HerkunftDer Verwandte des Hanfs, der das Bier rettete

Vor dem Hopfen war Bier ein Getränk mit Haltbarkeitsproblem - er löste es und veränderte damit die europäische Wirtschaftsgeschichte.
Humulus lupulus ist eine mehrjährige, rechtswindende Kletterpflanze, die jedes Jahr aus dem Wurzelstock neu austreibt und bis zu acht Meter hoch wird - das sind in guten Wochen dreißig Zentimeter am Tag und macht sie zu einer der schnellstwachsenden Pflanzen Europas. Sie gehört zur Familie der Hanfgewächse und ist damit die nächste Verwandte des Cannabis, was man dem Blatt auch ansieht: gelappt, rau, gegenständig.
Hopfen ist zweihäusig, und das ist für die Nutzung entscheidend. Nur die weiblichen Pflanzen bilden die Zapfen, und nur unbefruchtete Zapfen sind für das Brauen brauchbar - befruchtete bilden Samen und verlieren an Qualität. In Hopfenanbaugebieten werden männliche Pflanzen deshalb konsequent entfernt. Zwischen den Deckblättern der Zapfen sitzen die Lupulindrüsen, gelbe, klebrige Körnchen, in denen die Bitterstoffe und das ätherische Öl stecken. Sie sind der eigentliche Rohstoff.
Die Geschichte des Hopfens ist eine Wirtschaftsgeschichte. Bier wurde jahrhundertelang mit Kräutermischungen - dem sogenannten Grut - gewürzt und war kaum haltbar. Ab dem 8. Jahrhundert sind Hopfengärten in Klöstern belegt, und ab dem Hochmittelalter setzte sich Hopfen durch, weil seine Bitterstoffe antibakteriell wirken: Gehopftes Bier hielt sich, ließ sich transportieren und exportieren. Die Hanse baute darauf einen Fernhandel auf. Das bayerische Reinheitsgebot von 1516 schrieb Hopfen dann fest vor - und schuf damit nebenbei einen Wirtschaftszweig, der die Hallertau bis heute zum größten zusammenhängenden Hopfenanbaugebiet der Welt macht.
NutzenBeruhigung - und ein Wirkstoff, der erst im Regal entsteht
Die Europäische Arzneimittel-Agentur führt Hopfenzapfen als traditional use zur Linderung leichter Symptome nervöser Anspannung und als Einschlafhilfe. Die Kommission E hatte 1984 positiv bewertet, bei Unruhe, Angstzuständen und Schlafstörungen. Bemerkenswert ist, dass die klinischen Studien fast ausschließlich mit Kombinationen aus Hopfen und Baldrian durchgeführt wurden - und dort in mehreren placebokontrollierten Untersuchungen eine Verkürzung der Einschlafzeit und eine Verbesserung der Schlafqualität zeigten.
Für Hopfen allein ist die Lage dünner, und es gibt einen interessanten Grund dafür, dass die Wirkstofffrage lange ungeklärt blieb. Die Bitterstoffe - Humulone und Lupulone, die im Brauwesen als Alpha- und Beta-Säuren bezeichnet werden - sind chemisch instabil. Beim Lagern zerfallen sie, und dabei entsteht unter anderem 2-Methyl-3-buten-2-ol, ein einfacher Alkohol, der im Tierversuch sedierend wirkt. Frischer Hopfen enthält davon fast nichts; nach einigen Monaten Lagerung steigt der Gehalt deutlich an.
Das führt zu einer Eigenart, die es sonst kaum gibt: Eine gelagerte Hopfendroge ist für die beruhigende Anwendung wahrscheinlich besser als eine frische - genau umgekehrt zu fast allen anderen Kräutern. Für das Brauen gilt das Gegenteil, weshalb Brauhopfen gekühlt und unter Schutzgas gelagert wird. Wer Hopfenzapfen für ein Schlafkissen sammelt, muss sich über Alterung also keine Sorgen machen.
Und dann gibt es einen Befund, den man kennen sollte: Hopfen enthält 8-Prenylnaringenin, das stärkste bisher bekannte Phytoöstrogen. Der historische Hinweis darauf kam aus der Beobachtung, dass Hopfenpflückerinnen häufig Zyklusstörungen bekamen. Der Gehalt in einer normalen Teemenge ist gering, und die Mengen im Bier sind sehr klein. Trotzdem ist es der Grund, warum bei hormonabhängigen Erkrankungen - etwa nach Brustkrebs - die dauerhafte Einnahme hopfenhaltiger Präparate vorher besprochen werden sollte.
InhaltsstoffeWas in den gelben Körnchen steckt
Der wertvolle Teil des Hopfenzapfens ist das Lupulin - die gelben, klebrigen Drüsenkörnchen zwischen den Deckblättern. Wer einen Zapfen zerreibt, hat sie an den Fingern, und sie riechen intensiv harzig-würzig. In ihnen konzentrieren sich die drei relevanten Stoffgruppen: Bitterstoffe, ätherisches Öl und Prenylflavonoide.
Die Bitterstoffe sind Humulone (Alpha-Säuren) und Lupulone (Beta-Säuren). Im Brauprozess werden die Alpha-Säuren beim Kochen isomerisiert und geben dem Bier seine Bitterkeit; gleichzeitig wirken sie antibakteriell, vor allem gegen grampositive Bakterien, und das ist der historische Grund für die Haltbarkeit gehopfter Biere. Für die arzneiliche Anwendung sind eher ihre Zerfallsprodukte interessant, allen voran das erwähnte 2-Methyl-3-buten-2-ol.
Das ätherische Öl mit Myrcen, Humulen und Caryophyllen prägt das Aroma. Hier gibt es eine botanische Kuriosität: Humulen und Caryophyllen sind auch Hauptbestandteile des Cannabis-Aromas - die enge Verwandtschaft zeigt sich in der Nase. Moderne Aromahopfensorten werden gezielt auf bestimmte Ölprofile gezüchtet, was die Vielfalt heutiger Craft-Biere erklärt.
Die dritte Gruppe sind die Prenylflavonoide: Xanthohumol und das daraus entstehende 8-Prenylnaringenin. Xanthohumol wird in der Grundlagenforschung intensiv untersucht; 8-Prenylnaringenin ist das stärkste bekannte Phytoöstrogen und bindet an Östrogenrezeptoren um Größenordnungen stärker als die Isoflavone der Sojabohne. Die Mengen in Bier und Tee sind klein, aber die Substanz ist der Grund für die Vorsicht bei hormonabhängigen Erkrankungen - und für die Forschung zu Hopfenextrakten bei Wechseljahresbeschwerden, die bislang keine belastbaren Ergebnisse gebracht hat.
Verstärkte KombinationenHopfen abends und im Glas
Hopfen steht arzneilich fast nie allein - und beim Bier ist er ohnehin nur ein Teil des Ganzen.
Die Kombination, mit der praktisch alle Studien gemacht wurden und die in mehreren placebokontrollierten Untersuchungen die Einschlafzeit verkürzte. Als Fertigpräparat oder Teemischung, eine halbe bis eine Stunde vor dem Zubettgehen.
Die erweiterte Abendmischung. Melisse macht sie trinkbar, Passionsblume ergänzt die beruhigende Komponente.
Ein kleines Kissen mit getrockneten Hopfenzapfen neben dem Kopf - eine alte Anwendung, deren Effekt vermutlich überwiegend über den Duft läuft. Harmlos und für viele Menschen angenehm.
Beim Brauen bestimmt der Zeitpunkt der Hopfengabe alles: früh im Kochen für Bitterkeit, spät oder kalt für Aroma. Dasselbe Kraut, zwei völlig verschiedene Ergebnisse.
Als Bitterdroge regt Hopfen wie andere Bitterstoffe Appetit und Magensaft an - die zweite, weniger bekannte traditionelle Anwendung.
Für die beruhigende Anwendung ist gelagerte Droge wahrscheinlich besser als frische, weil der sedierende Stoff erst beim Zerfall der Bitterstoffe entsteht.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
8-Prenylnaringenin ist das stärkste bekannte Phytoöstrogen. Bei hormonabhängigem Brustkrebs, in der Nachsorge oder bei anderen östrogenabhängigen Erkrankungen gehört die dauerhafte Einnahme vorher besprochen.
Additive Sedierung. Wer ein beruhigendes Präparat nimmt, kombiniert es nicht mit Alkohol - und ein Bier ist kein Ersatz für die Anwendung, sondern eine andere Sache.
Bei verordneten Sedativa oder Antidepressiva nicht ungefragt kombinieren; die dämpfende Wirkung kann sich addieren.
Beruhigende Präparate können die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen. Nach der Einnahme nicht mehr fahren.
Wegen der östrogenen Wirkung und fehlender Daten in dieser Zeit nicht anwenden.
Anhaltende Schlafstörungen über Wochen haben Ursachen - Schlafapnoe, Depression, Schmerzen, Medikamente. Die gehören gesucht, nicht überdeckt.
AnwendungVon den Sprossen bis zum Schlafkissen
- HopfensprossenDie jungen Frühjahrstriebe sind ein Delikatessgemüse - in Belgien jets de houblon, teuer und kurz verfügbar. Wie Spargel zubereitet.
- Abendtee0,5 g Zapfen pro Tasse, mit Baldrian und Melisse gemischt, eine Stunde vor dem Schlafengehen.
- FertigpräparatHopfen-Baldrian-Kombinationen sind die Form mit der besten Datenlage.
- SchlafkissenGetrocknete Zapfen in ein kleines Leinenkissen; jährlich erneuern.
- TinkturAlkoholischer Auszug, tropfenweise - meist als Teil von Kombinationen.
- BierDie weltweit größte Anwendung - Bitterkeit, Aroma und Haltbarkeit in einem.
- HopfenbadAls Zusatz in Beruhigungsbädern, oft mit Baldrian und Lavendel.
- BitteransatzAls Bitterdroge vor dem Essen - die weniger bekannte traditionelle Anwendung.
- GartenAls schnellwachsender Sichtschutz an Pergola oder Zaun; treibt jedes Jahr neu.
- LagerungFür die Beruhigungsanwendung schadet Lagerung nicht - im Gegenteil.
Als HausmittelDer Abendtee mit Baldrian
Hopfen-Baldrian-Mischung
- Vorher prüfen: keine hormonabhängige Erkrankung in der Vorgeschichte, keine Schwangerschaft oder Stillzeit, keine verordneten Schlaf- oder Beruhigungsmittel ohne ärztliche Rücksprache.
- Mischung ansetzen: zwei Teile Baldrianwurzel, ein Teil Hopfenzapfen, ein Teil Melissenblätter. Die Melisse ist keine Zierde - sie macht die Mischung trinkbar.
- Einen gehäuften Teelöffel pro Tasse mit kochendem Wasser übergießen und zugedeckt zehn Minuten ziehen lassen.
- Abseihen und eine halbe bis eine Stunde vor dem Zubettgehen langsam trinken. Nicht kurz vorher - die Wirkung braucht Zeit.
- Der Geruch des Baldrians ist gewöhnungsbedürftig, der Geschmack des Hopfens bitter. Wer beides nicht mag, nimmt ein Fertigpräparat mit derselben Kombination.
- Zwei bis vier Wochen anwenden, dann Bilanz ziehen. Schlafstörungen, die länger anhalten, haben eine Ursache - die gehört gesucht statt überdeckt.
Bei leichter nervöser Anspannung und bei Einschlafstörungen - die Anwendung, die EMA und Kommission E nennen. Nicht bei chronischen Schlafstörungen ohne Abklärung, nicht bei hormonabhängigen Erkrankungen ohne ärztliche Rücksprache.
0,5 g Hopfenzapfen täglich nach Kommission E, in der Mischung entsprechend. Nicht mit Alkohol kombinieren, nach der Einnahme nicht mehr fahren, nicht in Schwangerschaft und Stillzeit.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Hopfen ist eine europäisch-nordasiatische Pflanze und im klassischen Ayurveda nicht vertreten. Für Unruhe und Schlafstörungen stehen dort Jatamansi (Nardostachys jatamansi), Brahmi und Ashwagandha im Vordergrund. Bemerkenswert ist, dass Jatamansi botanisch mit dem Baldrian verwandt ist - dem klassischen Partner des Hopfens - und ihm in Duft und Zuschreibung stark ähnelt.
Traditionelle Chinesische Medizin
In der chinesischen Materia medica erscheint Hopfen als Pi Jiu Hua - „Bierblume“, was die späte Übernahme aus dem Westen deutlich macht. Beschrieben wird er als bitter und leicht kühl mit Bezug zu Magen und Leber und den Funktionen, den Appetit anzuregen und den Geist zu beruhigen. Die etablierten chinesischen Beruhigungsdrogen sind andere, etwa Suan Zao Ren und He Huan Pi. Interessant ist, dass auch die TCM den Hopfen sowohl der Verdauung als auch der Beruhigung zuordnet - dieselbe Doppelrolle wie in Europa.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Stärkstes bekanntes Phytoöstrogen: 8-Prenylnaringenin bindet sehr stark an Östrogenrezeptoren. Bei hormonabhängigen Erkrankungen, etwa in der Brustkrebsnachsorge, gehört die dauerhafte Einnahme ärztlich besprochen.
- Nicht mit Alkohol: Additive Sedierung. Ein Bier ist zudem kein Ersatz für die arzneiliche Anwendung.
- Wechselwirkung mit Sedativa: Bei verordneten Schlaf- oder Beruhigungsmitteln und bei Antidepressiva nicht ungefragt kombinieren.
- Verkehrstüchtigkeit: Beruhigende Präparate können die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen.
- Nicht in Schwangerschaft und Stillzeit: Wegen der östrogenen Wirkung und fehlender Daten.
- Anhaltende Schlafstörungen abklären: Über Wochen bestehende Schlafprobleme haben Ursachen - Schlafapnoe, Depression, Schmerzen, Medikamente. Die gehören gesucht.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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QuellenWorauf sich das stützt
- European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monograph on Humulus lupulus L., flos - traditional use.
- Kommission E, Monographie „Lupuli strobulus“, BAnz Nr. 228 vom 05.12.1984.
- Koetter U. et al.: A randomized, double blind, placebo-controlled, prospective clinical study to demonstrate clinical efficacy of a fixed valerian hops extract combination in patients with non-organic sleep disorder. Phytotherapy Research 2007.
- Milligan S.R. et al.: Identification of a potent phytoestrogen in hops and beer. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism 1999.
- Wohlfart R. et al.: Über die sedativ-hypnotische Wirkung von 2-Methyl-3-buten-2-ol aus Hopfen. Planta Medica 1983.


