HerkunftDie Pflanze mit den beiden Gesichtern

Aus denselben Samen gewinnt man ein altbewährtes Abführmittel und eines der stärksten bekannten Pflanzengifte.
Ricinus communis ist ein Wolfsmilchgewächs, das in den Tropen als mehrjähriger Strauch bis zu zehn Meter hoch wird und bei uns einjährig als Zierpflanze angebaut wird - mit großen, handförmig gelappten, oft rot überlaufenen Blättern. Die Samen sitzen in stacheligen Kapseln und sind auffällig gemustert: glänzend, braun marmoriert und einer vollgesogenen Zecke ähnlich. Daher der Name: ricinus ist lateinisch für Zecke.
Ihre Nutzung ist uralt. Rizinussamen wurden in ägyptischen Gräbern gefunden, der Papyrus Ebers beschreibt das Öl, und in der griechischen und römischen Medizin war es fest etabliert. Über Jahrhunderte war Rizinusöl das Abführmittel schlechthin - wirksam, schnell und unangenehm genug, um in Erinnerung zu bleiben. Im faschistischen Italien wurde es zum Folterinstrument: Squadristen zwangen politischen Gegnern große Mengen auf, was zu schweren Dehydratationen führte.
Die andere Seite ist das Rizin. Es ist ein Protein aus der Gruppe der Ribosomen-inaktivierenden Toxine und eines der stärksten bekannten Pflanzengifte; wenige gründlich zerkaute Samen können für ein Kind tödlich sein. Entscheidend für die Praxis: Rizin ist ein Protein und nicht fettlöslich. Beim Pressen bleibt es vollständig im Presskuchen zurück, der als Dünger verwendet oder hitzebehandelt wird. Das Öl selbst enthält kein Rizin - ein Umstand, der oft missverstanden wird und der erklärt, warum ein Produkt aus einer hochgiftigen Pflanze bedenkenlos in der Apotheke steht.
NutzenEin zuverlässiges Abführmittel - und viele unbelegte Anwendungen
Die Europäische Arzneimittel-Agentur führt Rizinusöl als traditional use zur kurzzeitigen Behandlung gelegentlicher Verstopfung. Die Kommission E hatte ebenfalls positiv bewertet. Der Wirkmechanismus ist gut aufgeklärt: Im Dünndarm spalten Lipasen das Öl, und die freigesetzte Ricinolsäure bindet an einen bestimmten Prostaglandinrezeptor in der Darmwand. Das führt zu einer verstärkten Kontraktion der glatten Muskulatur und zu einer verringerten Wasserrückresorption - der Darminhalt bleibt flüssig und wird schneller weitertransportiert.
Die Wirkung ist zuverlässig und setzt nach zwei bis sechs Stunden ein. Genau das macht Rizinusöl aber auch zu einem Mittel, das man heute selten empfiehlt: Die Wirkung ist drastisch, kann krampfartige Bauchschmerzen verursachen und ist schlecht steuerbar. Für die gelegentliche Verstopfung sind Quellstoffe wie Flohsamenschalen oder milde osmotische Mittel die bessere und besser verträgliche Wahl. Rizinusöl bleibt für Situationen sinnvoll, in denen eine schnelle und vollständige Darmentleerung gewünscht ist.
Eine traditionelle Anwendung verdient eine klare Einordnung: die Geburtseinleitung. Rizinusöl wird seit Jahrhunderten dafür verwendet, und es gibt Studien, die eine Auslösung von Wehen zeigen - der Mechanismus über Prostaglandinrezeptoren ist plausibel. Die Datenlage zu Sicherheit und Nutzen ist aber unzureichend, und die Anwendung kann heftige Durchfälle, Dehydratation und Erbrechen verursachen. Ein Cochrane-Review fand keine ausreichende Evidenz. Geburtseinleitung gehört in geburtshilfliche Hände, nicht in die Küche.
Und dann gibt es die Kosmetikanwendungen, die Rizinusöl seine heutige Popularität verschafft haben: Wimpern- und Augenbrauenwachstum, Haarwuchs, Hautpflege. Hier ist die Faktenlage schlicht: Es gibt keine klinischen Studien, die ein Haar- oder Wimpernwachstum durch Rizinusöl belegen. Was das Öl tut, ist die Haare einölen - sie sehen dadurch voller und glänzender aus, was den Eindruck von mehr Haar erzeugt. Als Pflege ist es in Ordnung. Als Wachstumsmittel ist es unbelegt.
InhaltsstoffeRicinolsäure - ein Sonderfall unter den Fettsäuren
Rizinusöl ist unter den Pflanzenölen ein Unikat: Rund neunzig Prozent seiner Fettsäuren sind Ricinolsäure, eine ungesättigte Fettsäure mit einer zusätzlichen Hydroxylgruppe. Diese Hydroxylgruppe macht das Öl deutlich polarer als andere Pflanzenöle und erklärt seine ungewöhnlichen physikalischen Eigenschaften: eine sehr hohe Viskosität, gute Löslichkeit in Alkohol und die Fähigkeit, auch bei tiefen Temperaturen flüssig zu bleiben.
Das macht Rizinusöl zu einem wichtigen Industrierohstoff, weit über die Medizin hinaus. Es ist Ausgangsstoff für Polyamid 11, für Schmierstoffe, die extremen Temperaturen standhalten, für Hydraulikflüssigkeiten, Farben und Lacke. In der Luftfahrt der frühen Jahre war Rizinusöl das Standardschmiermittel für Umlaufmotoren - mit dem bekannten Nebeneffekt, dass die Piloten den Ölnebel einatmeten und dessen abführende Wirkung zu spüren bekamen.
Das Rizin ist chemisch eine ganz andere Geschichte. Es ist ein Lektin, das aus zwei Proteinketten besteht: Eine bindet an die Zelloberfläche, die andere dringt ein und blockiert die Ribosomen, also die Proteinfabriken der Zelle. Die betroffene Zelle stirbt. Weil Rizin ein großes Protein ist, ist es weder fettlöslich noch hitzestabil - es bleibt beim Pressen zurück und wird durch Erhitzen zerstört. Aus demselben Grund sind ganze, unzerkaut geschluckte Samen weniger gefährlich als zerkaute: Die harte Schale schützt.
Für den Garten folgt daraus eine klare Warnung. Rizinus ist eine beliebte Zierpflanze mit spektakulären Blättern, und ihre gemusterten Samen sehen interessant aus - für Kinder attraktiv genug, um sie in den Mund zu nehmen. In Haushalten und Gärten mit kleinen Kindern hat sie deshalb nichts zu suchen. Bei Verdacht auf Verzehr ist der Giftnotruf die erste Adresse.
Verstärkte KombinationenWofür Rizinusöl taugt
Ein wirksames, aber drastisches Abführmittel und ein brauchbares Pflegeöl - mehr, aber auch nicht weniger.
Wenn eine schnelle, vollständige Entleerung gewünscht ist, wirkt es zuverlässig innerhalb von zwei bis sechs Stunden. Für die gelegentliche Verstopfung sind mildere Mittel besser.
Der Geschmack ist unangenehm und die Konsistenz zäh. Gekühlt und in Saft eingerührt geht es deutlich besser hinunter.
Es ist sehr zäh. Mit Kokos-, Oliven- oder Jojobaöl im Verhältnis 1:1 gemischt lässt es sich überhaupt erst verteilen.
Auf Hornhaut, rissigen Fersen und Nagelhaut ist es wegen seiner Viskosität ein gutes, lange haftendes Pflegeöl.
Es pflegt und lässt Wimpern voller aussehen. Ein Wachstum ist nicht belegt - wer es aus Pflegegründen nutzt, macht nichts falsch.
In Naturseifen sorgt es für cremigen, stabilen Schaum - ein klassischer Anteil von fünf bis zehn Prozent.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Die Samen enthalten Rizin und sind hochgiftig; wenige zerkaute Samen können für ein Kind tödlich sein. In Gärten mit kleinen Kindern hat die Pflanze nichts zu suchen.
Wie alle drastischen Abführmittel nur kurzzeitig. Längerer Gebrauch führt zu Elektrolytverlusten und Gewöhnung des Darms.
Kontraindiziert. Die traditionelle Geburtseinleitung gehört in geburtshilfliche Hände, nicht in die Selbstanwendung - heftige Durchfälle und Dehydratation sind reale Risiken.
Nicht geeignet. Verstopfung im Kindesalter gehört ohnehin ärztlich angesehen.
Bei Verdacht auf Darmverschluss, entzündlicher Darmerkrankung oder akutem Bauch ist jedes Abführmittel gefährlich.
Für Wimpernanwendung sparsam und mit sauberem Applikator auf die Wimpernbasis, nicht ins Auge. Bakterielle Verunreinigung der Bürstchen ist ein reales Problem.
AnwendungAnwendungen von der Apotheke bis zum Seifentopf
- Abführmittel10 bis 30 ml einmalig, gekühlt und in Saft eingerührt - wirkt in zwei bis sechs Stunden.
- HaarkurMit Kokos- oder Olivenöl 1:1 gemischt, eine Stunde einwirken lassen, gründlich auswaschen.
- AugenbrauenAbends mit einem sauberen Bürstchen dünn aufgetragen - als Pflege, nicht als Wachstumsmittel.
- FersenAuf rissige Fersen aufgetragen, Socken darüber, über Nacht.
- NagelhautEin Tropfen in die Nagelfalz einmassiert.
- SeifeFünf bis zehn Prozent in der Seifenrezeptur für cremigen Schaum.
- LippenpflegeIn Balsamen als Glanz- und Haftkomponente.
- KaltgepresstFür kosmetische und innerliche Anwendung immer kaltgepresste Apothekenqualität.
- LagerungDunkel und verschlossen; es ist relativ oxidationsstabil und hält lange.
- Nicht die SamenDie Pflanze ist Zierde, die Samen sind Gift - beides gehört auseinandergehalten.
Als HausmittelDie Haar- und Brauenpflege
Rizinusöl-Mischung für Haare und Brauen
- Vorweg ehrlich: Für ein Haar- oder Wimpernwachstum durch Rizinusöl gibt es keine Studien. Was folgt, ist eine Pflegeanwendung - sie lässt Haare voller und glänzender aussehen, sie lässt sie nicht mehr werden.
- Kaltgepresstes Rizinusöl aus der Apotheke zu gleichen Teilen mit Jojoba-, Mandel- oder Kokosöl mischen. Pur ist es zu zäh zum Verteilen.
- Für die Haare: In Längen und Spitzen einarbeiten, eine Stunde oder über Nacht einwirken lassen, dann mit Shampoo auswaschen - meist zwei Durchgänge.
- Für Augenbrauen und Wimpern: Ein sauberes Mascara-Bürstchen verwenden, sparsam auf die Basis auftragen, abends. Nicht ins Auge bringen.
- Das Bürstchen regelmäßig reinigen oder wechseln - bakteriell verunreinigte Applikatoren am Auge sind ein reales Problem und der häufigste Grund für Reizungen.
- Bei Rötung, Juckreiz oder Schwellung am Auge sofort absetzen und die Stelle auswaschen.
Als Pflegeöl für Haare, Augenbrauen, rissige Fersen und Nagelhaut. Innerlich als kurzzeitiges Abführmittel, wenn eine schnelle Entleerung gewünscht ist - für die gelegentliche Verstopfung sind Flohsamenschalen die bessere Wahl.
Äußerlich nach Bedarf. Innerlich 10 bis 30 ml einmalig bei Erwachsenen, nur kurzzeitig. Nicht in der Schwangerschaft, nicht für Kinder unter zwölf Jahren, nicht bei Verdacht auf Darmverschluss oder unklaren Bauchschmerzen.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Rizinusöl ist im Ayurveda als Eranda Taila eine der wichtigsten Drogen überhaupt und gilt als das Öl schlechthin für vata-Störungen. Es wird als süß, scharf und erwärmend beschrieben und ist das klassische Mittel für Virechana, die therapeutische Abführbehandlung im Rahmen der Panchakarma-Reinigung. Zusätzlich wird es äußerlich bei Gelenkschmerzen und Schwellungen angewendet. Die Bedeutung, die es in diesem System hat, ist deutlich größer als in der heutigen westlichen Medizin.
Traditionelle Chinesische Medizin
In der chinesischen Materia medica erscheint der Rizinussamen als Bi Ma Zi und wird als süß, scharf und neutral, aber ausdrücklich als toxisch geführt. Anwendung findet vor allem das Öl, Bi Ma You, als abführendes Mittel sowie äußerlich bei Abszessen und Schwellungen. Die klassischen Texte betonen die Toxizität der Samen und schreiben Aufbereitungsschritte vor - eine traditionelle Vorsicht, die sich mit der modernen Kenntnis über Rizin vollständig deckt.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Die Samen sind hochgiftig: Rizin ist eines der stärksten bekannten Pflanzengifte; wenige zerkaute Samen können für ein Kind tödlich sein. Das Öl selbst enthält kein Rizin - Samen und Öl sind strikt zu trennen.
- Zierpflanze und Kinder: Rizinus ist eine beliebte Gartenpflanze mit auffälligen Samen. In Haushalten mit kleinen Kindern hat sie nichts zu suchen.
- Nur kurzzeitig abführen: Wie alle drastischen Abführmittel führt längerer Gebrauch zu Elektrolytverlusten und Gewöhnung.
- Nicht in der Schwangerschaft: Kontraindiziert. Die traditionelle Geburtseinleitung gehört in geburtshilfliche Hände.
- Nicht für Kinder unter 12 Jahren: Verstopfung im Kindesalter gehört ärztlich angesehen.
- Kein Wachstumsmittel: Für Wimpern-, Brauen- oder Haarwachstum durch Rizinusöl gibt es keine klinischen Studien. Als Pflege ist es in Ordnung.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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QuellenWorauf sich das stützt
- European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monograph on Ricinus communis L., oleum - traditional use.
- Tunaru S. et al.: Castor oil induces laxation and uterus contraction via ricinoleic acid activating prostaglandin EP3 receptors. PNAS 2012.
- Kelly A.J. et al.: Castor oil, bath and/or enema for cervical priming and induction of labour. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013.
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Rizin in Rizinussamen - Risikobewertung und Vergiftungsfälle.
- Audi J. et al.: Ricin poisoning: a comprehensive review. JAMA 2005.


