HerkunftVom ungeliebten Strauch zum Kriegsvitamin

Im Zweiten Weltkrieg wurde in Großbritannien Johannisbeersirup an Kinder verteilt - weil es keine Zitrusfrüchte mehr gab.
Ribes nigmum ist ein bis zu zwei Meter hoher Strauch, der in Nord- und Mitteleuropa bis nach Sibirien wild vorkommt, meist in feuchten Wäldern und an Bachufern. Als Kulturpflanze ist er vergleichsweise jung: Erst ab dem 16. und 17. Jahrhundert wurde er in Europa gezielt angebaut, deutlich später als Erdbeere oder Himbeere. Der Grund ist der Geschmack - roh sind die Beeren sauer, herb und für viele Menschen zu intensiv. Erst in Saft, Gelee, Likör und Sirup entfaltet die Frucht ihren Reiz.
Ihre große Stunde kam im Zweiten Weltkrieg. Großbritannien war von Zitrusimporten abgeschnitten, und man suchte eine heimische Vitamin-C-Quelle. Die Schwarze Johannisbeere war die Antwort: Der Anbau wurde staatlich gefördert, und aus der Ernte wurde Sirup hergestellt, den Kinder kostenlos erhielten. Das ist der Ursprung der bis heute in Großbritannien populären Johannisbeergetränke - eine Geschmacksprägung, die aus einer Versorgungslücke entstand.
In Frankreich ging die Entwicklung in eine andere Richtung: Dort wurde aus der Beere der Crème de Cassis, ein Likör aus dem Burgund, und mit ihm der Kir - Weißwein mit einem Schuss Cassis –, benannt nach Félix Kir, dem Bürgermeister von Dijon. Der deutsche Name Johannisbeere bezieht sich auf den Johannistag am 24. Juni, um den herum die ersten Früchte reifen; das gilt allerdings eher für die roten Sorten, die schwarzen sind meist ein paar Wochen später dran.
NutzenDrei Produkte, drei sehr unterschiedliche Belegstufen
Fangen wir mit den Blättern an, weil das die Anwendung ist, die am wenigsten bekannt und am besten dokumentiert ist. Die Europäische Arzneimittel-Agentur führt Blätter der Schwarzen Johannisbeere als traditional use mit zwei Anwendungsgebieten: zur Linderung leichter Gelenkbeschwerden und zur Steigerung der Harnmenge im Sinne einer Durchspülung bei leichten Harnwegsbeschwerden. Grundlage sind der hohe Flavonoidgehalt und die Kaliumsalze; das Prinzip ist dasselbe wie bei Birke, Goldrute und Brennnessel. Für die Durchspülung gilt dieselbe Bedingung wie bei allen: ausreichend trinken, und nicht bei Nieren- oder Herzschwäche.
Die Beeren sind ein Lebensmittel, kein Arzneimittel, und dort ist die Faktenlage schlicht und solide: 150 bis 200 Milligramm Vitamin C pro 100 Gramm, etwa das Dreifache einer Zitrone und deutlich mehr als jede Zitrusfrucht. Dazu ein sehr hoher Gehalt an Anthocyanen - den blauvioletten Farbstoffen, die die Beere fast schwarz machen. Für Anthocyane gibt es viel Laborforschung zu antioxidativen und gefäßschützenden Effekten. Was davon beim Menschen im Alltag ankommt, ist offen; wir führen das hier als Nährwert auf, nicht als Wirkung.
Das dritte Produkt ist das Samenöl. Es enthält 15 bis 20 Prozent Gamma-Linolensäure, eine Omega-6-Fettsäure, die sonst vor allem aus Nachtkerzen- und Borretschsamenöl gewonnen wird. Gamma-Linolensäure wurde intensiv bei Neurodermitis untersucht, und die Bilanz ist ernüchternd: Ein Cochrane-Review zu Nachtkerzen- und Borretschöl bei atopischem Ekzem fand keinen Nutzen gegenüber Placebo. Das lässt sich nicht eins zu eins übertragen, aber es ist der beste verfügbare Anhaltspunkt - und er spricht gegen große Erwartungen.
Ein Bereich mit etwas Bewegung ist die Augenforschung. Es gibt kleinere japanische Studien zu Anthocyanen aus Schwarzer Johannisbeere und der Anpassung des Auges an Dunkelheit sowie zur Ermüdung bei Bildschirmarbeit. Die Studien sind klein, teils herstellernah, und die Effekte gering. Interessant genug, um weiterzuverfolgen; nicht genug, um ein Präparat zu empfehlen. Wer die Beeren isst, isst sie am besten, weil sie gut sind.
InhaltsstoffeDer Duft, der auch im Sauvignon Blanc steckt
Wer an einem Johannisbeerblatt reibt, bekommt einen sehr eigenen, scharf-katzigen Geruch in die Nase, den man nie wieder vergisst. Verantwortlich dafür sind schwefelhaltige Verbindungen, vor allem 4-Methyl-4-mercaptopentan-2-on. Dasselbe Molekül ist eines der Schlüsselaromen im Sauvignon Blanc - der typische „Cassis“-Ton in Weinbeschreibungen kommt buchstäblich aus derselben chemischen Ecke. Es ist extrem geruchsintensiv und schon in winzigsten Mengen wahrnehmbar.
Die Farbe der Beeren stammt von Anthocyanen, in erster Linie Delphinidin- und Cyanidin-Glykosiden. Der Gehalt liegt bei bis zu 400 Milligramm pro 100 Gramm und damit an der Spitze der heimischen Obstarten. Anthocyane sind pH-empfindlich - deshalb ändert ein Johannisbeergelee seine Farbe, wenn Zitronensaft dazukommt - und hitzeempfindlich, was bedeutet, dass ein lange gekochtes Gelee weniger davon enthält als ein kalt gerührter Ansatz.
Das Vitamin C ist der bekannteste Wert, und er hält, was er verspricht: 150 bis 200 Milligramm pro 100 Gramm. Auch hier gilt die Hitzeregel - beim Einkochen geht ein erheblicher Teil verloren. Eingefrorene Beeren behalten deutlich mehr als gekochte, und Gefrieren schadet den Anthocyanen kaum. Wer die Inhaltsstoffe will, friert ein; wer Vorrat und Geschmack will, kocht ein.
Die Blätter enthalten Flavonoide - vor allem Rutin, Isoquercitrin und Kaempferol-Glykoside –, Gerbstoffe, Kaliumsalze und das erwähnte ätherische Öl. Die Kombination aus Flavonoiden und Kalium ist die Grundlage der Durchspülungswirkung. Geerntet werden junge Blätter im Frühsommer, vor oder während der Blüte; sie werden zügig im Schatten getrocknet und behalten dann ein Jahr lang ihren charakteristischen Geruch. Blätter, die nach nichts mehr riechen, sind alt.
Verstärkte KombinationenBeere, Blatt und Öl im Einsatz
Die drei Produkte haben nichts miteinander zu tun - man sollte sie beim Kombinieren auseinanderhalten.
Roh sind die Beeren vielen zu sauer und zu herb. Als Gelee, Sirup oder Konfitüre entfalten sie ihre Stärke - die Säure trägt den Zucker und macht das Ergebnis lebendiger als bei süßem Obst.
Cumberlandsauce und Johannisbeergelee zu Wild sind kein Zufall: Säure und Herbheit schneiden durch fettes, kräftiges Fleisch.
Der Kir, benannt nach dem Bürgermeister von Dijon: ein Schuss Crème de Cassis in trockenen Weißwein, klassisch Aligoté.
Für die traditionelle Anwendung bei leichten Gelenkbeschwerden werden beide Blattdrogen kombiniert - flavonoidreich, kaliumreich, mild.
Zur Durchspülung eine sinnvolle Kombination, solange die Trinkmenge stimmt: rund zwei Liter am Tag, sonst wird nichts durchgespült.
Einfrieren erhält Vitamin C und Anthocyane deutlich besser als Einkochen. Die Beeren lassen sich gefroren gut vom Rispenstiel streifen.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Wie bei allen Durchspülungsdrogen: Bei eingeschränkter Nierenfunktion oder Ödemen infolge Herz- oder Niereninsuffizienz ist eine Durchspülungstherapie nicht angezeigt.
Für Gamma-Linolensäure bei atopischem Ekzem ist die Evidenz negativ. Ein Cochrane-Review fand keinen Nutzen gegenüber Placebo - das gehört dazugesagt, bevor jemand Geld dafür ausgibt.
Vitamin C und Anthocyane sind hitzeempfindlich. Wer die Inhaltsstoffe will, friert ein oder verarbeitet kalt.
Durchspülung ist für leichte Beschwerden. Fieber, Schüttelfrost, Flankenschmerz oder Blut im Urin gehören am selben Tag in die Praxis.
Bei rheumatoider Arthritis oder anderen entzündlichen Gelenkerkrankungen ist eine Blattdroge kein Behandlungsansatz. Diese Erkrankungen brauchen eine Diagnose und eine Therapie.
Die Schwarze Johannisbeere ist Zwischenwirt des Säulenrosts, der auf Weymouthskiefern überwintert. In manchen Regionen gibt es dazu Anbaubeschränkungen.
Zu welchem GerichtWas aus den Beeren wird
- GeleeDer Klassiker - die Beeren enthalten viel Pektin und gelieren zuverlässig, oft ganz ohne Zusatz.
- SirupDie britische Kriegsform: Beeren mit Zucker aufgekocht, abgeseiht, mit Wasser verdünnt getrunken.
- Crème de CassisDer burgundische Likör - Beeren in Alkohol angesetzt und gesüßt.
- KirEin Schuss Cassis in trockenen Weißwein, klassisch mit Aligoté.
- CumberlandsauceMit Portwein, Orange und Senf zu Wild und Pasteten.
- Rote GrützeZusammen mit Himbeeren und Kirschen - die Johannisbeere bringt die Säure.
- SmoothieGefroren direkt in den Mixer; Vitamin C und Anthocyane bleiben so am besten erhalten.
- Blättertee2 bis 4 g getrocknete Blätter pro Tasse - die arzneiliche Anwendung.
- KaltansatzBlätter über Nacht in kaltem Wasser für ein Sommergetränk mit dem typischen Cassis-Ton.
- EssigBeeren in hellem Weinessig angesetzt - ergibt einen tiefroten, herb-fruchtigen Essig.
Als HausmittelDer Blättertee - die unbekannte Anwendung
Johannisbeerblätter-Aufguss
- Junge Blätter im Frühsommer ernten, vor oder während der Blüte, an einem trockenen Vormittag. Sie sollen beim Reiben deutlich nach Cassis riechen.
- Auf Tüchern oder Gittern im Schatten zügig trocknen, bis sie rascheln. In dunklen Gläsern oder Papiertüten lagern; nach einem Jahr lässt der Geruch nach.
- 2 bis 4 g - etwa ein bis zwei Teelöffel - pro Tasse mit kochendem Wasser übergießen.
- Zugedeckt zehn Minuten ziehen lassen und abseihen.
- Bis zu dreimal täglich trinken. Bei der Durchspülungsanwendung zusätzlich auf rund zwei Liter Gesamtflüssigkeit am Tag kommen - ohne diese Menge findet keine Durchspülung statt.
- Nach zwei bis vier Wochen pausieren. Bei Fieber, Flankenschmerz, Blut im Urin oder anhaltenden Gelenkbeschwerden gehört die Ursache abgeklärt.
Traditionell bei leichten Gelenkbeschwerden und zur Durchspülung bei leichten Beschwerden im Harntrakt - so führt es die EMA-Monographie. Die Beeren selbst sind ein Lebensmittel mit hervorragendem Vitamin-C-Gehalt, kein Arzneimittel.
2 bis 4 g Blätter pro Tasse, bis zu dreimal täglich. Nicht bei eingeschränkter Nierenfunktion oder bei Ödemen infolge Herz- oder Nierenschwäche, nicht bei fieberhaftem Harnwegsinfekt, nicht für Kinder unter 12 Jahren.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Die Schwarze Johannisbeere ist eine nordeuropäisch-sibirische Pflanze und im Ayurveda nicht vertreten. Ihre Rolle als saure, kühlende, vitaminreiche Frucht entspricht dort am ehesten der Amla, der Indischen Stachelbeere Phyllanthus emblica, die ebenfalls extrem vitamin-C-reich ist und als eine der zentralen Rasayana-Früchte gilt. Interessant ist die Parallele: Beide Kulturen haben unabhängig voneinander die sauerste verfügbare Beere zur wichtigsten Gesundheitsfrucht erklärt.
Traditionelle Chinesische Medizin
In der chinesischen Materia medica spielt Ribes nigrum keine Rolle. Die vergleichbare Position - dunkle, saure Beere, die Leber und Nieren zugeordnet wird - hat dort Wu Wei Zi, die Frucht des Chinesischen Spaltkörbchens, die als „Beere der fünf Geschmäcker“ gilt und adstringierende sowie tonisierende Funktionen zugeschrieben bekommt. Eine Übertragung der Johannisbeere in dieses System findet nicht statt.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Durchspülung nur bei gesunden Nieren: Bei eingeschränkter Nierenfunktion oder Wasseransammlungen infolge Herz- oder Niereninsuffizienz ist eine Durchspülungstherapie nicht angezeigt.
- Trinkmenge gehört dazu: Ohne rund zwei Liter Flüssigkeit am Tag ist eine Durchspülung keine. Wer aus medizinischen Gründen wenig trinken darf, macht sie gar nicht.
- Fieberhafter Harnwegsinfekt: Fieber, Schüttelfrost, Flankenschmerz oder Blut im Urin sind keine Selbstbehandlungssituation, sondern ein Grund für einen Arzttermin am selben Tag.
- Samenöl bei Neurodermitis: Die Evidenz für Gamma-Linolensäure beim atopischen Ekzem ist negativ. Präparate werden trotzdem dafür beworben - das ist kein guter Grund, sie zu kaufen.
- Nicht für Kinder unter 12 Jahren: Für die arzneiliche Anwendung der Blätter sieht die Monographie keine Anwendung bei Kindern vor. Die Beeren sind davon nicht betroffen.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Für die Blattdroge fehlen Daten; in dieser Zeit ist von der arzneilichen Anwendung abzuraten. Die Frucht als Lebensmittel bleibt unproblematisch.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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QuellenWorauf sich das stützt
- European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monograph on Ribes nigrum L., folium - traditional use.
- Bundeslebensmittelschlüssel / Souci-Fachmann-Kraut: Nährwertdaten zu Schwarzen Johannisbeeren.
- Bamford J.T. et al.: Oral evening primrose oil and borage oil for eczema. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013.
- Nakaishi H. et al.: Effects of black currant anthocyanoside intake on dark adaptation and VDT work-induced transient refractive alteration. Alternative Medicine Review 2000.
- Blaschek W. (Hrsg.): Wichtl - Teedrogen und Phytopharmaka, Eintrag Ribis nigri folium.


