Johanniskraut (Hypericum perforatum)

Familie
HartheugewächseHypericum perforatum - die Blätter wirken gegen Licht gehalten durchlöchert
Verwendet wird
Das blühende Krautzur Johannizeit Ende Juni geerntet, daher der Name
Geschmack
Bitter und herbals Tee eher unauffällig, die Wirkung steckt im Extrakt
Herkunft
Europa und Westasienan Wegrändern, Böschungen und Magerwiesen, weltweit verschleppt
Anerkannt für
Leichte bis mittlere DepressionEMA: well-established use für standardisierte Extrakte
Wichtig
Wechselwirkungenes schwächt viele Medikamente - auch die Pille

HerkunftDas Kraut der Sonnenwende

Johanniskraut gelbe Blüte

Halte ein Blatt gegen das Licht: Die vermeintlichen Löcher sind Öldrüsen, und die schwarzen Punkte am Blattrand sind das Hypericin, das Öl und Finger tiefrot färbt.

Das Echte Johanniskraut wächst in ganz Europa und Westasien an Wegrändern, Bahndämmen, Böschungen und auf Magerwiesen - eine anspruchslose, sonnenhungrige Staude mit leuchtend gelben Blüten. Seinen Namen hat es vom Johannistag am 24. Juni: Um die Sommersonnenwende steht es in voller Blüte, und genau dann ist der Wirkstoffgehalt am höchsten. Die Erntezeit ist also nicht Folklore, sondern Pharmakologie.

Die Kulturgeschichte ist eng mit Licht und Schutz verwoben. Man hängte es über Türen gegen Unheil, band es zu Sonnenwendkränzen, nannte es „Teufelsflucht“ und „Hexenkraut“. Der Gattungsname Hypericum wird meist als „über dem Bild“ gedeutet - Zweige, die man über Heiligenbilder legte. Zwei Erkennungsmerkmale machen es unverwechselbar: Gegen das Licht gehalten wirken die Blätter durchlöchert - das sind helle Öldrüsen, daher das Artepitheton perforatum. Und zerreibt man eine Blütenknospe zwischen den Fingern, färben sie sich blutrot; das ist das Hypericin, und im Volksmund hieß der Saft „Johannisblut“.

Arzneilich hat sich das Johanniskraut in den letzten vier Jahrzehnten von einem Volksmittel zu einem der meistuntersuchten pflanzlichen Arzneimittel überhaupt entwickelt. In Deutschland gehören standardisierte Johanniskrautextrakte zu den am häufigsten verordneten Mitteln bei leichten und mittelschweren depressiven Episoden. Daneben lebt die alte äußerliche Anwendung weiter: das Rotöl, ein Ölauszug aus den frischen Blüten, traditionell bei Verbrennungen, Prellungen und Nervenschmerzen.

NutzenWas Johanniskraut für dich tut

Johanniskraut ist die am besten belegte Heilpflanze für die Stimmung, und das ist keine Übertreibung. Die europäische Arzneimittelagentur führt standardisierte Extrakte in der Kategorie well-established use bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden. Große Übersichtsarbeiten, darunter ein umfangreicher Cochrane-Review, kommen zu dem Ergebnis, dass Johanniskrautextrakte bei leichter bis mittelschwerer Depression besser wirken als Placebo und in der Wirkung vergleichbar mit Standard-Antidepressiva sind - bei deutlich weniger Nebenwirkungen und dadurch weniger Therapieabbrüchen. Für eine Pflanze ist das eine außergewöhnliche Datenlage.

Zwei Einschränkungen gehören sofort dazu. Erstens: Das gilt für standardisierte Extrakte in ausreichender Dosis - üblicherweise 600 bis 900 Milligramm Trockenextrakt täglich - und nicht für Johanniskrauttee oder niedrig dosierte Nahrungsergänzungen. Zweitens: Es gilt für leichte bis mittelschwere Episoden. Bei einer schweren Depression ist Johanniskraut nicht die richtige Antwort, und bei Suizidgedanken gehört sofort professionelle Hilfe dazu, nicht eine Pflanze. Und wie bei allen Antidepressiva dauert es zwei bis vier Wochen, bis sich beurteilen lässt, ob es wirkt.

Der wichtigste Absatz dieser Seite ist aber ein anderer, und er steht bewusst hier oben: Johanniskraut hat massive Wechselwirkungen. Sein Inhaltsstoff Hyperforin aktiviert Enzyme in der Leber und Transportsysteme im Darm, die Medikamente schneller abbauen und ausscheiden. Die Folge ist, dass andere Wirkstoffe im Blut deutlich absinken und ihre Wirkung verlieren können - betroffen sind unter anderem hormonelle Verhütungsmittel (es sind Schwangerschaften unter der Pille durch Johanniskraut dokumentiert), Blutverdünner wie Marcumar, Medikamente nach Organtransplantationen, HIV-Medikamente, einige Krebsmedikamente, Herzmittel und Cholesterinsenker. Wer regelmäßig irgendein Medikament nimmt, klärt Johanniskraut vorher mit Arzt oder Apotheke ab. Das ist kein Kleingedrucktes, das ist der Kern.

Well-established usebei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden
600–900 mgTrockenextrakt täglich - Tee erreicht das nicht
2–4 Wochenbis sich die Wirkung beurteilen lässt
Die Pillekann durch Johanniskraut unwirksam werden - dokumentierte Fälle

InhaltsstoffeDas steckt im Kraut

Auch hier wirkt kein einzelner Stoff, sondern ein Zusammenspiel. Hypericin und Pseudohypericin sind die roten Farbstoffe aus den schwarzen Drüsen am Blatt- und Blütenrand; sie werden traditionell zur Standardisierung herangezogen und sind für die Lichtempfindlichkeit verantwortlich. Hyperforin gilt heute als der wichtigste Träger der stimmungsaufhellenden Wirkung: Es hemmt die Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin - ähnlich wie synthetische Antidepressiva, nur breiter und schwächer an jedem einzelnen Punkt.

Hyperforin ist gleichzeitig der Stoff hinter den Wechselwirkungen. Es aktiviert einen Rezeptor in der Leber, der die Bildung des Enzyms CYP3A4 ankurbelt, und steigert zusätzlich das Transportprotein P-Glykoprotein im Darm. Beides zusammen bedeutet: Andere Arzneistoffe werden schneller abgebaut und schlechter aufgenommen. Deshalb gibt es auch hyperforinarme Zubereitungen - sie haben weniger Wechselwirkungen, aber die gute Studienlage betrifft überwiegend die hyperforinreichen Extrakte.

Daneben enthält das Kraut Flavonoide wie Hyperosid, Rutin und Quercetin, Gerbstoffe, Xanthone und ätherisches Öl. Für das Rotöl werden frische Blütenknospen in gutem Pflanzenöl angesetzt und einige Wochen in die Sonne gestellt; das Öl färbt sich tiefrot, weil Hypericin und verwandte Stoffe übergehen. Äußerlich angewendet ist es ein traditionelles Mittel bei Verbrennungen, stumpfen Verletzungen und Nervenschmerzen - mit einer Einschränkung: Nach dem Auftragen die Haut nicht der prallen Sonne aussetzen.

Verstärkte KombinationenWas Johanniskraut stärker macht

Bei dieser Pflanze ist der wichtigste Teil nicht, was sie stärker macht, sondern was man vorher geklärt haben sollte.

Dosis

mit standardisiertem Extrakt

600 bis 900 mg Trockenextrakt täglich - das ist die Menge, auf die sich die Studien beziehen. Tee erreicht sie nicht.

Zeit

mit zwei bis vier Wochen Geduld

Wie bei allen Antidepressiva baut sich die Wirkung langsam auf; vorher lässt sich nichts beurteilen.

Abklärung

mit Arzt & Apotheke

Der eine Schritt, der bei Johanniskraut wirklich zählt: die Medikamentenliste durchgehen lassen.

Struktur

mit Licht, Bewegung & Schlaf

Tageslicht am Morgen, Bewegung und ein regelmäßiger Rhythmus wirken bei leichten Episoden nachweislich mit.

Abend

mit Baldrian & Melisse

Wenn Anspannung und Schlafprobleme dazugehören, sind das die unproblematischen Begleiter.

Äußerlich

als Rotöl

Ölauszug aus frischen Blüten bei Prellungen, kleinen Verbrennungen und Nervenschmerzen - eine ganz eigene Anwendung.

Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen

Verhütung

nicht mit der Pille

Johanniskraut kann hormonelle Verhütungsmittel unwirksam machen - es gibt dokumentierte Schwangerschaften. Zusätzlicher Schutz oder eine andere Pflanze.

Medikamente

nicht mit Marcumar, Ciclosporin, HIV-Mitteln

Diese und viele weitere Wirkstoffe verlieren an Wirkung - bei Transplantierten kann das lebensbedrohlich werden.

Antidepressiva

nicht zusätzlich zu SSRI & Co.

Die Kombination kann ein Serotonin-Syndrom auslösen - niemals eigenmächtig kombinieren oder umstellen.

Sonne

nicht bei intensiver Sonne & Solarium

Hypericin macht lichtempfindlich; bei hellhäutigen Menschen und hoher Dosis sind Sonnenbrände beschrieben.

Schwere

nicht bei schwerer Depression

Bei schwerer Episode, Antriebslosigkeit über Wochen oder Suizidgedanken gehört sofort professionelle Hilfe dazu.

Erwartung

nicht als Stimmungsaufheller für heute

Es wirkt nicht akut und ist kein Beruhigungs- oder Muntermacher für den einzelnen schlechten Tag.

AnwendungWie es verwendet wird

  • Standardisierter Trockenextrakt600 bis 900 mg täglich als Tablette - die Form, auf die sich die Studien beziehen.
  • JohanniskrautteeZwei Teelöffel auf 250 ml, zugedeckt zehn Minuten - deutlich schwächer als der Extrakt, eher unterstützend.
  • Rotöl selbst angesetztFrische Blütenknospen in Oliven- oder Sonnenblumenöl, drei Wochen in die Sonne, dann abseihen.
  • Rotöl äußerlichBei Prellungen, Verspannungen, kleinen Verbrennungen und Nervenschmerzen einmassieren.
  • TinkturAlkoholischer Auszug, tropfenweise - Dosierung schwerer einzuschätzen als beim Fertigpräparat.
  • Kombiniert mit BaldrianWenn Unruhe und Schlafstörungen Teil des Bildes sind.
  • Als BegleitungNeben Gesprächstherapie, Bewegung und Lichttherapie, nicht als Ersatz dafür.
  • WinterzeitTraditionell in der dunklen Jahreszeit angewendet - zusammen mit Tageslicht am Morgen.
  • ErntezeitUm den Johannistag Ende Juni, wenn der Wirkstoffgehalt am höchsten ist.
  • Nicht bei MedikamentenBevor irgendetwas davon beginnt: Medikamentenliste mit Arzt oder Apotheke durchgehen.
Faustregel: Der eine Satz, den man sich merken sollte: Bevor du Johanniskraut nimmst, geh deine Medikamente mit Arzt oder Apotheke durch - vor allem, wenn du hormonell verhütest. Danach gilt: standardisiertes Präparat, ausreichend dosiert, zwei bis vier Wochen durchhalten, und im Sommer die Sonne im Blick behalten.

Als HausmittelRotöl selbst ansetzen

So geht’s

Johanniskraut-Rotöl für die Haut

  1. Um den Johannistag Ende Juni frisch geöffnete Blüten und Knospen an einem trockenen, sonnigen Vormittag sammeln - zwischen den Fingern zerrieben müssen sie rot färben.
  2. Die Blüten locker in ein sauberes Schraubglas füllen und mit gutem Oliven- oder Sonnenblumenöl vollständig bedecken.
  3. Das verschlossene Glas drei bis vier Wochen an einen hellen, sonnigen Platz stellen und täglich einmal schwenken. Das Öl färbt sich nach und nach tiefrot.
  4. Durch ein Tuch abseihen, in eine dunkle Flasche füllen und kühl lagern - so hält es etwa ein Jahr.
Wofür

Äußerlich bei Prellungen, Verspannungen, Muskelkater, kleinen Verbrennungen und Sonnenbrand sowie traditionell bei Nervenschmerzen. Das ist eine alte, gut eingeführte Hausanwendung; die Studienlage dafür ist dünn, aber das Öl ist mild, angenehm und tut nachweislich nichts Schlechtes. Innerlich ist Rotöl nicht gedacht - die stimmungsaufhellende Wirkung kommt aus standardisierten Extrakten, nicht aus dem Ölauszug.

Menge

Nach Bedarf dünn auf die betroffene Stelle einmassieren. Wichtig: Nach dem Auftragen die Haut nicht in die pralle Sonne halten - Hypericin macht lichtempfindlich. Nicht auf offene, nässende Wunden und nicht auf großflächige oder tiefe Verbrennungen; die gehören ärztlich versorgt.

Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen

Ayurveda

Johanniskraut ist keine klassische ayurvedische Pflanze und kommt in den überlieferten Texten nicht vor. Nach seinen Eigenschaften eingeordnet wäre es bitter, herb und leicht erwärmend: Kapha senkend, Vata besänftigend, für Pitta in Kurmengen eher ungünstig. Für die dunkle, schwere, träge Stimmung des Winters - im ayurvedischen Denken ein Kapha-Zustand - würde es damit passen. Eine Einordnung nach Prinzip, keine Überlieferung.

Traditionelle Chinesische Medizin

In der chinesischen Materia Medica ist Hypericum perforatum nicht klassisch geführt; verwandte Arten werden in der chinesischen Volksmedizin als Guan Ye Lian Qiao verwendet, dort vor allem äußerlich bei Wunden und Schwellungen. Nach seinem Charakter wäre es ein bitteres, kühlendes Kraut, das Hitze klärt und stagniertes Leber-Qi bewegt - die Stagnation der Leber ist in der TCM das Bild, das gedrückter Stimmung und Reizbarkeit am nächsten kommt.

WarnhinweiseWann du aufpassen solltest

Bitte beachten

  • Wechselwirkungen: Johanniskraut schwächt zahlreiche Medikamente - Pille, Marcumar, Ciclosporin, HIV-Mittel, einige Krebsmedikamente, Digoxin, Statine. Immer vorher mit Arzt oder Apotheke abklären.
  • Verhütung: hormonelle Verhütungsmittel können unwirksam werden; es sind Schwangerschaften dokumentiert.
  • Antidepressiva: nicht eigenmächtig zusätzlich einnehmen - die Kombination kann ein Serotonin-Syndrom auslösen.
  • Lichtempfindlichkeit: Hypericin erhöht die Empfindlichkeit gegenüber Sonne und Solarium, besonders bei heller Haut und hoher Dosis.
  • Schwere Depression: bei schwerer Episode, anhaltender Antriebslosigkeit oder Suizidgedanken gehört sofort professionelle Hilfe dazu - das ist kein Fall für Selbstbehandlung.
  • Absetzen: verschriebene Medikamente niemals eigenständig durch Johanniskraut ersetzen oder absetzen.

Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.

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QuellenWorauf sich das stützt

  1. EMA/HMPC: European Union herbal monograph on Hypericum perforatum L., herba - well-established use bei leichten bis mittelschweren depressiven Episoden.
  2. Linde K, Berner MM, Kriston L. St John’s wort for major depression. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008; CD000448.
  3. Kommission E: Monographie Hyperici herba (Johanniskraut), Bundesanzeiger 1984.
  4. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Hinweise zu Wechselwirkungen johanniskrauthaltiger Arzneimittel, unter anderem mit hormonellen Kontrazeptiva, Ciclosporin und HIV-Proteasehemmern.
  5. Blaschek W (Hrsg.): Wichtl - Teedrogen und Phytopharmaka. 6. Auflage 2016, Monographie Hyperici herba.