Süßkartoffel (Ipomoea batatas)

Botanischer Name
Ipomoea batatasWindengewächs (Convolvulaceae)
Verwandtschaft
keine Kartoffelund auch kein Yams
Beta-Carotin
bis über 10 mg/100 gin orangefleischigen Sorten
Glykämischer Index
abhängig vom Garengekocht deutlich niedriger als gebacken
Blätter
essbarin Afrika und Asien ein Blattgemüse
Lagerung
nicht in den KühlschrankKälte macht sie hart und ranzig im Geschmack

HerkunftAus Südamerika - und ein ungelöstes Rätsel im Pazifik

Süßkartoffeln, ganz und in Scheiben

Die Süßkartoffel war lange vor Kolumbus in Polynesien - und niemand weiß sicher, wie sie dorthin kam.

Ipomoea batatas stammt aus dem tropischen Amerika; Funde aus peruanischen Höhlen werden auf mehrere tausend Jahre datiert. Sie ist eine der ältesten Kulturpflanzen des Kontinents und war in Mittel- und Südamerika weit verbreitet, bevor Europäer dort ankamen. Kolumbus brachte sie nach Spanien - tatsächlich vor der Kartoffel, weshalb sich der Name in einigen Sprachen überkreuzt hat: Das englische potato kommt vom taíno-karibischen batata, das eigentlich die Süßkartoffel meinte.

Das eigentlich Spannende ist aber, was im Pazifik passierte. In Polynesien - auf Neuseeland, den Cookinseln, Hawaii - wird die Süßkartoffel seit Jahrhunderten angebaut und heißt dort kumara oder kumala. Archäologische Funde auf den Cookinseln datieren sie auf die Zeit um 1000 nach Christus, also lange vor jedem europäischen Kontakt. Und in der Quechua-Sprache der Anden heißt sie kumar.

Darüber wird seit Jahrzehnten gestritten. Die eine Erklärung sagt: polynesische Seefahrer erreichten Südamerika und brachten sie mit - ein Beleg für Kontakte über Tausende Kilometer offenen Ozean. Die andere sagt: die Samen trieben oder wurden von Vögeln verbreitet, und die Namensähnlichkeit ist Zufall. Genetische Untersuchungen haben mal die eine, mal die andere Seite gestützt; eine große Studie von 2018 argumentierte für natürliche Verbreitung, eine DNA-Analyse von 2020 an Menschen aus Polynesien und Südamerika fand dagegen Hinweise auf tatsächlichen Kontakt um 1200. Entschieden ist es nicht.

Heute ist die Süßkartoffel eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel der Welt, mit China als größtem Produzenten und einer enormen Bedeutung in Ost- und Westafrika. In Deutschland ist sie erst seit wenigen Jahren im Supermarktregal angekommen - und wird inzwischen sogar in Niedersachsen und Rheinland-Pfalz angebaut.

NutzenBeta-Carotin - und ein gelöstes Ernährungsproblem

Der auffälligste Wert der orangefleischigen Süßkartoffel ist ihr Beta-Carotin-Gehalt: je nach Sorte bis über zehn Milligramm pro hundert Gramm, damit in derselben Liga wie Karotten und weit über allem, was eine normale Kartoffel liefert. Beta-Carotin ist die Vorstufe von Vitamin A, und die orange Farbe ist der direkte Indikator - weißfleischige und violette Sorten enthalten davon fast nichts, dafür bei den violetten reichlich Anthocyane.

Daraus ist eines der wenigen wirklich gut dokumentierten Ernährungsprojekte der Welt entstanden. Vitamin-A-Mangel ist in Teilen Afrikas und Südasiens eine Hauptursache für kindliche Erblindung und erhöhte Infektsterblichkeit. Weil in Ostafrika traditionell weißfleischige Süßkartoffeln angebaut wurden, züchteten Forschungsinstitute orangefleischige Sorten, die zum lokalen Klima und Geschmack passten. Kontrollierte Studien in Mosambik und Uganda zeigten danach messbar bessere Vitamin-A-Versorgung bei Kindern. Für diese Arbeit wurde 2016 der World Food Prize vergeben. Das ist kein Nahrungsergänzungsmarketing, sondern eine Pflanzenzüchtung mit belegtem Ergebnis.

Dazu kommt ein solides Grundprofil: Ballaststoffe, Kalium, Mangan, Vitamin C, Vitamin B6 und eine ordentliche Menge an Phenolen in der Schale. Die violetten Sorten - etwa die japanische Ayamurasaki - enthalten Anthocyane in Mengen, die mit dunklen Beeren vergleichbar sind.

Und dann gibt es noch die Blätter. In weiten Teilen Afrikas und Asiens sind Süßkartoffelblätter ein selbstverständliches Blattgemüse mit gutem Protein- und Carotinoidgehalt. Bei uns wandern sie auf den Kompost, wenn überhaupt jemand die Pflanze anbaut. Sie schmecken gedünstet ähnlich wie Spinat - wer selbst anbaut, sollte das probieren.

über 10 mgBeta-Carotin pro 100 g in orangen Sorten
2016World Food Prize für die orangefleischige Süßkartoffel
ca. 13 °CLagertemperatur - der Kühlschrank ist zu kalt
50 - 80glykämischer Index, je nach Garmethode

InhaltsstoffeWarum Kochen und Backen verschiedene Lebensmittel ergeben

Süßkartoffeln gelten als die „bessere“ Kartoffel für den Blutzucker. Das stimmt - aber nur, wenn man sie kocht. Der Grund ist ein Enzym: Beta-Amylase. Es baut Stärke zu Maltose ab, also zu Zucker, und es arbeitet am besten in einem Temperaturfenster um die fünfundsechzig bis fünfundsiebzig Grad. Beim langsamen Backen im Ofen durchläuft die Knolle dieses Fenster über eine lange Zeit, das Enzym arbeitet die ganze Strecke mit, und am Ende ist ein erheblicher Teil der Stärke in Zucker verwandelt. Das ist der Grund, warum gebackene Süßkartoffeln karamellig süß schmecken und weich werden.

Für den glykämischen Index heißt das: Gekochte Süßkartoffel liegt je nach Untersuchung bei etwa fünfzig, gebackene deutlich höher, in manchen Messungen über achtzig. Wer wegen des Blutzuckers zur Süßkartoffel greift, sollte sie also kochen oder dämpfen statt sie lange im Ofen zu backen - oder wenigstens wissen, dass der Ofen das Gegenteil von dem tut, was erwartet wird.

Das Beta-Carotin ist fettlöslich. Ohne Fett wird nur ein Bruchteil aufgenommen; mit etwas Öl, Butter, Nüssen oder Avocado dazu steigt die Aufnahme erheblich. Das ist eine der wenigen Küchenregeln, die in Studien klar bestätigt ist - und ein Grund, Süßkartoffelpüree nicht fettfrei zu machen.

Zur Lagerung gibt es eine Regel, die viele Menschen nicht kennen und die den Unterschied zwischen einer guten und einer ungenießbaren Knolle ausmacht: Süßkartoffeln gehören nicht in den Kühlschrank. Unter etwa zehn Grad erleiden sie einen Kälteschaden - sie entwickeln harte, nicht weich kochende Stellen und einen muffigen Beigeschmack. Der richtige Ort ist dunkel, luftig und bei etwa dreizehn bis sechzehn Grad, also eher Vorratsraum oder Keller als Küchenschrank über dem Herd. Kommerziell werden sie nach der Ernte außerdem „ausgehärtet“: eine Woche bei rund neunundzwanzig Grad und hoher Luftfeuchte, damit die Schale Verletzungen verschließt und die Knolle monatelang haltbar wird.

Verstärkte KombinationenWomit sie zusammenarbeitet

Zwei Dinge bestimmen, was aus einer Süßkartoffel wird: ob Fett dabei ist, und wie stark sie erhitzt wird.

Fett

Süßkartoffel + Öl, Butter oder Nüsse

Beta-Carotin ist fettlöslich. Ohne Fett bleibt der größte Teil ungenutzt - der wichtigste Punkt auf dieser Seite.

Schärfe

Süßkartoffel + Chili oder Paprika

Die Süße verträgt Schärfe außergewöhnlich gut und wird dadurch erst zu einem herzhaften Gericht.

Erdig

Süßkartoffel + Kreuzkümmel und Koriander

Die Standardwürzung aus der nordafrikanischen und indischen Küche - sie nimmt der Süße die Eindimensionalität.

Säure

Süßkartoffel + Limette oder Joghurt

Säure ist der Gegenspieler der Süße und macht Ofengemüse rund.

Blattgrün

Süßkartoffel + Grünkohl oder Spinat

Optisch und ernährungsphysiologisch eine gute Kombination: Carotinoide aus beiden, Fett bringt sie in den Körper.

Schale

Süßkartoffel + Schale mitessen

Gut gewaschen bleibt die Schale dran - dort sitzen ein Teil der Ballaststoffe und der Phenole.

Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen

Blutzucker

Süßkartoffel + langes Backen

Beta-Amylase verwandelt Stärke in Zucker. Wer den niedrigen GI will, kocht oder dämpft statt zu backen.

Kälte

Süßkartoffel + Kühlschrank

Unter zehn Grad entsteht ein Kälteschaden: harte Stellen, muffiger Geschmack. Dunkel und kühl, aber nicht kalt lagern.

Erwartung

Süßkartoffel + „Diätkartoffel“

Sie ist trotz allem ein stärkereiches Grundnahrungsmittel mit ähnlicher Kaloriendichte wie die Kartoffel. Der Vorteil liegt im Carotinoidgehalt, nicht in der Kalorienzahl.

Fettfrei

Süßkartoffel + Zubereitung ohne jedes Fett

Dann geht der wichtigste Inhaltsstoff weitgehend verloren.

Nieren

Süßkartoffel + Oxalat-Steinleiden

Der Oxalatgehalt ist relevant. Bei wiederkehrenden Calciumoxalat-Steinen ärztlich klären.

Dunkel geröstet

Süßkartoffel + sehr hohe Ofentemperatur

Stark gebräunte Pommes bilden Acrylamid. Goldgelb statt dunkelbraun - dieselbe Regel wie bei Kartoffeln.

In der KücheWas mit ihr geht

  • OfengemüseIn Spalten mit Öl, Kreuzkümmel und Paprika bei 200 Grad.
  • GedämpftDie Variante mit dem niedrigsten glykämischen Index.
  • PüreeMit Butter oder Kokosmilch, Muskat und Limettenabrieb.
  • SuppeMit Ingwer, Kokosmilch und Chili - ein Klassiker.
  • CurryHält beim Schmoren die Form besser als Kartoffel.
  • PommesGoldgelb, nicht dunkel - wegen Acrylamid.
  • GefülltGanz gebacken, aufgeschnitten, mit Bohnen und Joghurt gefüllt.
  • Mit GrünkohlOfenblech mit Kichererbsen und Tahinisauce.
  • RöstiGrob geraspelt, mit Ei gebunden, in der Pfanne.
  • BlätterWer selbst anbaut: die jungen Blätter wie Spinat dünsten.
Faustregel: Wenn du sie wegen des Blutzuckers isst, koche oder dämpfe sie. Wenn du sie wegen des Geschmacks isst, backe sie langsam im Ofen. Beides ist richtig - aber es ist nicht dasselbe Lebensmittel, und der Unterschied entsteht erst beim Garen.

Als HausmittelSüßkartoffeln richtig lagern

So geht’s

Die Knolle, die den Kühlschrank hasst

  1. Beim Kauf auf feste, glatte Knollen ohne weiche Stellen, Schimmel oder ausgetriebene Augen achten. Kleine Risse in der Schale sind normal und kein Problem.
  2. Nicht waschen. Feuchtigkeit fördert Schimmel; Erde bleibt dran, bis die Knolle verwendet wird.
  3. Kleine Schnittstellen selbst „aushärten“: die Knollen für drei bis sieben Tage warm - ideal um die 25 bis 29 Grad - und feucht lagern, etwa in einer Papiertüte an einem warmen Ort. Die Schale verschließt Verletzungen von selbst, und die Haltbarkeit steigt erheblich.
  4. Danach dunkel, luftig und bei etwa 13 bis 16 Grad aufbewahren: Keller, Speisekammer oder ein kühler Flurschrank. In einem Korb oder einer Papiertüte, nie im geschlossenen Plastikbeutel.
  5. Auf keinen Fall in den Kühlschrank. Unter etwa zehn Grad entsteht ein Kälteschaden - die Knolle bekommt harte Stellen, die auch beim Kochen nicht weich werden, und einen muffigen Beigeschmack. Das ist irreversibel.
  6. Nicht neben Äpfel oder Birnen legen. Deren Ethylen lässt Süßkartoffeln schneller austreiben und bitter werden. So gelagert halten sie mehrere Monate.
Wofür

Für alle, die schon einmal eine Süßkartoffel gekocht haben, die trotz langer Garzeit hart und seltsam schmeckte - das war fast immer der Kühlschrank.

Menge

Ein Lebensmittel ohne Dosierungsregel. Wer sehr große Mengen orangefleischiger Sorten isst, kann eine harmlose Gelbfärbung der Haut entwickeln (Carotinodermie) - das ist kein Schaden und verschwindet von selbst.

Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen

Ayurveda

Die Süßkartoffel ist in Indien seit der Kolonialzeit verbreitet und wird in der ayurvedischen Diätetik als süß, schwer und nährend eingeordnet - also vata-beruhigend und aufbauend, aber für kapha-Konstitutionen eher in Maßen. In Nordindien ist die geröstete shakarkandi ein Straßenessen der Wintermonate, klassisch mit Chaat-Masala, Limette und Salz - eine Kombination, die genau das tut, was auch die moderne Küche empfiehlt: Säure und Schärfe gegen die Süße.

Traditionelle Chinesische Medizin

In der chinesischen Diätetik gilt die Süßkartoffel - Fan Shu oder Di Gua - als süß und neutral bis leicht wärmend, mit Bezug zu Milz, Magen und Niere. Sie wird als Qi-aufbauend und die Mitte stärkend beschrieben und gehört zu den klassischen Speisen für Menschen mit schwacher Verdauung. In China ist sie kein exotisches Gemüse, sondern eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel überhaupt; geröstete Süßkartoffeln aus dem Straßenofen sind dort ein Winterbild wie bei uns die Maronen.

WarnhinweiseWann du aufpassen solltest

Bitte beachten

  • Nicht in den Kühlschrank: Unter etwa zehn Grad entsteht ein irreversibler Kälteschaden - harte Stellen und muffiger Geschmack.
  • Backen erhöht den glykämischen Index: Beta-Amylase verwandelt beim langsamen Backen Stärke in Zucker. Wer den Blutzucker im Blick hat, kocht oder dämpft.
  • Fett gehört dazu: Beta-Carotin ist fettlöslich. Ohne Fett wird nur ein kleiner Teil aufgenommen.
  • Oxalat: Der Gehalt ist relevant. Bei wiederkehrenden Calciumoxalat-Nierensteinen ärztlich abklären.
  • Acrylamid: Stark gebräunte Süßkartoffelpommes bilden wie Kartoffelpommes Acrylamid. Goldgelb statt dunkelbraun.
  • Kein Diätwunder: Die Süßkartoffel ist ein stärkereiches Grundnahrungsmittel. Ihr Vorteil liegt beim Beta-Carotin, nicht bei den Kalorien.

Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.

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QuellenWorauf sich das stützt

  1. Low J.W. et al.: A food-based approach introducing orange-fleshed sweet potatoes increased vitamin A intake and serum retinol concentrations in young children in rural Mozambique. Journal of Nutrition 2007.
  2. World Food Prize Foundation: Laureates 2016 - biofortified orange-fleshed sweet potato.
  3. Bahado-Singh P.S. et al.: Relationship between processing method and the glycemic indices of ten sweet potato cultivars. British Journal of Nutrition 2011.
  4. Muñoz-Rodríguez P. et al.: Reconciling conflicting phylogenies in the origin of sweet potato and dispersal to Polynesia. Current Biology 2018.
  5. USDA Agricultural Handbook 66: The Commercial Storage of Fruits, Vegetables, and Florist and Nursery Stocks - Kapitel Sweetpotato (Curing und Chilling Injury).