriger Chefarzt der Paracelsus Klinik Lustmühle, nennt diesen Raum in seinem Buch „Biologische Medizin“ das innere Milieu. Für ihn ist es der eigentliche Ort, an dem Gesundheit entsteht oder verloren geht. Bestimmt wird es aus seiner Sicht vor allem durch fünf Dinge:

  • den Säure-Basen-Haushalt,
  • Schadstoffe, vor allem Schwermetalle,
  • zu viel Eiweiß, das sich im Zwischengewebe ablagert,
  • den Gehalt an Mineralstoffen und Spurenelementen,
  • elektromagnetische Belastungen.

Zur Einordnung: Dass Zellen nur in einem gut versorgten Umfeld gut arbeiten, ist unstrittig. Einige der Punkte, etwa die Übersäuerung des Gewebes, die Eiweißablagerungen oder die Rolle von Elektrosmog, sind aber Konzepte der Naturheilkunde und wissenschaftlich nicht belegt. Wir erklären sie trotzdem, weil sie zum Verständnis vieler naturheilkundlicher Ansätze gehören.

Der Darm: dein größtes Kontaktorgan zur Außenwelt

Über kein anderes Organ hast du so viel Kontakt zur Umwelt wie über deinen Darm. Seine Innenfläche ist durch Falten und winzige Zotten stark vergrößert. Lange stand in Lehrbüchern, sie sei so groß wie ein Tennisplatz. Forschende der Universität Göteborg haben 2014 genauer nachgemessen: Es sind rund 30 bis 40 Quadratmeter, etwa die Fläche einer kleinen Wohnung. Immer noch riesig für ein Organ, das in deinen Bauch passt.

Die Darmschleimhaut nimmt Nährstoffe auf und gibt Stoffe ab, und sie ist gleichzeitig eine Schule für dein Immunsystem. Ein großer Teil deiner Immunzellen sitzt direkt unter der Schleimhaut, in den sogenannten Peyer-Plaques und im Lymphgewebe der Darmwand. Hier lernt die Abwehr, was harmlos ist und was nicht. Dazu kommen Billionen Bakterien, deine Darmflora, die Ballaststoffe verwerten, Vitamine bilden und mitentscheiden, wie ruhig oder gereizt dein Immunsystem reagiert.

Für Rau ist der Darm deshalb zusammen mit Lymphe und Darmflora das Zentrum fast jeder ganzheitlichen Behandlung. Er beschreibt ihn auch als Verbindung zur Erde: Über die Bakterien, die wir mit Pflanzen und Erde aufnehmen, und über den Einfluss auf das Nervensystem, das für Ruhe und Verdauung zuständig ist. Dass Darm und Gehirn eng miteinander sprechen, wird heute auch in der Forschung intensiv untersucht, dort heißt das Darm-Hirn-Achse. Wie eng der Darm mit Allergien zusammenhängt, liest du unter Wie Allergien wirklich entstehen.

Regulation statt Reparatur: dein Körper balanciert ständig neu aus

Dein Körper ist nie fertig. Er befindet sich in einem Fließgleichgewicht, das ständig nachgeregelt wird. Das schönste Beispiel dafür ist deine Körpertemperatur. Sie liegt meist um die 37 Grad, egal ob draußen Hochsommer mit 40 Grad oder tiefer Winter ist.

Im Sommer muss gekühlt werden: Die Haut wird stärker durchblutet, du schwitzt. Im Winter muss geheizt werden: Muskeln und Leber erzeugen Wärme, du zitterst vielleicht sogar. Das sind zwei völlig verschiedene Vorgänge mit verschiedenen Organen, gesteuert von einem Thermostat im Gehirn, dem Hypothalamus. Er bekommt laufend Meldungen von Temperaturfühlern in der Haut und im Körperinneren.

Und dann gibt es Fieber. Wenn Erreger im Körper sind, stellt der Thermostat die Solltemperatur bewusst höher. Bei höherer Temperatur arbeiten viele Abwehrzellen schneller, und manche Erreger vermehren sich schlechter. Fieber ist also kein Defekt, sondern eine gezielte Anpassung. Das heißt nicht, dass man es immer aushalten muss: Bei sehr hohem oder lange anhaltendem Fieber, bei Säuglingen und kleinen Kindern gehört es in ärztliche Hände.

Die Biologische Medizin nennt diese Feinabstimmung Regulation und misst ihr die größte Bedeutung bei. Getragen wird sie vom vegetativen Nervensystem, das ohne deinen Willen arbeitet, von hormonellen Regelkreisen, vom inneren Milieu und vom Darm. Ihr Gedanke: Ein gesunder Körper regelt vieles selbst, wenn man ihm nicht ständig dazwischenfunkt.

Dein Körper erneuert sich ständig

Jeden Tag sterben in deinem Körper Milliarden Zellen ab, und fast genauso viele werden neu gebildet. Den größten Teil machen Blutzellen und die Zellen der Darmschleimhaut aus. Wie schnell sich ein Gewebe erneuert, ist dabei sehr verschieden.

Wie schnell das geht, hängt stark vom Gewebe ab:

Darmschleimhaut3 bis 5 Tage
Granulozyten (Abwehrzellen)wenige Tage
Oberhautetwa 4 bis 6 Wochen
Rote Blutkörperchenrund 120 Tage
Leberzellenetwa 1 bis 3 Jahre
Fettzellenrund 8 bis 10 Jahre
Knochenetwa 10 Jahre
Herzmuskeletwa 1 Prozent pro Jahr oder weniger
Nervenzellen im Gehirngroßteils ein Leben lang
Ungefähre Werte für Erwachsene, nach aktueller Forschung. Die Balken sind gestaucht, sonst wäre der Herzmuskel einen ganzen Bildschirm lang.

Die oft gehörte Regel, der ganze Mensch sei nach sieben Jahren neu, stimmt so also nicht: Manche Gewebe sind in Tagen erneuert, Nervenzellen und Herzmuskel dagegen begleiten dich fast ein Leben lang. Rau nutzt das Bild trotzdem, um einen schönen Gedanken zu erklären, und den teilen wir: Neue Zellen werden aus dem gebaut, was du ihnen lieferst. Sollen sie besser werden als die alten, brauchen sie während des Aufbaus bessere Bedingungen, also gutes Essen, genug Schlaf, Bewegung und weniger Belastung.

Er vergleicht den Körper mit einem Staat: Jeden Tag werden Menschen geboren und andere sterben, und trotzdem bleibt der Staat derselbe. Erneuerung ist kein passiver Vorgang, sondern ein langer, aktiver Prozess. Daraus folgt eine wichtige Geduldsregel: Wer etwas an seiner Ernährung oder Lebensweise ändert, sollte dem Körper mindestens so lange Zeit geben, wie das betroffene Gewebe zum Erneuern braucht. Beim Darm sind das Wochen, bei Knochen Jahre.

Warum Symptome selten die ganze Geschichte erzählen

Viele Belastungen merkst du lange nicht, weil dein Körper sie ausgleicht. Rau beschreibt das als Fass, das sich langsam füllt: mit Schadstoffen, einem gestörten Darm, einseitigem Essen, Dauerstress oder alten Entzündungsherden. Erst wenn das Fass voll ist, läuft es über, und dann zeigen sich Beschwerden. Der letzte Tropfen bekommt dabei oft die ganze Schuld.

Ein zweites Bild aus seinem Buch: Eine Krankheit ist wie ein Mosaik aus vielen Steinchen. Ein einzelnes Steinchen ergibt noch kein Bild, aber nimmt man genug Steinchen heraus, verblasst es. Die Biologische Medizin sucht deshalb nicht die eine Ursache, sondern möglichst viele Teilursachen, die bei jedem Menschen anders zusammengesetzt sind. Zwei Menschen mit derselben Diagnose können deshalb ganz unterschiedliche Wege brauchen.

Als häufigste Störfaktoren nennt Rau unter anderem Belastungen aus dem Mund wie alte Amalgamfüllungen oder entzündete Zähne, eine gestörte Darmflora, Unverträglichkeiten, die die Darmschleimhaut reizen, und psychischen Dauerstress. Manches davon ist gut belegt, etwa der Einfluss von chronischem Stress oder von Entzündungen im Mund auf den ganzen Körper. Anderes, wie die Rolle von Amalgam, ist umstritten. Das Bild dahinter bleibt trotzdem hilfreich: Schau nicht nur auf das Symptom, sondern auf das, was darunter liegt.

Das gilt auch für Beschwerden, die zunächst harmlos wirken. Wenn sie anhalten, stärker werden oder neu auftreten, gehören sie ärztlich abgeklärt. Ganzheitlich denken heißt nicht, auf eine gründliche Diagnose zu verzichten.

Was das für dich bedeutet

Aus diesen Grundprinzipien ergeben sich ein paar einfache Leitlinien, die du im Alltag umsetzen kannst, ganz ohne Spezialwissen:

  • Versorge dein Milieu. Viel Gemüse, Kräuter, Hülsenfrüchte und genug Wasser liefern Mineralstoffe und Spurenelemente, aus denen neue Zellen gebaut werden.
  • Füttere deinen Darm. Ballaststoffe aus Gemüse, Hafer und Leinsamen und Fermentiertes wie Sauerkraut oder Joghurt sind Futter für eine vielfältige Darmflora.
  • Lass deinen Körper regeln. Genug Schlaf, Pausen und Bewegung an der frischen Luft geben dem Nervensystem die Ruhephasen, in denen Verdauung und Erneuerung stattfinden.
  • Reduziere, was das Fass füllt. Weniger stark Verarbeitetes, weniger Zucker, weniger Schadstoffe im Alltag. Was dazu gehört, steht unter Giftstoffe im Alltag.
  • Hab Geduld. Gib jeder Veränderung mindestens einige Wochen, bevor du urteilst. Dein Darm braucht Tage bis Wochen, dein Blut Monate, deine Knochen Jahre.
  • Nimm Warnzeichen ernst. Hohes oder anhaltendes Fieber, plötzliche starke Schmerzen, Atemnot oder ungewollter Gewichtsverlust gehören in ärztliche Hände.

Wie diese Prinzipien bei einem konkreten Thema zusammenwirken, zeigt Wie Allergien wirklich entstehen. Welche Pflanzen seit Jahrhunderten in der Küche und im Teeglas dazugehören, findest du im Botanical Archiv.

Quellen und Einordnung

Das Modell des inneren Milieus, das Krankheitsfass, das Mosaik, der Vergleich mit dem Staat und die Einordnung der Regulation stammen aus: Dr. med. Thomas Rau, „Biologische Medizin“, Kapitel 1 und 2. Die Biologische Medizin ist eine Richtung der Naturheilkunde, viele ihrer Annahmen sind wissenschaftlich nicht belegt, wir kennzeichnen das im Text. Darmoberfläche: Helander und Fändriks, Scandinavian Journal of Gastroenterology 2014. Erneuerungszeiten einzelner Gewebe als gerundete Werte nach aktueller Fachliteratur. Diese Seite ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Behandlung.