HerkunftVom Klostergarten zur Vergessenheit und zurück

Der Andorn stand in jedem mittelalterlichen Arzneigarten - und war zweihundert Jahre später fast aus den Apotheken verschwunden.
Marrubium vulgare ist ein grauweiß filziger Lippenblütler mit runzeligen, rundlichen Blättern und kleinen weißen Blütenquirlen in den Blattachseln. Er stammt aus dem Mittelmeerraum und Westasien, wächst auf trockenen, mageren Böden, an Wegrändern, Mauern und Schuttplätzen und ist in Mitteleuropa seit der Antike als Kulturflüchtling verbreitet. Die weißfilzige Behaarung ist ein Trockenschutz und macht die Pflanze unverwechselbar - sie fühlt sich an wie dünner Filz.
Seine Karriere als Arzneipflanze ist beeindruckend lang. Ägyptische Quellen nennen ihn, Dioskurides beschreibt ihn als Hustenmittel, Karl der Große ließ ihn in der Capitulare de villis anbauen, Hildegard von Bingen empfiehlt ihn, und die Klostergärten des Mittelalters hatten ihn selbstverständlich im Bestand. In England wurde daraus eine Süßware: horehound candy, ein Hustenbonbon aus Andornauszug und Zucker, das bis heute in altmodischen Süßwarenläden zu finden ist. Das Prinzip ist dasselbe wie beim Lakritz - man macht die Medizin essbar, indem man sie süßt.
Dann verschwand er. Im 19. und 20. Jahrhundert verdrängten wirksamere oder wenigstens besser schmeckende Mittel den Andorn aus der Praxis, und er wurde zu einer dieser Pflanzen, die in alten Kräuterbüchern stehen und in keiner Apotheke mehr. Die Wahl zur Arzneipflanze des Jahres 2018 durch den Würzburger Studienkreis hat das teilweise umgekehrt. Sie war ausdrücklich als Wiederentdeckung gedacht - eine Pflanze mit langer Anwendungsgeschichte, für die inzwischen auch eine EMA-Monographie vorliegt, die aber praktisch niemand mehr kannte.
NutzenZwei Anwendungen, ein Wirkprinzip
Die Europäische Arzneimittel-Agentur führt Andornkraut in einer Monographie mit zwei Anwendungsgebieten, beide als traditional use: erstens als Expektorans bei Husten im Rahmen einer Erkältung, zweitens bei vorübergehenden Appetitlosigkeit und leichten Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl und Blähungen. Die Kommission E hatte 1990 eine positive Monographie mit denselben zwei Richtungen ausgestellt. Dass eine Pflanze für Husten und für Verdauung gleichzeitig steht, ist ungewöhnlich - bei Andorn hat es einen gemeinsamen Grund.
Dieser Grund ist der Bitterstoff. Marrubiin ist ein Diterpenlacton und einer der bittersten Naturstoffe in der europäischen Flora. Bitterstoffe lösen über die Geschmacksrezeptoren auf der Zunge und weiter unten im Verdauungstrakt eine ganze Reaktionskette aus: vermehrte Speichel-, Magensaft- und Gallenproduktion, bessere Motorik des Magens. Das ist der Verdauungsteil, und er ist bei allen Bitterdrogen derselbe. Beim Husten kommt derselbe reflektorische Weg zum Tragen, den wir bei der Schlüsselblume beschrieben haben: eine leichte Reizung der Magenschleimhaut steigert über den Vagusnerv die Sekretion in den Bronchien, der Schleim wird dünner und lässt sich leichter abhusten.
Neuere Untersuchungen schauen sich Marrubiin und die verwandten Diterpene genauer an. Im Labor zeigen sie entzündungshemmende, gefäßerweiternde und blutzuckersenkende Effekte, und es gibt Tiermodelle zu Schmerz und Entzündung. Diese Arbeiten sind der Grund, warum der Andorn wieder Aufmerksamkeit bekommt. Sie sind aber Laborbefunde und Tierversuche - aus ihnen folgt kein Anwendungsgebiet für Menschen, und wir stellen sie ausdrücklich nicht als solches dar.
Kontrollierte Studien am Menschen gibt es kaum. Die EMA stützt ihre Einstufung auf die jahrhundertelange dokumentierte Anwendung, nicht auf Wirksamkeitsnachweise; das ist genau, was traditional use bedeutet. Für die Praxis heißt das: Andorn ist eine sinnvolle, gut verträgliche Option bei festsitzendem Erkältungshusten und bei träger Verdauung, wenn man den Geschmack aushält. Er ist kein Asthmamittel, kein Blutzuckermittel und keine Behandlung für anhaltenden Husten.
InhaltsstoffeMarrubiin und der Rest
Der Leitstoff des Andorns heißt Marrubiin und ist ein Diterpenlacton - eine Stoffklasse, die in Lippenblütlern verbreitet ist und zu der auch die Bitterstoffe des Salbeis und des Rosmarins gehören. Kurios ist, wie Marrubiin entsteht: In der lebenden Pflanze liegt überwiegend die Vorstufe Premarrubiin vor, aus der beim Trocknen und Verarbeiten das eigentliche Marrubiin gebildet wird. Getrocknetes Andornkraut ist deshalb bitterer als frisches - eine der wenigen Drogen, bei denen das Trocknen den Wirkstoff nicht abbaut, sondern erst erzeugt.
Daneben enthält das Kraut weitere Diterpene wie Marrubenol und Vulgarol, Phenylpropanoide wie Acteosid und Forsythosid, Flavonoide, Gerbstoffe und wenig ätherisches Öl. Der geringe Ölanteil unterscheidet den Andorn von den meisten anderen Lippenblütlern: Salbei, Thymian und Rosmarin leben von ihrem ätherischen Öl, der Andorn von seinen Bitterstoffen. Er riecht dementsprechend auch kaum - wer daran reibt, erwartet ein Aroma und bekommt fast nichts.
Für die Zubereitung folgt daraus etwas Praktisches. Bitterstoffe sind wasserlöslich und hitzestabil; ein Aufguss holt sie zuverlässig heraus, und man muss nichts zudecken, weil kein ätherisches Öl entweicht. Wer den Wirkstoff will, muss den Geschmack in Kauf nehmen - jeder Versuch, den Tee weniger bitter zu machen, macht ihn gleichzeitig schwächer. Das ist bei allen Bitterdrogen so und bei Andorn besonders ausgeprägt.
Beim Sammeln: Geerntet wird das blühende Kraut im Juni bis August, die oberen Triebe ohne die verholzten unteren Stängel. Die Pflanze ist durch die runzeligen, grauweiß filzigen Blätter, den vierkantigen Stängel und die weißen Blütenquirle mit den charakteristisch hakig zurückgebogenen Kelchzähnen gut zu erkennen. Diese Häkchen bleiben an der Kleidung hängen - ein sicheres Bestimmungsmerkmal und der Grund, warum sich die Pflanze so gut verbreitet.
Verstärkte KombinationenWie Andorn erträglich und nützlich wird
Bei einer so bitteren Pflanze dreht sich fast jede Kombination um zwei Fragen: Wie bekommt man sie hinunter, und was ergänzt sie sinnvoll?
Thymian bringt ätherisches Öl, wirkt krampflösend und schmeckt kräftig genug, um etwas von der Bitterkeit zu überdecken. Zusammen decken sie den festsitzenden Erkältungshusten gut ab.
Während der Andorn löst und reizt, legt der Spitzwegerich Schleimstoffe auf den wunden Rachen. Das macht die Mischung deutlich angenehmer, wenn der Husten schon einige Tage anhält.
Die historische Lösung: horehound candy ist nichts anderes als gesüßter Andornauszug. Honig auf unter 40 Grad abgekühltem Tee hat zusätzlich eigenen Nutzen bei Husten.
Für die Bitterstoff-Seite: als Magenbitter vor dem Essen, in kleiner Menge. Wer diesen Weg geht, braucht keine Überredung - das ist gewollte Bitterkeit.
Wenn es um Völlegefühl geht, ergänzen die karminativen Doldenfrüchte den bitteren Andorn: Er regt an, sie entspannen. Und sie verbessern den Geschmack merklich.
Ein selbst angesetzter Sirup mit Honig macht aus der schwierigsten Teepflanze eine löffelweise einnehmbare Zubereitung - und ist zugleich die haltbarere Form.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Als Expektorans macht Andorn bei einem Husten ohne Schleim nur den Reiz schlimmer. Für den trockenen Reizhusten sind Eibisch, Malve oder Spitzwegerich richtig.
Der Wirkweg führt über eine Reizung der Magenschleimhaut. Bei entzündeter Schleimhaut, Reflux oder Ulkus ist das genau der falsche Reiz.
Die EMA rät mangels Daten ab, und traditionell galt Andorn in größeren Mengen als menstruationsfördernd. In dieser Zeit auf andere Hustenpflanzen ausweichen.
Große Mengen können Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auslösen - die übliche Reaktion auf sehr viel Bitterstoff. Die Monographiedosis von rund 4,5 g täglich ist die Obergrenze.
Tierexperimentelle Hinweise auf eine blutzuckersenkende Wirkung sind vorhanden, beim Menschen unklar. Neben einer Diabetesmedikation gehört das angesprochen.
Die EMA-Monographie sieht die Anwendung erst ab zwölf Jahren vor. Für jüngere Kinder gibt es mildere und besser untersuchte Hustenpflanzen.
AnwendungVon der Bitterkeit zum Bonbon
- Hustentee1,5 g Kraut pro Tasse, zehn Minuten ziehen lassen - die Basisanwendung, und die bitterste.
- HustensirupStarker Aufguss mit Honig eingedickt. Die traditionelle und die praktischste Form.
- HustenbonbonHorehound candy: Andornauszug mit Zucker zu Bonbonmasse gekocht - die englische Lösung des Geschmacksproblems.
- MagenbitterEin kleiner, sehr bitterer Aufguss 15 Minuten vor dem Essen, für die Verdauungsseite der Pflanze.
- Tinktur20 bis 30 Tropfen in Wasser. Immer noch bitter, aber schnell hinter sich gebracht.
- TeemischungMit Thymian und Spitzwegerich zu gleichen Teilen als Erkältungsmischung im Vorratsglas.
- KräuterlikörIn mehreren traditionellen Bitterlikören ist Andorn eine der Bitterkomponenten - dort in sehr kleiner Menge.
- TrocknungBlühende Triebspitzen im Schatten trocknen. Anders als sonst entsteht der Wirkstoff dabei erst.
- LagerungDunkel und trocken, bis zu zwei Jahre. Bitterstoffe sind deutlich stabiler als ätherische Öle.
- GartenAls Trockenheitskünstler eine gute Wahl für Kiesbeete - und eine ausdauernde Bienenweide.
Als HausmittelAndornsirup - die Form, in der man ihn tatsächlich nimmt
Hustensirup aus Andornkraut und Honig
- 30 g getrocknetes Andornkraut mit 500 ml Wasser ansetzen und zugedeckt zehn Minuten leise köcheln lassen. Anders als bei ätherisch-öl-haltigen Kräutern schadet das Kochen hier nicht.
- Vom Herd nehmen, weitere zwanzig Minuten ziehen lassen, dann durch ein feines Sieb oder ein Tuch abseihen und das Kraut gut ausdrücken.
- Den Auszug offen auf etwa die Hälfte einkochen. Er wird dabei dunkel und noch bitterer - das ist richtig so.
- Auf unter 40 Grad abkühlen lassen. Erst dann etwa die gleiche Menge Honig einrühren, bis alles gleichmäßig gelöst ist. Honig über 40 Grad verliert seine eigenen Enzyme.
- In saubere kleine Flaschen füllen, beschriften und datieren. Im Kühlschrank hält der Sirup etwa zwei bis drei Monate.
- Drei- bis viermal täglich einen Teelöffel, langsam im Mund zergehen lassen, damit er den Rachen passiert. Für Kinder ab zwölf Jahren, darunter nur nach ärztlichem Rat.
Bei festsitzendem, zähem Husten im Rahmen einer Erkältung. Alternativ, in kleinerer Menge vor dem Essen, für die zweite Monographie-Anwendung: Appetitlosigkeit und Völlegefühl.
Entsprechend rund 4,5 g Kraut am Tag. Über höchstens zwei Wochen. Nicht bei Gastritis oder Magengeschwür, nicht in Schwangerschaft und Stillzeit, nicht für Kinder unter zwölf Jahren. Husten über drei Wochen, Fieber, Atemnot oder Blut im Auswurf gehören ärztlich abgeklärt.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Andorn kommt im klassischen Ayurveda nicht vor - er ist eine mediterrane Pflanze mit europäischer Anwendungsgeschichte. Die Funktion, die er erfüllt, ist im Ayurveda allerdings ein zentrales Konzept: Bitterstoffe, tikta rasa, gelten dort als reinigend, kapha– und pitta-senkend und verdauungsanregend - genau die Kategorie, in die der Andorn nach europäischem Verständnis fällt. Die tragenden Bitterpflanzen dort sind andere, etwa Neem und Kutki.
Traditionelle Chinesische Medizin
In der chinesischen Materia medica fehlt Marrubium vulgare. Sein doppeltes Profil - Bitterstoff, der gleichzeitig Schleim umwandelt und die Mitte anregt - entspricht in der TCM-Systematik am ehesten den bitter-kühlen Drogen, die „Hitze klären und Feuchtigkeit trocknen“. Dass eine einzelne Pflanze in Europa für Husten und Verdauung zugleich steht, ist dabei kein Zufall, sondern folgt demselben Denkmuster wie die chinesische Zuordnung von Bitterkeit zu beiden Bereichen.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Nicht bei Magenschleimhautentzündung: Der Wirkweg führt über eine Reizung der Magenschleimhaut. Bei Gastritis, Reflux oder Magengeschwür ist Andorn ungeeignet.
- Nicht bei trockenem Reizhusten: Ein Expektorans ohne Schleim verstärkt den Reiz. Dann zu schleimstoffhaltigen Pflanzen wie Eibisch, Malve oder Spitzwegerich wechseln.
- Erst ab zwölf Jahren: Die EMA-Monographie sieht die Anwendung für Kinder unter zwölf Jahren nicht vor. Für jüngere gibt es mildere Alternativen.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Mangels Daten nicht anwenden; traditionell galt Andorn in größeren Mengen als menstruationsfördernd.
- Hohe Dosen reizen: Deutlich über die Tagesdosis hinaus können Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auftreten. Mehr Bitterstoff bringt hier keinen zusätzlichen Nutzen.
- Anhaltender Husten: Husten über drei Wochen, Fieber, Atemnot, Blut im Auswurf oder Gewichtsverlust sind kein Fall für Selbstbehandlung.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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QuellenWorauf sich das stützt
- European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monograph on Marrubium vulgare L., herba - traditional use.
- Kommission E, Monographie „Marrubii herba“, BAnz Nr. 22 vom 01.02.1990.
- Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde, Universität Würzburg: Arzneipflanze des Jahres 2018 - Andorn.
- Lodhi S. et al.: Marrubium vulgare L.: a review on phytochemical and pharmacological aspects. Journal of Pharmacy Research 2017.
- Blaschek W. (Hrsg.): Wichtl - Teedrogen und Phytopharmaka, Kapitel Marrubii herba.


