Tiergesundheit · Nährstoffe
Mangelerscheinungen bei Hund und Katze
Die klassischen Mängel entstehen heute fast nie durch zu wenig Futter, sondern durch einseitiges oder gut gemeintes Futter. Und mindestens genauso häufig wie der Mangel ist inzwischen das Gegenteil: das Zuviel aus der Dose mit den guten Absichten.
Bevor du irgendetwas zufütterst
Ein Nährstoffmangel lässt sich nicht erraten, sondern nur messen. Bevor du etwas zufütterst, lass die entsprechenden Werte bestimmen - sonst behandelst du im Dunkeln und riskierst eine Überversorgung, die genauso schädlich sein kann wie der Mangel. Das gilt besonders bei Calcium, Vitamin A und Vitamin D.
Bei der Katze sind Taurin und Vitamin B1 die klassischen Lücken, beim wachsenden Hund das Verhältnis von Calcium zu Phosphor. Ein deklariertes Alleinfuttermittel schließt praktisch alle davon. Gefährlich wird es bei selbst zusammengestellten Rationen - und bei gut gemeinter Zufütterung ohne Messung.
Der RahmenWarum Mängel heute anders entstehen als früher
Der häufigste Weg in einen Mangel führt heute über eine Ration, die jemand selbst zusammengestellt hat.
Ein Alleinfuttermittel ist so berechnet, dass es den Bedarf deckt - das ist seine ganze Aufgabe. Wer ausschließlich damit füttert, muss sich um die Stoffe auf dieser Seite im Normalfall keine Gedanken machen.
Mängel entstehen dort, wo diese Bilanz aufgebrochen wird: bei selbst gekochten oder rohen Rationen ohne Berechnung, bei monatelanger Fütterung eines Ergänzungsfuttermittels als Hauptmahlzeit, bei sehr einseitiger Kost - und bei Erkrankungen, die die Aufnahme stören.
Und es gibt die andere Richtung. Überversorgung ist inzwischen mindestens so häufig wie Unterversorgung, weil gut gemeinte Zusätze sich addieren: ein angereichertes Futter, dazu ein Vitaminpulver, dazu ein Öl, dazu Leber als Leckerli. Bei den fettlöslichen Vitaminen A und D und bei Calcium ist das kein Detail, sondern ein echtes Risiko.
Bei der KatzeDie drei klassischen Lücken
Taurin
eine AminosulfonsäureBelegt und ernst
Die Katze kann Taurin kaum selbst bilden und verliert es laufend über die Galle. Fehlt es über Monate, erschlafft der Herzmuskel - eine dilatative Kardiomyopathie - und die Netzhaut baut sich ab, was zur Erblindung führt.
Das ist kein theoretisches Risiko, sondern Medizingeschichte: In den 1980er Jahren häuften sich Herzerkrankungen bei Hauskatzen, bis Paul Pion und Kollegen 1987 den Taurinmangel im damaligen Futter als Ursache nachwiesen. Seither wird angereichert, und das Bild ist selten geworden. Wer selbst kocht, muss Taurin gezielt ergänzen - Fleisch allein reicht nicht zuverlässig, weil Taurin hitze- und wasserempfindlich ist.
Vitamin B1
ThiaminBelegt und ernst
Ein Mangel entsteht bei Katzen vor allem durch eine bestimmte Fütterungsgewohnheit: viel rohen Fisch. Manche Fischarten enthalten das Enzym Thiaminase, das Vitamin B1 zerstört. Auch stark erhitztes oder lange gelagertes Futter kann arm daran sein.
Die Anzeichen sind neurologisch und entwickeln sich über Tage: Appetitlosigkeit, Nackenbeugung, Wackeligkeit, Krämpfe. Behandelt wird es mit Thiamin, und wenn früh behandelt wird, bilden sich die Symptome oft zurück. Praktische Konsequenz: Roher Fisch gehört nicht zur täglichen Ration.
Vitamin A
in beide RichtungenHeikel
Die Katze kann Beta-Carotin aus Pflanzen nicht in nennenswertem Umfang umwandeln und braucht fertiges Vitamin A aus tierischem Gewebe. Ein Mangel führt zu Haut-, Fell- und Augenproblemen.
Interessanter ist hier aber das Zuviel. Katzen, die regelmäßig große Mengen Leber bekommen, können eine Hypervitaminose A entwickeln: Der Körper baut Knochen an, vor allem an der Halswirbelsäule, und die Tiere werden steif und schmerzempfindlich. Das ist ein gut beschriebenes Krankheitsbild - und ein Beispiel dafür, dass „viel Natürliches“ nicht automatisch gut ist.
Faustregel: Leber ist ein Leckerli, keine Mahlzeit. Höchstens einmal pro Woche in kleiner Menge.
Beim HundWo es beim Hund schiefgeht
Calcium und Phosphor
beim wachsenden HundBelegt und ernst
Reines Muskelfleisch enthält viel Phosphor und sehr wenig Calcium. Ein Welpe, der so ernährt wird, holt sich das fehlende Calcium aus den eigenen Knochen - die Nebenschilddrüse schaltet auf Dauerbetrieb, und es entsteht ein sekundärer Hyperparathyreoidismus. Die Knochen werden weich, es kommt zu Schmerzen, Verformungen und Spontanbrüchen.
Der umgekehrte Fehler ist bei großen Rassen mindestens so verbreitet: zu viel Calcium in der Wachstumsphase. Große Hunde können überschüssiges Calcium im Welpenalter nicht ausreichend regulieren; die Folge sind Skelettentwicklungsstörungen wie Osteochondrose. Deshalb gilt bei Welpen großer Rassen: ein passendes Welpenfutter und keine zusätzlichen Calciumgaben.
Das Wichtigste: In der Wachstumsphase niemals auf eigene Faust mit Calcium supplementieren - weder zu wenig noch zu viel ist hier harmlos.
Zink
vor allem bei nordischen RassenRassetypisch
Huskys, Malamutes und verwandte Rassen entwickeln überdurchschnittlich häufig eine zinkreagible Dermatose: schuppige, verkrustete Stellen um Augen, Maul und an den Ohren, oft mit stumpfem Fell. Ursache ist eine erblich schlechtere Zinkaufnahme, nicht zu wenig Zink im Futter.
Das Bild bessert sich unter Zinkgabe oft deutlich - aber die Diagnose gehört in die Praxis, weil dieselben Hautveränderungen andere Ursachen haben können und eine Zinküberdosierung ihrerseits schadet.
Taurin beim Hund
die offene FrageUngeklärt
Hunde bilden Taurin normalerweise selbst. Trotzdem gibt es seit 2018 eine Debatte: Die US-Arzneimittelbehörde FDA meldete eine Häufung dilatativer Kardiomyopathie bei Hunden, die überwiegend getreidefreie Futter mit hohem Hülsenfruchtanteil bekamen - auch bei Rassen, die dafür sonst nicht anfällig sind.
Ein ursächlicher Zusammenhang ist bis heute nicht bewiesen, und die Untersuchungen laufen weiter. Die ehrliche Position lautet deshalb: Getreidefrei ist kein Qualitätsmerkmal, und wer ein solches Futter gibt, sollte das mit der Tierarztpraxis besprechen statt es als die gesündere Wahl anzunehmen.
BeideWas Hund und Katze gemeinsam betrifft
Vitamin D. Anders als wir bilden Hunde und Katzen über die Haut kaum Vitamin D - sie müssen es praktisch vollständig über das Futter aufnehmen. Sonnenbaden hilft ihnen dabei nicht. Gleichzeitig ist eine Überdosierung gefährlich: Sie führt zu Calciumablagerungen in Nieren und Gefäßen, und es hat in der Vergangenheit Futterrückrufe wegen zu hoher Vitamin-D-Gehalte gegeben. Also nur ergänzen, wenn ein Wert es begründet.
Omega-3-Fettsäuren. Ein echter Mangel ist selten, aber eine knappe Versorgung ist verbreitet - besonders bei Rationen, die stark auf Geflügel und pflanzliche Öle setzen. Merkbar wird das an stumpfem Fell und trockener, schuppiger Haut. Wichtig: Leinöl ist für Katzen kein Ersatz, weil sie die pflanzliche Vorstufe kaum umwandeln können; für Hunde nur eingeschränkt.
Jod. Bei selbst zusammengestellten Rationen eine der am häufigsten übersehenen Lücken. Die Schilddrüse braucht es, und Fleisch allein liefert kaum welches.
PraxisWie du einem Verdacht nachgehst
| Schritt | Warum |
|---|---|
| Erst messen, dann geben | Ein Mangel ohne Wert ist eine Vermutung. Blutbild und gezielte Werte bringen Klarheit. |
| Futter mitnehmen | Ein Foto der Deklaration sagt der Praxis mehr als jede Markenbeschreibung. |
| Alles aufschreiben | Auch Leckerlis, Kauartikel und Reste vom Tisch - sie machen oft den Unterschied in der Bilanz. |
| Nie zwei Präparate blind | Zusätze addieren sich. Bei Vitamin A, D und Calcium wird das schnell zu viel. |
| Bei Welpen besonders genau | Fehler in der Wachstumsphase sind später nicht mehr korrigierbar. |
| Ration durchrechnen lassen | Wer selbst kocht oder BARFt, braucht einmal eine fachliche Berechnung - danach läuft es. |
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Was aus diesem Artikel du kaufen kannst, wenn du möchtest. In dieser Reihenfolge.
Aus der Küche
Aus der Küche lässt sich ein Mangel nicht ausgleichen - dafür ist sie nicht gemacht.
Als Ergänzung
Gezielt und einzeln, nachdem ein Wert vorliegt.
III · Der Schritt, der nichts kostet
Dreh die Futterpackung um und lies, ob dort Alleinfuttermittel steht. Wenn ja, ist dein Tier bei den Nährstoffen dieser Seite mit hoher Wahrscheinlichkeit versorgt, und alles Weitere braucht einen konkreten Anlass. Wenn dort Ergänzungsfuttermittel steht und es trotzdem die Hauptmahlzeit ist, hast du den wichtigsten Befund dieser Seite ohne einen einzigen Euro gefunden.
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QuellenWorauf sich diese Seite stützt
- Pion P.D. et al.: Myocardial failure in cats associated with low plasma taurine - a reversible cardiomyopathy. Science 1987.
- Markovich J.E. et al.: Thiamine deficiency in dogs and cats. JAVMA 2013.
- Polizopoulou Z.S. et al.: Hypervitaminosis A in the cat - a case report and review of the literature. Journal of Feline Medicine and Surgery 2005.
- Dobenecker B.: Calcium und Phosphor in der Welpenernährung - Über- und Unterversorgung. Tierärztliche Praxis Kleintiere.
- U.S. Food and Drug Administration: Investigation into potential link between certain diets and canine dilated cardiomyopathy (Statusberichte 2018–2022).
- FEDIAF: Nutritional Guidelines for Complete and Complementary Pet Food for Cats and Dogs.






