HerkunftDer Baum, unter dem Recht gesprochen wurde

Die Linde stand in der Mitte des Dorfs, und unter ihr wurde getanzt, verhandelt und Recht gesprochen - über Jahrhunderte, am selben Ort.
Zwei Arten teilen sich Mitteleuropa: Die Winterlinde Tilia cordata hat kleinere, unterseits blaugrüne Blätter mit rostbraunen Haarbüscheln in den Aderwinkeln und blüht spät. Die Sommerlinde Tilia platyphyllos hat größere, weichhaarige Blätter, blüht zwei Wochen früher und wächst schneller. Wo beide zusammenstehen, kreuzen sie sich zur Holländischen Linde Tilia × europaea - das ist der Baum, der in vielen Alleen steht. Arzneilich werden Winter- und Sommerlinde gleichwertig verwendet.
Die kulturelle Stellung der Linde in Mitteleuropa hat kein anderer Baum. Sie war der Baum der Freya und blieb nach der Christianisierung der Dorfbaum: Unter der Dorflinde wurde getanzt, unter der Gerichtslinde wurde Recht gesprochen - bis in die frühe Neuzeit hinein wurden Urteile „unter der Linde“ datiert. Sie stand für Gemeinschaft und Ausgleich, während die Eiche für Kraft und Kampf stand. Viele dieser Bäume existieren noch: Die Tanzlinde in Peesten, die Gerichtslinde in Bordesholm, die alte Linde in Schenklengsfeld, die auf über tausend Jahre geschätzt wird.
Dass Linden so alt werden, liegt an einer Besonderheit ihres Wuchses. Sie treiben aus dem Stockausschlag wieder aus, können hohle Stämme über Jahrhunderte weiter versorgen und bilden sogar Innenwurzeln, die im morschen Stamminneren nach unten wachsen und den Baum von innen neu stützen. Ein alter Lindenstamm ist deshalb selten ein einzelner Organismus in dem Sinn, wie man es von einer Fichte erwarten würde, sondern eher eine sich selbst erneuernde Struktur. Das ist der Grund, warum diese Bäume Dörfer überleben.
NutzenWas die Linde liefert - außer Tee
Der wichtigste Beitrag der Linde zur Kulturgeschichte ist ihr Holz. Lindenholz ist weich, sehr gleichmäßig gefasert, fast frei von Harzen und Gerbstoffen, schwindet wenig und lässt sich in jede Richtung schneiden, ohne auszureißen. Für Bildschnitzer gibt es kein besseres Material, und deshalb sind die großen spätgotischen Altäre Mitteleuropas fast ausnahmslos aus Lindenholz: die Arbeiten Tilman Riemenschneiders, der Krakauer Marienaltar von Veit Stoß, unzählige Kruzifixe und Heiligenfiguren. Das englische Wort für Lindenholz, limewood, ist in der Kunstgeschichte ein feststehender Begriff.
Die zweite Nutzung ist der Bast. Unter der Rinde liegt eine Schicht zäher, langer Fasern, die sich nach mehrwöchigem Wässern ablösen lässt und zu Schnüren, Matten, Körben und Schuhen verarbeitet wurde. In Osteuropa und Russland waren Bastschuhe - Lapti - bis ins 20. Jahrhundert das Schuhwerk der Landbevölkerung, und für ein einziges Paar, das wenige Wochen hielt, brauchte es den Bast mehrerer junger Linden. Das deutsche Wort „Bast“ stammt direkt aus dieser Nutzung; wer heute Bastband kauft, bekommt meist Raffia aus Palmblättern.
Drittens ist die Linde eine der wichtigsten Bienenweiden Mitteleuropas, und zwar an einer besonderen Stelle im Jahr: Sie blüht im Juni und Juli, wenn Raps und Obstblüte längst vorbei sind und viele Landschaften in ein Trachtloch fallen. Eine große, alt gewachsene Linde kann in guten Jahren mehrere Kilo Honig liefern. Lindenblütenhonig ist entsprechend charakteristisch - hell, mit einem minzig-frischen Ton, der aus denselben ätherischen Öl-Komponenten stammt, die auch den Tee prägen.
Und schließlich die Blätter, die praktisch niemand nutzt. Junge Lindenblätter sind mild, zart, leicht schleimig und in enormen Mengen verfügbar - ein Baum liefert mehr Blattmasse als ein ganzes Gemüsebeet. Sie wurden in Notzeiten getrocknet, gemahlen und dem Mehl beigemischt, und sie sind heute ein hervorragendes Wildsalatblatt für alle, die mit dem Sammeln anfangen wollen: eindeutig zu erkennen, nicht verwechselbar mit etwas Giftigem, und im Mai in jedem Park verfügbar.
InhaltsstoffeWas in Blatt, Blüte und Holz steckt
Die jungen Lindenblätter enthalten Schleimstoffe, Flavonoide und eine erstaunliche Menge Vitamin C und Protein für ein Baumblatt. Der Schleimanteil ist es, der ihnen das leicht samtige Mundgefühl gibt und sie als Salatblatt angenehm macht. Mit zunehmendem Alter steigt der Gerbstoffgehalt, das Blatt wird zäh und bitter - deshalb gilt für Lindenblätter die Regel: bis Ende Mai, danach nur noch die frischen Austriebe an Wasserreisern.
In den Blüten stecken Flavonoide, allen voran Tilirosid und Quercetinglykoside, sowie Schleimstoffe und ein knappes Prozent ätherisches Öl mit Farnesol als Hauptkomponente. Das ist der Stoff, der Lindenblüten und Lindenblütenhonig den charakteristisch weichen, süßlichen Duft gibt. Die arzneiliche Bewertung dieser Blüten - als traditionelles Schwitzmittel bei Erkältung - behandeln wir auf der eigenen Seite zu Lindenblüten; hier geht es um den Baum.
Der Bast besteht aus langen Bastfasern, die von Pektinen zusammengehalten werden. Beim wochenlangen Wässern zersetzen Bakterien diese Pektine, und die Fasern lösen sich voneinander - dasselbe Prinzip wie bei der Flachsröste. Die Fasern selbst sind zellulosereich, sehr zugfest und deutlich beständiger gegen Feuchtigkeit als etwa Papier.
Beim Holz ist die Abwesenheit von Stoffen der entscheidende Punkt: Lindenholz enthält kaum Harze, kaum Gerbstoffe und keine ausgeprägten Farbstoffe. Deshalb riecht es nicht, verfärbt sich nicht nennenswert und reagiert nicht mit Beize, Kreidegrund oder Blattgold. Für Musikinstrumentenbauer, Modellbauer und Bildschnitzer ist genau das der Wert. Ein Nebeneffekt: Lindenholz ist wenig dauerhaft und im Außenbereich schnell verloren - es ist ein Innenraum-Holz.
Verstärkte KombinationenDie Linde im Garten, im Park und in der Küche
Als Baum steht die Linde in Beziehungen - zu Bienen, zu Blattläusen, zu parkenden Autos. Diese Punkte lohnt es zu kennen, bevor man eine pflanzt.
Junge Lindenblätter sind mild und schleimig und bilden die perfekte Grundlage für einen Wildsalat, in dem Löwenzahn, Giersch und Sauerampfer die kräftigen Töne setzen. Sie ersetzen den Kopfsalat vollständig.
Die späte Blüte im Juni und Juli füllt ein Trachtloch, in das viele Landschaften nach der Obstblüte fallen. Wer Bienen halten will und pflanzen kann, pflanzt Linden.
Das beste Einsteigerholz überhaupt: weich genug für Handwerkzeug, faserarm genug, um in jede Richtung zu schneiden, ohne auszureißen. Deshalb sind Schnitzkurse fast immer Lindenholzkurse.
Der minzig-frische Ton des Lindenblütenhonigs passt zu Erkältungstees besser als jeder andere Honig - und zwar aromatisch, nicht nur symbolisch.
Linden vertragen Rückschnitt, Stadtluft und verdichteten Boden erstaunlich gut und werden deshalb so oft gepflanzt. Was sie brauchen, ist Raum: Eine Winterlinde will auf Dauer zwanzig Meter Krone.
Für die arzneiliche Seite - Erkältung, Fieber, Schwitzkur - haben wir eine eigene Seite. Dort steht, was Blüten leisten und was nicht.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Lindenblattläuse produzieren Honigtau, der als klebriger Film auf allem landet, was darunter steht. Auf Autolack zieht das Schwärzepilze nach und ist mühsam zu entfernen. Linden nicht über Parkplätze pflanzen.
Unter blühenden Silberlinden Tilia tomentosa findet man regelmäßig tote Hummeln. Die Ursache ist umstritten - diskutiert werden Mannose im Nektar und schlicht Verhungern am erschöpften Baum. Wer Hummeln fördern will, pflanzt heimische Winterlinde.
Ab Juni werden die Blätter zäh und gerbstoffreich. Die Erntezeit für die Küche ist kurz: der Austrieb im Mai, danach nur noch frische Wasserreiser-Triebe.
Eine Winterlinde wird dreißig Meter hoch und ebenso breit. In einem Reihenhausgarten ist das keine gute Idee - dort passen höchstens regelmäßig geschnittene Formlinden.
Ohne Harze und Gerbstoffe fehlt dem Holz der natürliche Schutz. Im Freien hält es wenige Jahre. Es ist ein Material für Innenräume.
Alleebäume an stark befahrenen Straßen nehmen Schadstoffe auf, und der Honigtau bindet zusätzlich Staub. Für Blätter und Blüten abseits sammeln.
In der KücheLindenblätter - das übersehene Wildgemüse
- WildsalatJunge Maiblätter gewaschen und als Salatbasis. Mild, zart, leicht schleimig - der beste Einstieg ins Wildkräutersammeln, den es gibt.
- Grüne SmoothiesEine Handvoll junger Blätter mit Apfel und Banane. Schmeckt nach nichts Auffälligem und bringt trotzdem Blattgrün mit.
- PestoMit Öl, Sonnenblumenkernen und Käse gemixt - milder als Bärlauchpesto, aber ergiebiger, weil ein Baum unbegrenzt liefert.
- BlattwickelGrößere junge Blätter wie Weinblätter mit Reis füllen und dünsten. Sie sind zarter als Weinblätter und brauchen weniger Garzeit.
- SuppengrundlageBlätter blanchieren und pürieren - die Schleimstoffe binden die Suppe ganz ohne Mehl oder Sahne.
- BrotaufstrichFein gehackte Blätter unter Frischkäse mit Zitrone und Salz. Mild genug, dass auch Kinder es essen.
- LindenblütenhonigNicht selbstgemacht, aber der beste Honig für Erkältungstees - hell, mit minzig-frischer Note.
- BlütensirupAus den Blüten mit Zucker und Zitrone, ähnlich wie Holunderblütensirup, aber weicher und blumiger im Geschmack.
- Kalter BlütenansatzBlüten über Nacht in kaltem Wasser - ergibt ein zartes Sommergetränk ohne die Bitternote, die heißes Wasser herausholt.
- Gemahlene BlätterGetrocknet und gemahlen als Beimischung zu Mehl. Historisch ein Notnahrungsmittel, heute ein Weg, Blattgrün in Brot zu bekommen.
Als HausmittelLindenblätter richtig sammeln und verarbeiten
Der Mai-Vorrat vom Lindenbaum
- Im Mai einen Baum abseits stark befahrener Straßen suchen. Die Blätter müssen hellgrün, weich und noch nicht ledrig sein - Faustregel: Wenn sie beim Zerknüllen knistern, sind sie zu alt.
- Die unteren Zweige und vor allem die Wasserreiser am Stamm abernten. Dort sind die Blätter am zartesten, und dem Baum fehlt nichts.
- Waschen und trockenschleudern. Für den Sofortverzehr im Salat reicht das - sie brauchen keine weitere Behandlung.
- Für den Vorrat: Blätter auf Gittern oder Tüchern ausbreiten und im Schatten bei guter Luft trocknen, bis sie rascheln. In Papiertüten oder Gläsern dunkel lagern.
- Alternativ blanchieren, in Portionen pressen und einfrieren - so bleiben sie als Gemüsebasis über den Winter verwendbar.
- Für Blüten: Erst im Juni ernten, bei trockenem Wetter am späten Vormittag, mit den hellgrünen Flügelblättern zusammen. Zügig im Schatten trocknen; braun gewordene Blüten sind nichts mehr wert.
Für Wildsalat, Suppen, Pesto und Smoothies aus einer Quelle, die praktisch unbegrenzt liefert und die jeder finden kann. Für die arzneiliche Anwendung der Blüten - Erkältung, Schwitzkur - siehe die eigene Seite zu Lindenblüten im Archiv.
Blätter kannst du in beliebiger Menge essen; es gibt keine bekannte Obergrenze. Für getrocknete Blüten als Tee gelten die üblichen 2 bis 4 g pro Tasse - nachzulesen auf der Lindenblüten-Seite.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Die Linde gehört zur Familie der Malvengewächse, und diese Familie ist im Ayurveda über andere Vertreter präsent - etwa über Bala (Sida cordifolia) und den Hibiskus, die beide ebenfalls schleimreich sind und als kühlend und nährend eingeordnet werden. Die Linde selbst ist ein mitteleuropäischer Baum ohne Platz in den klassischen Texten. Wo sie in moderner indischer Literatur auftaucht, geschieht das mit europäischen Kategorien.
Traditionelle Chinesische Medizin
Auch in der chinesischen Materia medica fehlt Tilia. Interessant ist die kulturelle Parallele: Die Rolle, die die Linde in Mitteleuropa als Dorf- und Versammlungsbaum spielt, nimmt in Ostasien der Ginkgo ein, der ebenfalls an Tempeln und Versammlungsorten gepflanzt wird und ebenfalls sehr alt wird. Beide Bäume markieren einen Ort über Generationen hinweg - eine Funktion, die mit Pharmakologie nichts zu tun hat, aber viel darüber sagt, warum diese Bäume überhaupt stehen geblieben sind.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Blüten haben eine eigene Seite: Alles zur arzneilichen Anwendung - Erkältung, Fieber, Schwitzkur, Warnhinweise - steht bei den Lindenblüten. Diese Seite behandelt den Baum.
- Erntezeit für Blätter beachten: Ab Juni werden die Blätter zäh und gerbstoffreich. Alte Blätter sind nicht giftig, aber ungenießbar - und schwer verdaulich.
- Nicht an Straßen sammeln: Alleelinden nehmen Schadstoffe auf, und der klebrige Honigtau bindet zusätzlich Staub und Abrieb. Für die Küche abseits sammeln.
- Silberlinde und Hummeln: Unter blühenden Silberlinden sterben regelmäßig Hummeln. Für Neupflanzungen ist die heimische Winterlinde die bessere Wahl.
- Honigtau auf Autolack: Kein Gesundheitsthema, aber ein teures: Der klebrige Belag zieht Schwärzepilze nach. Linden nicht über Stellplätze pflanzen.
- Baumgröße einplanen: Eine Winterlinde erreicht dreißig Meter in Höhe und Breite. In kleinen Gärten sind nur regelmäßig geschnittene Formen sinnvoll.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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QuellenWorauf sich das stützt
- Bundesamt für Naturschutz / Deutsches Baumarchiv: Dokumentation alter Linden in Deutschland, Altersschätzungen und Standorte.
- Baumann E. et al.: Tilia tomentosa and bumblebee mortality - Diskussion der Ursachen in Apidologie und Folgeliteratur.
- Grosser D., Teetz W.: Einheimische Nutzhölzer - Linde, Informationsdienst Holz.
- European Medicines Agency, HMPC: Community herbal monograph on Tilia spp., flos - zur Abgrenzung der arzneilichen Anwendung.
- Baumgartner U.: Bastgewinnung und Bastschuhe in Osteuropa - volkskundliche Übersichtsdarstellung.


