HerkunftDer Pilz, den jeder schon gesehen hat

Halbkreisförmige, gezonte Fächer an einem Buchenstumpf - die Schmetterlingstramete ist der häufigste Baumpilz Mitteleuropas.
Trametes versicolor bildet dünne, lederartige, halbkreisförmige Fruchtkörper, die dachziegelartig übereinander an Totholz von Laubbäumen wachsen. Ihre Oberseite ist in konzentrischen Zonen gefärbt - braun, grau, blau, schwarz, ocker, mit einem hellen Rand –, was den Artnamen versicolorturkey tail.
Sie ist ein Weißfäulepilz und baut Lignin ab - ökologisch eine der wichtigsten Funktionen im Wald überhaupt, weil dadurch Holz überhaupt zersetzt wird. Sie wächst auf Stümpfen, gefallenen Ästen und Totholz praktisch aller Laubbaumarten und ist in Mitteleuropa allgegenwärtig. Wer im Wald spazieren geht, findet sie fast immer.
Verwechseln kann man sie mit mehreren ähnlichen Trameten und mit der Zonenbecherling-ähnlichen Stereum-Gattung. Das entscheidende Merkmal ist die Unterseite: Die Schmetterlingstramete hat feine, weiße bis cremefarbene Poren, mit bloßem Auge gerade noch erkennbar. Arten der Gattung Stereum haben eine glatte, porenlose Unterseite. Giftige Verwechslungen gibt es nicht - alle diese Pilze sind ungenießbar, aber harmlos.
NutzenDer Vitalpilz mit dem stärksten Beleg
Hier können wir etwas schreiben, das in diesem Abschnitt des Archivs selten ist: Es gibt belastbare klinische Daten - für einen definierten Wirkstoff, nicht für den Pilz als solchen. PSK, ein Protein-gebundenes Polysaccharid aus Trametes versicolor, wurde in Japan 1977 als Arzneimittel zugelassen und war dort über Jahre eines der meistverkauften Krebsmedikamente überhaupt. In China wird die verwandte Zubereitung PSP verwendet.
Der entscheidende Unterschied zu anderen Pilzpolysacchariden: PSK wird oral gegeben. Lentinan aus dem Shiitake muss infundiert werden, PSK nicht. Metaanalysen japanischer Studien zur adjuvanten Behandlung von Magen- und Dickdarmkrebs - also zusätzlich zu Operation und Chemotherapie - fanden Verlängerungen des Gesamtüberlebens. Eine Metaanalyse mit über achttausend Patienten zeigte bei Magenkrebs einen signifikanten Überlebensvorteil.
Bevor daraus falsche Schlüsse werden, drei wichtige Einordnungen. Erstens: Diese Daten gelten für PSK, ein pharmazeutisch hergestelltes, standardisiertes Präparat in definierter Dosierung - nicht für Pilzpulver oder beliebige Extrakte aus dem Handel. Zweitens: PSK wurde ausschließlich zusätzlich zur konventionellen Therapie untersucht, nie als Ersatz. Drittens: Nahezu alle Studien stammen aus Japan, und Versuche, die Ergebnisse außerhalb Japans zu replizieren, sind begrenzt. Ein Cochrane-Review zu Pilzpolysacchariden hält die Evidenz für vielversprechend, aber nicht abschließend.
Für die Praxis in Deutschland heißt das: PSK ist hier nicht als Arzneimittel zugelassen. Was im Handel ist, sind Nahrungsergänzungsmittel aus Fruchtkörper- oder Myzelextrakt mit unklarem PSK-Gehalt. Wer sich in onkologischer Behandlung befindet und ein solches Präparat erwägt, sollte das unbedingt mit der behandelnden Ärztin besprechen - nicht weil es sicher schadet, sondern weil Wechselwirkungen mit einer Therapie nicht auszuschließen sind und weil die Dosierungsfrage ungelöst ist.
InhaltsstoffePSK, PSP - und was im Regal steht
PSK steht für Polysaccharid-K, auch Krestin genannt; PSP für Polysaccharid-Peptid. Beide sind Protein-gebundene Beta-Glucane, die aus Myzelkulturen bestimmter Trametes-Stämme gewonnen werden. Sie unterscheiden sich im Zuckeranteil leicht; PSK stammt aus dem japanischen CM-101-Stamm, PSP aus dem chinesischen Cov-1-Stamm. Beide werden industriell aus Fermenterkulturen hergestellt, nicht aus gesammelten Fruchtkörpern.
Genau hier liegt die Lücke zwischen Studie und Ladenregal. Die klinischen Daten betreffen standardisierte pharmazeutische Präparate in definierter Dosierung - in den Studien meist drei Gramm PSK täglich. Ein Nahrungsergänzungsmittel aus getrocknetem Fruchtkörperpulver enthält Beta-Glucane, aber keinen deklarierten PSK-Gehalt, und die Menge ist nicht vergleichbar. Wer die Studienlage nutzen möchte, müsste ein Präparat finden, das PSK deklariert - und die gibt es in Europa kaum.
Für den Wirkmechanismus gibt es eine plausible Beschreibung: Die Beta-Glucane binden an Mustererkennungsrezeptoren von Immunzellen und verstärken die Aktivität von Makrophagen, natürlichen Killerzellen und T-Zellen. Bei einer Krebstherapie, die das Immunsystem belastet, könnte das die Erholung unterstützen. Das ist die Arbeitshypothese hinter der adjuvanten Anwendung.
Eine praktische Beobachtung zum Schluss: Die Schmetterlingstramete ist ungenießbar - nicht giftig, aber so zäh wie Leder. Sie lässt sich nur als Absud verwenden, und dafür wird sie zerkleinert und lange ausgekocht. Der resultierende Tee ist mild, leicht holzig und unauffällig im Geschmack. Wer im Wald sammelt: nur frische, elastische Fruchtkörper ohne Algenbewuchs oder Vermoosung nehmen, und darauf achten, dass die Unterseite feine weiße Poren hat.
Verstärkte KombinationenWas daraus für die Praxis folgt
Bei diesem Pilz ist die wichtigste Frage nicht, womit man ihn kombiniert, sondern welches Produkt man vor sich hat.
Die Daten betreffen ausschließlich die adjuvante Anwendung - zusätzlich zu Operation und Chemotherapie, niemals als Ersatz. Und immer mit Wissen der behandelnden Ärztin.
Ohne Gehaltsangabe ist ein Präparat nicht mit den Studien vergleichbar.
Die Polysaccharide sind wasserlöslich und brauchen ein bis zwei Stunden Kochzeit. Ein Aufguss reicht nicht.
Myzelprodukte auf Getreidesubstrat enthalten viel Stärke und wenig Pilzsubstanz.
Alte, vermooste oder veralgte Exemplare stehen lassen. Die Unterseite muss feine weiße Poren zeigen.
Sie ist einer der wichtigsten Holzzersetzer überhaupt. Wer Totholz liegen lässt, fördert sie und das gesamte daran hängende Ökosystem.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Die Studien betreffen ausschließlich die begleitende Anwendung. Eine Behandlung zu ersetzen wäre lebensgefährlich.
Die Daten gelten für ein standardisiertes pharmazeutisches Präparat in definierter Dosis, nicht für beliebiges Pilzpulver.
Als immunstimulierendes Mittel bei gezielt gedämpftem Immunsystem nicht ohne ärztliche Begleitung.
Dieselbe Überlegung in die andere Richtung.
Wechselwirkungen mit Chemotherapeutika sind nicht auszuschließen. Immer mit der behandelnden Ärztin besprechen.
Sie ist zäh wie Leder und nicht essbar. Nur als Absud verwendbar.
AnwendungSammeln und zubereiten
- AbsudZerkleinerte Fruchtkörper ein bis zwei Stunden auskochen - die einzige sinnvolle Zubereitung.
- MehrfachauszugDasselbe Material lässt sich zwei- bis dreimal verwenden.
- TeemischungDer Geschmack ist mild-holzig; mit Ingwer oder Zimt angenehmer.
- ExtraktKapseln mit deklariertem Beta-Glucan-Gehalt - die beurteilbare Form.
- FruchtkörperVorzuziehen gegenüber Myzel-auf-Getreide-Produkten.
- SammelnFrische, elastische Fächer ohne Moos- oder Algenbewuchs.
- BestimmungUnterseite mit feinen weißen Poren - Stereum-Arten haben eine glatte Unterseite.
- TrocknenLuftig trocknen und trocken lagern; sie hält jahrelang.
- Nicht essenZäh wie Leder - ungenießbar, aber nicht giftig.
- ArztgesprächBei onkologischer Behandlung immer vorher besprechen.
Als HausmittelDer Absud
Schmetterlingstrameten-Dekokt
- Wichtig vorweg: Wer sich in onkologischer Behandlung befindet, bespricht die Einnahme vorher mit der behandelnden Ärztin. Wechselwirkungen mit einer Therapie sind nicht auszuschließen.
- Frische, elastische Fruchtkörper sammeln oder getrocknete Ware verwenden. Bestimmungsmerkmal: feine weiße Poren auf der Unterseite.
- Die Fächer mit einer Schere in kleine Stücke schneiden - sie sind zäh, das braucht etwas Kraft. Getrocknet lassen sie sich leichter zerkleinern.
- Etwa 10 g auf einen Liter kaltes Wasser geben, aufkochen und ein bis zwei Stunden bei kleiner Hitze köcheln lassen. Die Polysaccharide lösen sich nur bei langem Kochen.
- Abseihen. Das Material lässt sich zwei- bis dreimal wiederverwenden. Der Absud ist hellbraun und schmeckt mild-holzig.
- Über den Tag verteilt trinken, gerne mit Ingwer oder Zimt. Nicht bei Immunsuppression, Transplantation oder Autoimmunerkrankung ohne ärztliche Begleitung.
Traditionell in Ostasien als stärkendes Mittel. Die belastbaren klinischen Daten betreffen das standardisierte Präparat PSK als Begleitbehandlung bei bestimmten Krebserkrankungen - nicht den selbstgemachten Absud und niemals als Ersatz einer Therapie.
In den Studien wurden 3 g PSK täglich verwendet. Für Absud und Nahrungsergänzungsmittel gibt es keine geprüfte Dosierungsempfehlung. Bei onkologischer Behandlung, Immunsuppression oder Autoimmunerkrankung nur nach ärztlicher Rücksprache.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Die Schmetterlingstramete ist im Ayurveda nicht vertreten. Pilze spielen dort eine untergeordnete Rolle, und die Funktion, die dieser Pilz in der modernen Anwendung erfüllt - Unterstützung des Immunsystems während einer belastenden Therapie –, ist ein Konzept, das in dieser Form erst durch die moderne Onkologie entstanden ist.
Traditionelle Chinesische Medizin
In China ist der Pilz als Yun Zhi - „Wolkenpilz“, nach der gezonten Oberfläche - seit Langem bekannt und wird als süß, leicht bitter und neutral beschrieben, mit Bezug zu Leber, Milz und Lunge. Zugeschriebene Funktionen sind, „Feuchte-Hitze zu klären“, das Qi zu stärken und den Geist zu beruhigen; klassisch eingesetzt bei Lebererkrankungen und chronischen Infekten. Aus dieser Tradition heraus wurde in den 1970er Jahren PSP entwickelt - einer der wenigen Fälle, in denen eine traditionelle Droge direkt zu einem modernen Arzneimittel geführt hat.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Kein Ersatz für eine Krebstherapie: Die Studien betreffen ausschließlich die begleitende Anwendung zusätzlich zu Operation und Chemotherapie.
- PSK-Studien nicht auf Pilzpulver übertragen: Die Daten gelten für ein standardisiertes pharmazeutisches Präparat in definierter Dosierung.
- Bei onkologischer Behandlung immer absprechen: Wechselwirkungen mit Therapien sind nicht auszuschließen.
- Nicht bei Immunsuppression oder Transplantation: Ein immunstimulierendes Mittel ist hier ein Widerspruch.
- Autoimmunerkrankungen: Nicht ohne ärztliche Begleitung.
- Nicht essbar: Der Fruchtkörper ist zäh wie Leder - nur als Absud verwendbar, nicht giftig.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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QuellenWorauf sich das stützt
- Oba K. et al.: Efficacy of adjuvant immunochemotherapy with polysaccharide K for patients with curative resections of gastric cancer. Cancer Immunology, Immunotherapy 2007.
- Eliza W.L.Y. et al.: Efficacy of Yun Zhi (Coriolus versicolor) on survival in cancer patients - systematic review and meta-analysis. Recent Patents on Inflammation & Allergy Drug Discovery 2012.
- Memorial Sloan Kettering Cancer Center, About Herbs: Turkey Tail / Coriolus versicolor.
- Standish L.J. et al.: Trametes versicolor mushroom immune therapy in breast cancer. Journal of the Society for Integrative Oncology 2008.
- Cochrane Database of Systematic Reviews: Übersichten zu Pilzpolysacchariden in der onkologischen Begleittherapie.


