Brokkoli (Brassica oleracea var. italica)
HerkunftEin Kohl, aus dem Rom eine Delikatesse machte

Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl, Kohlrabi und Grünkohl sind alle dieselbe Art - nur verschieden gezüchtet.
Brassica oleracea ist eine der erstaunlichsten Kulturpflanzen überhaupt. Aus dem unscheinbaren Wildkohl, der an europäischen Atlantik- und Mittelmeerküsten wächst, hat die Züchtung in wenigen tausend Jahren eine ganze Gemüsefamilie geformt: Beim Kopfkohl wurde auf die Endknospe selektiert, beim Rosenkohl auf die Seitenknospen, beim Kohlrabi auf den Stängel, beim Grünkohl auf die Blätter - und bei Brokkoli und Blumenkohl auf den Blütenstand.
Brokkoli entstand in Italien; der Name kommt von brocco, Trieb oder Spross. Die Römer kannten und schätzten ihn bereits, und über Jahrhunderte blieb er eine italienische Spezialität. Nach Nordeuropa und in die USA kam er erst im 18. und vor allem im 20. Jahrhundert - in Amerika machten ihn italienische Einwanderer in den 1920er Jahren populär.
Was wir essen, ist ein unreifer Blütenstand. Lässt man Brokkoli stehen, öffnen sich die Knospen zu gelben Kreuzblüten, und der Kopf wird holzig. Deshalb ist die Farbe ein Frischemerkmal: fest geschlossene, dunkelgrüne bis bläulich-grüne Röschen bedeuten frisch, gelbliche Verfärbungen bedeuten, dass die Blüte beginnt.
NutzenSulforaphan - und warum es meistens fehlt
Brokkoli ist ein Lebensmittel mit einem sehr guten Nährstoffprofil: über neunzig Milligramm Vitamin C pro hundert Gramm - mehr als eine Orange –, dazu viel Vitamin K, Folat, Kalium und Ballaststoffe. Das allein macht ihn zu einem der wertvollsten Gemüse überhaupt, ganz ohne jede weitere Behauptung.
Seinen Ruf verdankt er allerdings einem anderen Stoff: Sulforaphan. Es ist eines der am besten untersuchten sekundären Pflanzenstoffe überhaupt und aktiviert im Zellversuch den sogenannten Nrf2-Signalweg, der körpereigene Entgiftungs- und Schutzenzyme hochreguliert. Es gibt umfangreiche Forschung dazu, von Zellversuchen über Tiermodelle bis zu kleinen Humanstudien zu Entzündungsmarkern, Blutzucker und - in einer viel beachteten Studie - zu Autismus-Symptomen. Die klinische Evidenz ist überall begrenzt.
Der entscheidende Punkt für die Küche ist ein anderer. Sulforaphan ist in der intakten Pflanze gar nicht vorhanden. Enthalten ist eine Vorstufe, Glucoraphanin, sowie - getrennt davon in anderen Zellkompartimenten - ein Enzym namens Myrosinase. Erst wenn die Zellen zerstört werden, treffen beide aufeinander, und die Myrosinase spaltet das Glucoraphanin zu Sulforaphan. Das ist ein Abwehrmechanismus der Pflanze gegen Fraßfeinde.
Und hier kommt die Hitze ins Spiel. Myrosinase ist ein Protein und wird ab etwa sechzig bis siebzig Grad zerstört. Gekochter Brokkoli enthält also Glucoraphanin, aber kein funktionierendes Enzym - und damit entsteht praktisch kein Sulforaphan. Untersuchungen zeigen Verluste von achtzig Prozent und mehr beim Kochen. Ein Teil wird zwar noch von Darmbakterien umgesetzt, aber deutlich weniger und sehr individuell unterschiedlich.
InhaltsstoffeDrei Wege zu mehr Sulforaphan
Der erste Weg heißt in der Forschungsliteratur hack and hold: Brokkoli klein schneiden oder hacken und dann vierzig Minuten stehen lassen, bevor er erhitzt wird. In dieser Zeit arbeitet die Myrosinase bei Raumtemperatur und bildet Sulforaphan, das deutlich hitzestabiler ist als das Enzym. Anschließendes Erhitzen zerstört es kaum noch. Untersuchungen bestätigen den Effekt.
Der zweite Weg ist kurzes Dämpfen. Bei etwa drei bis vier Minuten Dampfgaren bleibt ein erheblicher Teil der Myrosinase erhalten, während der Brokkoli gar wird. Länger als fünf Minuten oder in sprudelndem Wasser gekocht, ist das Enzym weg - und ein Teil der wasserlöslichen Vitamine wandert zusätzlich ins Kochwasser.
Der dritte Weg ist der eleganteste: Myrosinase von woanders holen. Senfsamen, Senfpulver, Rettich, Kresse und Rucola enthalten dasselbe Enzym in aktiver Form. Eine Untersuchung zeigte, dass ein halber Teelöffel Senfpulver über gekochten Brokkoli die Sulforaphan-Bildung um ein Vielfaches erhöht. Wer Brokkoli gerne weichgekocht mag, kann ihn also einfach mit Senf oder frischem Rucola servieren - und bekommt trotzdem, was er sucht.
Ein vierter Punkt betrifft die Sprossen. Brokkolisprossen enthalten das Zehn- bis Hundertfache an Glucoraphanin verglichen mit ausgewachsenen Röschen - das war der Befund, der die Sulforaphan-Forschung überhaupt in Gang brachte. Sie lassen sich zu Hause in einem Keimglas ziehen und roh über Salate und Brote streuen. Wer es auf Sulforaphan anlegt, nimmt Sprossen, nicht Röschen.
Verstärkte KombinationenWie man Brokkoli richtig behandelt
Die Kombinationen hier sind nicht nur geschmacklich gemeint - bei diesem Gemüse hat die Zubereitung eine chemische Konsequenz.
Senf liefert aktive Myrosinase. Ein halber Teelöffel über gekochten Brokkoli erhöht die Sulforaphan-Bildung deutlich.
Dasselbe Prinzip mit frischen Blättern - und geschmacklich eine gute Kombination.
Vor dem Erhitzen klein schneiden und stehen lassen. Das gebildete Sulforaphan übersteht die Hitze.
Drei bis vier Minuten Dampf erhalten einen Teil des Enzyms und alle wasserlöslichen Vitamine.
Zehn- bis hundertfacher Glucoraphanin-Gehalt. In drei bis vier Tagen selbst gezogen.
Der Strunk ist geschält zart und aromatisch und enthält ebenso viel Wertvolles wie die Röschen.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Zerstört das Enzym und schwemmt wasserlösliche Vitamine aus. Der häufigste vermeidbare Fehler.
Sulforaphan ist ein interessanter Forschungsgegenstand. Die klinische Evidenz für konkrete Anwendungen ist begrenzt.
Glucosinolate können bei gleichzeitigem Jodmangel die Jodaufnahme beeinträchtigen. Bei ausreichender Jodversorgung ist das ohne Bedeutung, und Garen reduziert die betreffenden Stoffe zusätzlich.
Der Vitamin-C-Gehalt sinkt merklich. Innerhalb weniger Tage verbrauchen oder blanchiert einfrieren.
Ein Zeichen beginnender Blüte und nachlassender Frische. Fest geschlossene, dunkelgrüne Köpfe wählen.
Der hohe Vitamin-K-Gehalt kann die Einstellung beeinflussen. Kein Verbot - aber gleichmäßig essen statt in Schüben.
In der KücheWas mit ihm geht
- GedämpftDrei bis vier Minuten - die beste Standardzubereitung.
- Mit SenfvinaigretteSenf liefert das Enzym und passt geschmacklich.
- GeröstetIm Ofen mit Öl bei 200 Grad, bis die Ränder bräunen.
- WokKurz und heiß angebraten mit Knoblauch und Sojasauce.
- Roh im SalatFeine Röschen roh mit Zitronendressing - volle Enzymaktivität.
- SuppePüriert mit Kartoffel und einem Löffel Senf zum Schluss.
- StrunkGeschält und in Streifen - zart und aromatisch, kein Abfall.
- SprossenIm Keimglas gezogen, roh über Salat und Brot.
- EingefrorenKurz blanchiert und eingefroren; das Enzym ist dann allerdings hin.
- Hack and holdSchneiden, vierzig Minuten warten, dann erhitzen.
Als HausmittelBrokkolisprossen selbst ziehen
Das Keimglas auf der Fensterbank
- Brokkoli-Keimsaat aus dem Fachhandel besorgen - keine normalen Gemüsesamen, die sind teils gebeizt. Ein Keimglas mit Siebdeckel oder ein Einmachglas mit Gaze und Gummiband genügt.
- Einen bis zwei Esslöffel Saat in das Glas geben und mit reichlich Wasser bedeckt sechs bis acht Stunden einweichen.
- Das Wasser abgießen und das Glas schräg mit der Öffnung nach unten aufstellen, damit Restwasser abläuft und Luft zirkuliert.
- Zweimal täglich spülen: Wasser einfüllen, schwenken, abgießen, wieder schräg stellen. Diese Routine ist entscheidend - stehendes Wasser führt zu Keimbelastung.
- Nach drei bis vier Tagen sind die Sprossen zwei bis drei Zentimeter lang und tragen die ersten grünen Keimblätter. Dann sind sie fertig.
- Gut abtropfen lassen und im Kühlschrank aufbewahren, innerhalb von drei bis vier Tagen verbrauchen. Roh über Salate, Brote und Suppen - nicht erhitzen, sonst geht der ganze Vorteil verloren.
Für einen um Größenordnungen höheren Glucoraphanin-Gehalt als ausgewachsener Brokkoli - und für frisches Grün das ganze Jahr über, auch im Winter auf der Fensterbank.
Als Lebensmittel nach Belieben. Bei Sprossen auf Hygiene achten: zweimal täglich spülen, gut abtropfen lassen und zügig verbrauchen. Menschen mit geschwächtem Immunsystem, Schwangere und Kleinkinder sollten rohe Sprossen meiden - das gilt für alle Keimlinge.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Brokkoli ist eine italienische Züchtung und im Ayurveda nicht vertreten; Kohlgemüse allgemein wird dort als vata-erhöhend eingeordnet, also blähend, und traditionell mit erwärmenden Gewürzen wie Kreuzkümmel, Asafoetida und Ingwer kombiniert - eine Praxis, die die Bekömmlichkeit tatsächlich verbessert.
Traditionelle Chinesische Medizin
In der chinesischen Diätetik gilt Brokkoli - Xi Lan Hua - als süß und kühl, mit Bezug zu Leber, Niere, Milz und Magen, und wird als Qi-stärkend und die Sehkraft unterstützend beschrieben. Er ist eine späte Einführung; das klassische chinesische Kohlgemüse ist der Pak Choi, Bai Cai, der ebenfalls zu Brassica gehört und dieselben Glucosinolate enthält.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Nicht totkochen: Das Enzym Myrosinase wird ab 60 bis 70 Grad zerstört, und ohne es entsteht kein Sulforaphan. Kurz dämpfen oder Senf dazugeben.
- Schilddrüse und Jodmangel: Glucosinolate können bei gleichzeitigem Jodmangel die Jodaufnahme beeinträchtigen. Bei ausreichender Jodversorgung ohne Bedeutung.
- Vitamin K und Marcumar: Der hohe Gehalt kann die Einstellung beeinflussen. Kein Verbot - aber gleichmäßig essen statt in Schüben.
- Rohe Sprossen: Menschen mit geschwächtem Immunsystem, Schwangere und Kleinkinder sollten rohe Keimlinge meiden.
- Sulforaphan ist kein Heilmittel: Es ist ein intensiv beforschter Pflanzenstoff mit begrenzter klinischer Evidenz.
- Frische erkennen: Gelbliche Röschen bedeuten beginnende Blüte und nachlassenden Vitamingehalt.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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QuellenWorauf sich das stützt
- Fahey J.W. et al.: Broccoli sprouts - an exceptionally rich source of inducers of enzymes that protect against carcinogens. PNAS 1997.
- Ghawi S.K. et al.: The potential to intensify sulforaphane formation in cooked broccoli using mustard seeds. Food Chemistry 2013.
- Dosz E.B., Jeffery E.H.: Modifying the processing and handling of frozen broccoli for increased sulforaphane formation. Journal of Food Science 2013.
- Souci-Fachmann-Kraut: Die Zusammensetzung der Lebensmittel, Eintrag Brokkoli.
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Hinweise zu goitrogenen Substanzen in Kreuzblütlern und zu rohen Sprossen.


