Granatapfel (Punica granatum)
HerkunftDie Frucht der Mythen

Persephone aß sechs Granatapfelkerne und musste deshalb ein halbes Jahr in der Unterwelt bleiben - so erklärten die Griechen den Winter.
Punica granatum ist ein Strauch oder kleiner Baum aus dem Gebiet zwischen Iran und Nordindien, der seit mindestens fünftausend Jahren kultiviert wird. Botanisch gehört er zu den Weiderichgewächsen - er ist also mit dem Blutweiderich verwandt, nicht mit Äpfeln. Seine Frucht ist eine Beere mit lederiger Schale, in der die Samen in weißen Trennwänden sitzen. Was wir essen, sind die Arilli: fleischige, saftgefüllte Samenmäntel, die jeden Kern umhüllen.
Kaum eine Frucht ist so tief in Mythen und Religionen verankert. Im griechischen Mythos bindet Persephone sich durch sechs Granatapfelkerne an die Unterwelt und muss jedes Jahr ein halbes Jahr dort verbringen - die mythische Erklärung für den Winter. Im Judentum gilt sie als Symbol für Fruchtbarkeit und wird traditionell zu Rosch ha-Schana gegessen. Im Christentum steht sie für Auferstehung, im Islam gilt sie als Paradiesfrucht. Der Name kommt vom lateinischen granatum, kernreich; das spanische granada und die Handgranate leiten sich ebenfalls davon ab.
Der lateinische Gattungsname Punica verweist auf die Karthager - die Römer kannten die Frucht als „punischen Apfel“, weil sie über Karthago zu ihnen kam. Heute sind Iran, Indien, die Türkei und die USA die größten Produzenten.
NutzenUrolithine - und warum sie nicht bei jedem entstehen
Der Granatapfel ist ein Lebensmittel und liefert Vitamin C, Kalium, Ballaststoffe und vor allem eine ungewöhnliche Klasse von Polyphenolen: Ellagitannine, allen voran die Punicalagine. Sie machen den herb-adstringierenden Ton des Safts aus und sind das, worum sich die gesamte Forschung dreht.
Das Interessante ist, dass Punicalagine selbst kaum aufgenommen werden. Sie gelangen in den Dickdarm, und dort spalten Darmbakterien sie zu kleineren Molekülen - den Urolithinen. Diese werden aufgenommen und sind das, was im Blut ankommt. Am meisten Aufmerksamkeit hat Urolithin A bekommen, für das Untersuchungen einen Effekt auf die Mitophagie beschreiben - den zellulären Abbau beschädigter Mitochondrien - mit Bezug zu Muskelfunktion und Alterungsprozessen.
Und hier kommt die Pointe. Ob ein Mensch Urolithin A bilden kann, hängt davon ab, welche Bakterien er im Darm hat. Untersuchungen unterscheiden Urolithin-Metabotypen: Ein Teil der untersuchten Personen bildet Urolithin A, ein anderer Teil nur Urolithin B oder Isourolithin A, und ein kleiner Teil praktisch nichts. Die Angaben schwanken, aber grob kann etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Menschen Urolithin A bilden. Das ist eine der klarsten Illustrationen dafür, warum Ernährungsstudien so oft widersprüchliche Ergebnisse liefern: Dieselbe Frucht wirkt bei verschiedenen Menschen chemisch verschieden.
Klinisch gibt es Studien zu Blutdruck mit teils positiven Ergebnissen, Studien zum PSA-Verlauf bei Prostatakrebs mit uneinheitlichen Befunden und Arbeiten zu Entzündungsmarkern. Systematische Übersichten kommen zu dem Schluss, dass die Evidenz für konkrete Empfehlungen nicht ausreicht. Der Granatapfel ist ein gutes, interessantes Lebensmittel - kein Medikament.
InhaltsstoffeSaft, Frucht - und ein Grapefruit-ähnliches Problem
Ein erheblicher Teil der Punicalagine sitzt nicht in den Arilli, sondern in Schale und Trennwänden. Industriell gepresster Saft, bei dem die ganze Frucht verarbeitet wird, enthält deshalb oft mehr Ellagitannine als frisch ausgepresste Kerne. Das ist einer der wenigen Fälle, in denen ein Saft polyphenolreicher sein kann als die Frucht - wobei er zugleich den Zucker konzentriert und die Ballaststoffe verliert.
Nun zum praktisch wichtigsten Punkt dieser Seite: den Wechselwirkungen. Granatapfelsaft hemmt in Untersuchungen das Enzym CYP3A4 im Darm - dasselbe Enzym, über das die bekannte Grapefruit-Wechselwirkung läuft. Die Datenlage ist weniger eindeutig als bei der Grapefruit: Einige Studien fanden relevante Effekte, andere nicht. Für Warfarin gibt es Fallberichte über erhöhte Blutungsneigung.
Unsere Einschätzung dazu: Das Risiko ist kleiner als bei der Grapefruit, aber es ist nicht null, und es betrifft eine große Zahl von Medikamenten - Statine, bestimmte Blutdrucksenker, Immunsuppressiva, einige Herzmedikamente. Wer regelmäßig größere Mengen Granatapfelsaft trinkt und dauerhaft Medikamente nimmt, sollte das in der Apotheke oder Praxis ansprechen. Für eine gelegentliche Frucht ist das kein Thema.
Zum Öffnen gibt es eine Methode, die deutlich besser funktioniert als das übliche Aufschneiden. Man schneidet die Blütenkrone kappenartig ab, ritzt die Schale entlang der weißen Trennwände ein - die sich als helle Streifen abzeichnen - und bricht die Frucht dann wie eine Blume auseinander. Die Arilli lassen sich dann mit den Fingern abstreifen, ohne dass sie zerdrückt werden. Der Saft färbt Textilien dauerhaft; eine Schürze ist keine schlechte Idee.
Verstärkte KombinationenGranatapfel in der Küche
Er bringt Säure, Süße und Biss zugleich - eine seltene Kombination, die sich in vielen Küchen bewährt hat.
Die Säure und der Knack der Arilli beleben jeden Salat. Mit Feta, Walnüssen und Minze ein Klassiker.
In der persischen und levantinischen Küche fest verankert - zu Reis, Lamm und Geflügel.
Der eingekochte Saft ist ein zentrales Würzmittel der levantinischen Küche, süßsauer und tiefdunkel.
Als Frühstück oder Dessert - die Säure trägt sich gut in Milchprodukten.
Blütenkrone abschneiden, entlang der hellen Streifen einritzen, auseinanderbrechen. Deutlich sauberer als Aufschneiden.
Die Samen im Inneren der Arilli sind essbar und liefern Ballaststoffe.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Statine, bestimmte Blutdrucksenker, Immunsuppressiva und andere. Bei regelmäßigem Konsum größerer Mengen in der Apotheke oder Praxis ansprechen.
Es gibt Fallberichte über erhöhte Blutungsneigung. Bei Marcumar zurückhaltend sein.
Er konzentriert Zucker und verliert Ballaststoffe. Die ganze Frucht ist die bessere Wahl.
Systematische Übersichten halten die Evidenz für konkrete Anwendungen für unzureichend.
Ob Urolithin A entsteht, hängt von der individuellen Darmflora ab. Ein erheblicher Teil der Menschen bildet es nicht.
Er färbt dauerhaft. Beim Öffnen eine Schürze tragen und über der Spüle arbeiten.
In der KücheWo er hingehört
- SalatMit Feta, Walnüssen, Minze und Blattsalat.
- FattoushIn den levantinischen Brotsalat - mit Granatapfelmelasse im Dressing.
- MuhammaraDie syrische Paprika-Walnuss-Paste mit Granatapfelmelasse.
- ReisgerichteÜber persischen Reis mit Berberitzen und Safran.
- LammAls Marinade mit Melasse, Knoblauch und Kreuzkümmel.
- JoghurtMit Honig und Pistazien zum Frühstück.
- HummusAls Topping - Farbe, Säure und Biss.
- DessertÜber Panna cotta oder Milchreis.
- SaftFrisch gepresst oder als Muttersaft, verdünnt.
- ÖffnenBlütenkrone abschneiden, entlang der Trennwände brechen.
Als HausmittelGranatapfelmelasse selbst machen
Eingekochter Granatapfelsaft
- Vier bis fünf große Granatäpfel öffnen und die Arilli auslösen. Über der Spüle arbeiten - der Saft färbt dauerhaft.
- Die Arilli in einem Mixer kurz pulsieren lassen, nicht pürieren; die Kerne sollen ganz bleiben, sonst wird es bitter.
- Durch ein feines Sieb oder ein Tuch passieren. Aus vier bis fünf Früchten ergeben sich etwa 800 bis 1000 ml Saft.
- Den Saft in einem weiten Topf bei mittlerer Hitze offen einkochen lassen. Nach Belieben zwei Esslöffel Zucker und den Saft einer halben Zitrone zugeben - traditionell wird oft ohne Zucker gearbeitet.
- Etwa eine Stunde köcheln, bis etwa ein Viertel der Menge übrig ist und die Flüssigkeit sirupartig vom Löffel läuft. Sie dickt beim Abkühlen weiter nach - lieber etwas zu dünn vom Herd nehmen.
- In eine saubere Flasche füllen und im Kühlschrank aufbewahren; sie hält mehrere Monate. Für Dressings, Marinaden und über Hummus oder Joghurt.
Als vielseitiges süßsaures Würzmittel der levantinischen Küche - die sinnvollste Verwendung einer größeren Menge Granatäpfel. Der Granatapfel ist ein Lebensmittel; für konkrete Heilwirkungen reicht die Evidenz nicht.
Als Lebensmittel nach Belieben. Bei dauerhafter Medikation und regelmäßigem Konsum größerer Saftmengen die Wechselwirkungsfrage in der Apotheke oder Praxis ansprechen.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Der Granatapfel ist im Ayurveda als Dadima eine geschätzte Frucht und gilt als süß, sauer und zusammenziehend, alle drei Doshas ausgleichend - eine Einordnung, die nur wenige Nahrungsmittel bekommen. Er wird der Verdauung zugeordnet und bei Durchfall sowie zur Stärkung nach Krankheit eingesetzt. Auch die Schale wird verwendet, traditionell als Wurmmittel - eine Anwendung, für die die Schale allerdings Alkaloide enthält und die nicht zur Selbstanwendung taugt.
Traditionelle Chinesische Medizin
In der chinesischen Materia medica ist der Granatapfel als Shi Liu geführt; verwendet werden vor allem Schale (Shi Liu Pi) und Wurzelrinde. Sie gelten als sauer, zusammenziehend und warm, mit Bezug zu Dickdarm und Magen, und werden bei chronischem Durchfall und als Wurmmittel eingesetzt. Die Frucht selbst gilt in der Diätetik als säftenährend und durststillend. Auch hier gilt: Die Schale enthält Alkaloide und ist nichts für die Hausapotheke.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Wechselwirkung über CYP3A4: Granatapfelsaft kann ähnlich der Grapefruit den Abbau von Medikamenten hemmen - Statine, Blutdrucksenker, Immunsuppressiva. Bei Dauermedikation und regelmäßigem Konsum ansprechen.
- Warfarin: Es gibt Fallberichte über erhöhte Blutungsneigung. Bei Marcumar zurückhaltend sein.
- Schale und Wurzelrinde nicht selbst verwenden: Sie enthalten Alkaloide; die traditionelle Wurmmittel-Anwendung gehört nicht in die Hausapotheke.
- Urolithine nicht bei jedem: Ob Urolithin A entsteht, hängt von der Darmflora ab. Ein erheblicher Teil der Menschen bildet es nicht.
- Saft ist kein Gesundheitsgetränk: Er konzentriert Zucker und verliert Ballaststoffe. Die ganze Frucht ist die bessere Wahl.
- Evidenz begrenzt: Systematische Übersichten halten die Datenlage für konkrete Anwendungen für unzureichend.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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QuellenWorauf sich das stützt
- Tomás-Barberán F.A. et al.: Urolithins, the rescue of „old“ metabolites to understand a „new“ concept - Metabotypes. Molecular Nutrition & Food Research 2017.
- Andreux P.A. et al.: The mitophagy activator urolithin A is safe and induces a molecular signature of improved mitochondrial health. Nature Metabolism 2019.
- Sahebkar A. et al.: Effects of pomegranate juice on blood pressure - a systematic review and meta-analysis. Pharmacological Research 2017.
- Hidaka M. et al.: Effects of pomegranate juice on human cytochrome P450 3A and carbamazepine pharmacokinetics. Drug Metabolism and Disposition 2005.
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Hinweise zu Wechselwirkungen von Fruchtsäften mit Arzneimitteln.


