Ysop (Hyssopus officinalis)

Botanischer Name
Hyssopus officinalisLippenblütler (Lamiaceae)
Verwendeter Teil
Krautblühende oberirdische Teile
Leitstoffe
Pinocamphon, Isopinocamphonkrampfauslösend in höheren Dosen
Einstufung
Kommission E negativWirksamkeit nicht ausreichend belegt
Küche
KräuterlikörBestandteil von Chartreuse und Bénédictine
Garten
Bienenmagneteine der besten Trachtpflanzen überhaupt

HerkunftDer Ysop der Bibel war wahrscheinlich ein anderer

Ysop Blüten lila Nahaufnahme

„Entsündige mich mit Ysop“ - der Psalmvers meint fast sicher nicht die Pflanze, die wir heute so nennen.

Hyssopus officinalis ist ein niedriger, halbstrauchiger Lippenblütler aus dem Mittelmeerraum und Vorderasien, der vierzig bis sechzig Zentimeter hoch wird, schmale, dunkelgrüne Blätter und dichte Ähren tiefblauer - seltener rosa oder weißer - Lippenblüten trägt. Er wächst auf trockenen, kalkhaltigen Hängen, ist winterhart und in Mitteleuropa seit dem Mittelalter in Gärten verwildert.

Der Name hat eine verwickelte Geschichte. Die Bibel nennt an mehreren Stellen einen ezov, der bei rituellen Reinigungen und beim Blutstreichen an den Türpfosten verwendet wurde - der bekannteste Vers ist „Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde“ aus Psalm 51. Botaniker sind sich weitgehend einig, dass damit nicht Hyssopus officinalis gemeint war, der in Palästina gar nicht wild vorkommt, sondern eher der Syrische Oregano Origanum syriacum oder eine verwandte Art - eine Pflanze mit filzigen Blättern, die sich zum Besprengen eignet. Die Übersetzer der Septuaginta wählten das griechische hyssopos, und daraus wurde im Lauf der Jahrhunderte unser Ysop.

In den Klostergärten war Ysop trotzdem fest verankert - Karl der Große listet ihn, Hildegard von Bingen widmet ihm ein Kapitel, und in den mittelalterlichen Arzneigärten stand er selbstverständlich. Seine dauerhafteste Spur hat er allerdings in einem anderen Bereich hinterlassen: Er ist Bestandteil mehrerer Klosterliköre, darunter Chartreuse und Bénédictine, und war früher auch eine der Zutaten des Absinths. Dort ist er bis heute im Einsatz.

NutzenEine negative Monographie - und warum das wichtig ist

Beim Ysop müssen wir etwas schreiben, das in diesem Archiv selten vorkommt: Die Kommission E hat für Ysopkraut eine negative Monographie ausgestellt. Das bedeutet nicht, dass die Pflanze gefährlich wäre, sondern dass die Kommission zu dem Schluss kam, die Wirksamkeit für die beanspruchten Anwendungsgebiete sei nicht ausreichend belegt und ein therapeutischer Nutzen daher nicht nachvollziehbar. Eine EMA-Monographie gibt es ebenfalls nicht. Das ist der Stand, und er wird in der Kräuterliteratur meist nicht erwähnt.

Die beanspruchten Anwendungen waren die üblichen für ein aromatisches Kraut: Husten und Katarrhe der Atemwege, Verdauungsbeschwerden, äußerlich bei Prellungen. Traditionell gilt Ysop als schleimlösend und krampflösend, und die Volksmedizin setzt ihn seit Jahrhunderten bei Erkältungen ein. Plausibel ist das durchaus - ein ätherisch-öl-haltiger Lippenblütler mit Bitterstoffen tut vermutlich Ähnliches wie Thymian oder Salbei. Belegt ist es nicht, und die verwandten Pflanzen sind es sehr wohl. Das ist der eigentliche Grund, warum man Ysop dafür nicht braucht: Es gibt bessere Optionen.

Der zweite Punkt betrifft die Sicherheit, und er wiegt schwerer. Das ätherische Öl des Ysops enthält Pinocamphon und Isopinocamphon, zwei Ketone, die in höheren Dosen neurotoxisch sind und Krampfanfälle auslösen können. Es gibt dokumentierte Fallberichte von Krampfanfällen nach Einnahme von Ysopöl, teils bei Kindern, teils bei Erwachsenen, die es als „natürliches Mittel“ eingenommen hatten. Ätherisches Ysopöl gehört deshalb nicht in die Selbstanwendung - weder innerlich noch in größeren Mengen äußerlich.

Der Tee und das Küchenkraut sind davon nicht betroffen. Die Menge an ätherischem Öl, die in einen Aufguss übergeht oder mit einem Gewürz aufgenommen wird, liegt um Größenordnungen unter dem, was in den Fallberichten eine Rolle spielte. Wer Ysoptee trinkt, weil er ihn mag, tut nichts Gefährliches. Er sollte nur wissen, dass er kein belegtes Heilmittel zu sich nimmt - und dass das konzentrierte Öl eine ganz andere Sache ist.

0,3 - 1,5 %ätherisches Öl im getrockneten Kraut
bis 50 %Pinocamphon und Isopinocamphon im Öl
NegativBewertung der Kommission E
Juli - Sept.Blütezeit - dann ist er voller Bienen

InhaltsstoffeZwei Ketone, die den Unterschied machen

Das ätherische Öl des Ysops wird von zwei bicyclischen Ketonen dominiert: Pinocamphon und Isopinocamphon, die zusammen bis zur Hälfte des Öls ausmachen können. Ketone sind in ätherischen Ölen die Stoffgruppe, bei der am ehesten Vorsicht geboten ist - dasselbe gilt für Thujon im Wermut und Campher in hoher Dosis. Sie sind fettlöslich, überwinden die Blut-Hirn-Schranke und können in ausreichender Menge die Krampfschwelle senken.

Es gibt Chemotypen mit unterschiedlichem Profil. Der als Hyssopus officinalis var. decumbens gehandelte Typ ist pinocamphonarm und linalool- beziehungsweise cineolreich und gilt in der Aromatherapie als deutlich sicherer. Für Handelsware ist diese Unterscheidung allerdings nicht verlässlich nachvollziehbar, und für die Selbstanwendung halten wir sie nicht für eine tragfähige Grundlage - ein Öl, dessen Sicherheit von einer Chemotyp-Angabe abhängt, gehört in fachkundige Hände.

Neben dem ätherischen Öl enthält das Kraut Flavonoide wie Diosmin und Hesperidin, Gerbstoffe, Rosmarinsäure und Bitterstoffe. Die wasserlöslichen Anteile sind es, die einen Ysopaufguss ausmachen - er schmeckt herb-aromatisch, leicht bitter, mit einer minzig-kampferartigen Note, die an Bohnenkraut und Salbei erinnert.

Im Garten ist Ysop eine der lohnendsten Pflanzen überhaupt, und das aus einem Grund, der nichts mit Heilkunde zu tun hat: Er blüht von Juli bis September und wird in dieser Zeit von Honigbienen, Hummeln, Wildbienen und Schmetterlingen regelrecht belagert. Wer eine blühende Ysoppflanze im August beobachtet, sieht selten weniger als ein Dutzend Insekten gleichzeitig. Er ist trockenheitsverträglich, winterhart, braucht keine Düngung und lässt sich zu niedrigen Hecken schneiden - in den Knotengärten der Renaissance wurde er genau dafür verwendet.

Verstärkte KombinationenWo Ysop tatsächlich hingehört

Wir nennen hier, was wir vertreten können: Küche, Likör und Garten. Für die arzneiliche Anwendung gibt es bessere Pflanzen.

Küche

Ysop + fette Fleischgerichte

Als Gewürz ähnlich wie Bohnenkraut einzusetzen: zu Lamm, Ente, Wurst und fetten Braten. Die Bitterkeit schneidet durch das Fett.

Küche

Ysop + Bohnen und Hülsenfrüchte

In Bohnengerichten traditionell verankert, aus demselben Grund wie Bohnenkraut - aromatisch und bekömmlichkeitsfördernd.

Likör

Ysop + Klosterlikör

Bestandteil von Chartreuse und Bénédictine. Wer selbst Kräuterlikör ansetzt, verwendet ihn in kleiner Menge als aromatische Spitze.

Garten

Ysop + Magerbeet

Trockenheitsverträglich, winterhart, schnittfest - eine der pflegeleichtesten Gartenpflanzen, die es gibt.

Bienen

Ysop + Spätsommertracht

Von Juli bis September einer der besten Insektenmagneten überhaupt. Allein dafür lohnt sich die Pflanze.

Hecke

Ysop + niedrige Einfassung

In Knotengärten und Kräuterbeeten traditionell als niedrige Einfassungshecke geschnitten.

Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen

Öl

Ysop + ätherisches Öl zur Selbstanwendung

Pinocamphon und Isopinocamphon können Krampfanfälle auslösen; Fallberichte liegen vor. Ätherisches Ysopöl gehört nicht in die Selbstanwendung.

Epilepsie

Ysop + Krampfleiden

Bei Epilepsie oder Krampfneigung ist Ysop - und erst recht sein Öl - strikt zu meiden.

Kinder

Ysop + Kinder

Mehrere der dokumentierten Krampf-Fallberichte betrafen Kinder. Für Kinder ist Ysop in arzneilicher Form nicht geeignet.

Erwartung

Ysop + Hustenmittel

Die Kommission E hat negativ bewertet. Für Husten gibt es mit Thymian, Efeu und Schlüsselblume Pflanzen mit echten Belegen.

Schwangerschaft

Ysop + Schwangerschaft und Stillzeit

Ketonhaltige ätherische Öle sind in dieser Zeit grundsätzlich zu meiden; für Ysop fehlen zudem Daten.

Menge

Ysop + große Mengen als Tee

Als Küchenkraut und gelegentlicher Tee unproblematisch. Kurmäßiger Konsum großer Mengen ist bei einer negativ bewerteten Droge ohne Nutzen und ohne Sicherheitsbewertung.

Zu welchem GerichtKüche, Likör und Beet

  • LammbratenYsop mit Knoblauch und Rosmarin - kräftig, aber sparsam dosiert.
  • BohneneintopfWie Bohnenkraut eingesetzt; ein Zweig für den Topf.
  • WurstwürzungIn einigen traditionellen Wurstrezepten Süddeutschlands und Italiens enthalten.
  • Ente und GansDie Bitterkeit passt zu fettem Geflügel.
  • KräuterlikörAls aromatische Spitze im selbst angesetzten Kräuterbitter - wenige Zweige reichen.
  • KräuteressigBlühende Zweige in hellem Weinessig; der Essig nimmt einen blauvioletten Ton an.
  • SalatEinzelne Blüten über den Salat gestreut - essbar und optisch auffällig.
  • Tee1 bis 2 g Kraut pro Tasse; herb-aromatisch, als Genussgetränk unproblematisch.
  • EinfassungsheckeZwei- bis dreimal im Jahr schneiden; er bleibt dicht und formstabil.
  • BienenweideVerblühtes zurückschneiden - er blüht dann ein zweites Mal.
Faustregel: Ysop schmeckt kräftiger, als seine zarte Erscheinung vermuten lässt - er liegt geschmacklich zwischen Bohnenkraut und Salbei, mit einer minzigen Spitze. In der Küche gilt: die Menge, die du von Bohnenkraut nehmen würdest, und davon die Hälfte.

Als HausmittelDer Küchenansatz statt der Arznei

So geht’s

Ysop-Kräuteressig

  1. Wir empfehlen hier bewusst eine Küchenanwendung statt einer arzneilichen: Für Husten und Verdauung gibt es Pflanzen mit Belegen, und das ätherische Öl des Ysops gehört nicht in die Selbstanwendung.
  2. Vier bis fünf blühende Ysopzweige an einem trockenen Vormittag schneiden, kurz abschütteln, nicht waschen.
  3. In eine saubere Flasche geben und mit hellem Weinessig oder Apfelessig aufgießen, bis alles bedeckt ist.
  4. Verschließen und zwei bis drei Wochen an einen hellen, nicht prall sonnigen Platz stellen. Der Essig nimmt dabei einen zarten blauvioletten Ton und das Aroma an.
  5. Abseihen, in eine saubere Flasche umfüllen, beschriften und dunkel lagern. Hält etwa ein Jahr.
  6. Für Vinaigrettes zu kräftigen Salaten, zu Bohnen und zu gegrilltem Gemüse. Ein Zweig in der fertigen Flasche sieht gut aus - dann allerdings kühl lagern.
Wofür

Als aromatischer Kräuteressig für die Küche. Eine arzneiliche Anwendung empfehlen wir nicht: Die Kommission E hat Ysopkraut negativ bewertet, und für Husten und Verdauung stehen besser belegte Pflanzen zur Verfügung.

Menge

Als Küchengewürz und gelegentlicher Tee unproblematisch. Ätherisches Ysopöl gehört nicht in die Selbstanwendung. Bei Epilepsie oder Krampfneigung, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern ist Ysop zu meiden.

Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen

Ayurveda

Ysop ist im klassischen Ayurveda nicht vertreten. Die Kategorie, in die er fallen würde - scharf-bitter, erwärmend, kapha-senkend, den Atemwegen zugeordnet - ist dort gut besetzt, unter anderem mit Vasa und Tulsi, dem Heiligen Basilikum, das als Lippenblütler ihm botanisch am nächsten steht. Wo Ysop in moderner ayurvedisch inspirierter Literatur auftaucht, geschieht das mit westlichen Begründungen.

Traditionelle Chinesische Medizin

Auch in der chinesischen Materia medica fehlt Hyssopus officinalis. Die ähnlichste Droge ist Huo Xiang (Pogostemon cablin beziehungsweise Agastache rugosa) - ein aromatischer Lippenblütler, der als scharf und leicht warm beschrieben wird und „Feuchtigkeit umwandelt und die Mitte harmonisiert“. Bemerkenswert: Agastache wird im Deutschen manchmal Duftnessel oder „Anis-Ysop“ genannt, ist aber eine andere Gattung.

WarnhinweiseWann du aufpassen solltest

Bitte beachten

  • Ätherisches Ysopöl nicht selbst anwenden: Pinocamphon und Isopinocamphon können Krampfanfälle auslösen; es gibt dokumentierte Fallberichte, teils bei Kindern.
  • Nicht bei Epilepsie oder Krampfneigung: Weder das Kraut in arzneilicher Menge noch das Öl.
  • Negative Monographie: Die Kommission E hat Ysopkraut negativ bewertet - die Wirksamkeit ist für die beanspruchten Anwendungen nicht belegt.
  • Nicht für Kinder: In arzneilicher Form nicht geeignet; als Küchengewürz in üblichen Mengen unproblematisch.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Ketonhaltige ätherische Öle sind in dieser Zeit grundsätzlich zu meiden.
  • Für Husten gibt es Besseres: Thymian, Efeu und Schlüsselblume haben Monographien und Studien. Ysop hat weder das eine noch das andere.

Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.

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QuellenWorauf sich das stützt

  1. Kommission E, Negativmonographie „Hyssopi herba“, BAnz Nr. 122 vom 06.07.1988.
  2. Millet Y. et al.: Toxicity of some essential plant oils - clinical and experimental study. Clinical Toxicology 1981 - Krampfanfälle nach Ysopöl.
  3. Burkhard P.R. et al.: Plant-induced seizures: reappearance of an old problem. Journal of Neurology 1999.
  4. Blaschek W. (Hrsg.): Wichtl - Teedrogen und Phytopharmaka, Eintrag Hyssopi herba.
  5. Zohary M.: Plants of the Bible, Cambridge University Press - zur Identifikation des biblischen ezov.