HerkunftÖtzis Feuerzeug

In der Ausrüstung des Mannes vom Tisenjoch lag Zunderschwamm mit Pyritspuren - ein funktionierendes Feuerzeug aus der Kupferzeit.
Fomes fomentarius bildet große, hufförmige, mehrjährige Fruchtkörper an Laubbäumen, vor allem an Buchen, in Nordeuropa häufig auch an Birken. Der Fruchtkörper ist grau bis graubraun, konzentrisch gezont, steinhart und kann über zwanzig Zentimeter breit werden. Er wächst jedes Jahr eine neue Porenschicht und kann dreißig Jahre und älter werden. Der Pilz verursacht Weißfäule und ist einer der wichtigsten Holzzersetzer in Buchenwäldern.
Sein Name kommt vom lateinischen fomes - Zunder. Die entscheidende Eigenschaft steckt in der mittleren Schicht, der Trama: ein weiches, filziges, bräunliches Gewebe, das sich herausschneiden, klopfen und - traditionell mit Urin oder Salpeterlösung behandelt - so präparieren lässt, dass es einen Funken auffängt und langsam weiterglimmt, ohne zu verlöschen. Damit lässt sich ein Feuer entzünden.
Dieses Verfahren ist mindestens so alt wie die Kupferzeit. In der Ausrüstung des Mannes vom Tisenjoch - Ötzi –, der vor rund 5300 Jahren in den Ötztaler Alpen starb, fanden sich Stücke von Zunderschwamm mit Spuren von Pyrit. Zusammen mit einem Feuerstein ergibt das ein funktionierendes Feuerzeug. Bis ins 19. Jahrhundert war Zunderschwamm ein Handelsgut; in Böhmen und Ungarn gab es eine ganze Zunftindustrie, die ihn verarbeitete.
NutzenEin Werkstoff, kein Arzneimittel
Für den Zunderschwamm gibt es keine Monographie, keine klinischen Studien und keine anerkannte medizinische Anwendung. Wir behandeln ihn hier trotzdem ausführlich, weil er kulturgeschichtlich zu den bedeutendsten Pilzen überhaupt gehört und weil er im Vitalpilz-Handel gelegentlich auftaucht - ohne dass es dafür eine Grundlage gäbe.
Die historische medizinische Anwendung war die Blutstillung. Präpariertes Zunderleder wurde bis ins 20. Jahrhundert als Wundschwamm verwendet: Es ist saugfähig, weich und wurde auf Schnittwunden gedrückt. In Zahnarztpraxen und bei Barbieren war es Standardausrüstung. Der Effekt ist rein physikalisch - Druck und Saugfähigkeit –, und moderne Wundauflagen leisten dasselbe unter sterilen Bedingungen besser.
In der Volksmedizin Nord- und Osteuropas wurden Abkochungen bei verschiedenen Beschwerden verwendet, und in der chinesischen Tradition gibt es Einträge zu verwandten Porlingen. Laborbefunde zu Beta-Glucanen und antimikrobiellen Eigenschaften existieren, wie bei nahezu allen Baumpilzen. Klinische Daten am Menschen gibt es nicht.
Was dagegen lebendig ist, ist das Handwerk. Aus der Trama wird Amadou hergestellt - ein wildlederartiges Material, das in Ungarn und Rumänien zu Hüten, Taschen und Kunstobjekten verarbeitet wird. In der Fliegenfischerei ist Amadou bis heute in Gebrauch, weil es Wasser aus einer nass gewordenen Kunstfliege zieht wie kaum ein anderes Material. Und das Feuermachen mit Zunderschwamm ist in der Bushcraft-Szene eine lebendige Fertigkeit.
InhaltsstoffeDrei Schichten und eine davon zählt
Der Fruchtkörper hat einen klaren Aufbau. Außen eine harte, graue Kruste, die den Pilz vor Austrocknung schützt. Darunter die Trama - ein weiches, filziges, zimtbraunes Gewebe, das aus dicht verwobenen Hyphen besteht. Und unten die Röhrenschicht, die jedes Jahr neu angelegt wird, sodass sich im Längsschnitt die Jahresschichten zählen lassen.
Für alle Nutzungen zählt die Trama. Sie wird mit einem Messer oder einer Säge aus dem Fruchtkörper geschnitten, in dünne Scheiben geteilt und dann mit einem Holzhammer geklopft, bis sie sich auf ein Vielfaches ihrer Fläche ausdehnt und weich wie Wildleder wird. Das ist mühsam und braucht Übung; ein einzelner Hut liefert nach Stunden Arbeit ein Stück Amadou von der Größe eines Taschentuchs.
Für den Zunder wird das geklopfte Material zusätzlich mit einer Salpeterlösung getränkt und getrocknet - traditionell wurde dafür Urin verwendet, der Harnstoff und Salpeter liefert. Das präparierte Material fängt einen Funken auf und glimmt dann minutenlang weiter, ohne zu verlöschen. Ohne diese Behandlung funktioniert es deutlich schlechter; ein roher Zunderschwamm ist kein Feuerzeug.
Chemisch enthält der Pilz Beta-Glucane, Triterpene und Polyphenole - dieselben Stoffgruppen wie andere Porlinge. Es gibt Laborarbeiten zu antimikrobiellen und antioxidativen Eigenschaften und, in jüngerer Zeit, ein Forschungsinteresse an der Trama als Material: Ihre Struktur wird als Vorbild für leichte, feste Biomaterialien untersucht. Das ist der spannendste aktuelle Forschungsstrang - und er hat mit Heilkunde nichts zu tun.
Verstärkte KombinationenHandwerk statt Hausapotheke
Was man mit dem Zunderschwamm machen kann, ist bemerkenswert - es ist nur nichts Medizinisches.
Das Ötzi-Verfahren: Ein Funke fällt auf präparierten Zunder, dieser glimmt, wird in ein Nest aus trockenem Gras gelegt und angeblasen. Funktioniert nach 5300 Jahren immer noch.
Die geklopfte Trama ergibt ein wildlederartiges Material, das in Ungarn und Rumänien zu Hüten und Taschen verarbeitet wird.
Es zieht Wasser aus einer nass gewordenen Trockenfliege besser als jedes andere Material - deshalb ist es dort bis heute in Gebrauch.
Als Weißfäulepilz ist er ein zentraler Holzzersetzer und Lebensraumbildner. Seine Fruchtkörper beherbergen eine eigene Insektenfauna.
Trama herausschneiden, in Scheiben teilen, klopfen - ein lohnendes, wenn auch mühsames Projekt für einen Winterabend.
Hufförmig, grau, hart, an Buche oder Birke - gut zu erkennen und nicht mit Speisepilzen zu verwechseln.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Er ist hart wie Holz und ungenießbar. Es gibt keine kulinarische Verwendung.
Es gibt keine klinischen Studien und keine anerkannte Anwendung. Wer ihn als Vitalpilz angeboten bekommt, kauft ein Versprechen ohne Grundlage.
Die historische Anwendung als Wundschwamm war physikalisch - Druck und Saugfähigkeit. Sterile moderne Auflagen leisten das besser und ohne Keimrisiko.
Ohne Klopfen und Salpeterbehandlung funktioniert er schlecht. Der Aufwand gehört zum Verfahren.
Alte Fruchtkörper sind Lebensraum für spezialisierte Käferarten. Wer erntet, nimmt einzelne Exemplare, nicht alles an einem Stamm.
Beta-Glucane haben alle Baumpilze. Das begründet keine Anwendung.
AnwendungWas man mit ihm macht
- ZunderTrama klopfen, mit Salpeterlösung tränken, trocknen - dann fängt sie Funken.
- FeuerschlagenMit Feuerstein und Pyrit oder einem Schlageisen - das Ötzi-Verfahren.
- AmadouDie geklopfte Trama als wildlederartiges Material.
- Hüte und TaschenIn Ungarn und Rumänien ein lebendiges Kunsthandwerk.
- FliegenfischenZum Trocknen nasser Trockenfliegen - unübertroffen.
- SchleifenDie harte Kruste lässt sich schleifen und polieren; sie wird zu Schmuck verarbeitet.
- FärbenDer Pilz liefert braune bis ockerfarbene Färbetöne für Wolle.
- JahresringeIm Längsschnitt lassen sich die jährlichen Röhrenschichten zählen.
- Nicht essenHart wie Holz, ungenießbar.
- Behutsam erntenAlte Fruchtkörper sind Lebensraum für spezialisierte Käfer.
Als HausmittelAmadou selbst herstellen
Zunderleder aus dem Zunderschwamm
- Einen großen, nicht zu alten Fruchtkörper von einer toten Buche oder Birke ernten - lebende Bäume und alte, von Käfern besiedelte Exemplare stehen lassen.
- Mit einer Säge die harte Oberkruste abtrennen und die untere Röhrenschicht ebenfalls entfernen. Übrig bleibt die zimtbraune, filzige Trama.
- Die Trama mit einem scharfen Messer in möglichst dünne Scheiben schneiden - je dünner, desto besser lässt sie sich klopfen. Das braucht ein wirklich scharfes Messer.
- Die Scheiben einige Stunden in Wasser einweichen, dann auf einem Holzbrett mit einem Holzhammer gleichmäßig klopfen. Das Material dehnt sich dabei auf ein Vielfaches aus und wird weich wie Wildleder. Geduld: Das dauert.
- Zum Trocknen flach auslegen. Fertig ist das Amadou - verwendbar als Trockenmaterial beim Fliegenfischen oder als Werkstoff.
- Für Zunder zum Feuermachen zusätzlich in einer Lösung aus Kaliumnitrat (Salpeter) tränken und vollständig trocknen lassen. Dann fängt es Funken und glimmt weiter.
Als Zunder zum Feuermachen, als Werkstoff für Kunsthandwerk und als Trockenmaterial beim Fliegenfischen. Eine medizinische Anwendung gibt es nicht - der Zunderschwamm ist ein Werkzeugpilz.
Nicht zutreffend - er wird nicht eingenommen. Als Speisepilz ist er ungenießbar, und für Präparate fehlt jede Grundlage.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Der Zunderschwamm ist im Ayurveda nicht vertreten. Seine Bedeutung ist eine europäisch-nordasiatische Kulturgeschichte, und sie ist eine des Handwerks, nicht der Heilkunde - ein Unterschied, der in der heutigen Vitalpilz-Vermarktung gern verwischt wird.
Traditionelle Chinesische Medizin
In der chinesischen Materia medica erscheinen mehrere Porlinge, und Fomes fomentarius wird in modernen Quellen als Mu Ti Ceng Kong Jun geführt, beschrieben als süß und mild, mit Bezug zu Magen und Milz. Die Anwendung ist randständig. Die kulturell bedeutenden Pilze der chinesischen Tradition sind andere - Reishi, Poria und die Schmetterlingstramete. Interessant bleibt, dass das Feuermachen mit Baumpilzzunder auch in Ostasien und Nordamerika unabhängig entwickelt wurde: ein Verfahren, auf das Menschen überall gekommen sind, wo es harte Porlinge gibt.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Kein Speisepilz: Der Fruchtkörper ist hart wie Holz und ungenießbar.
- Keine medizinische Anwendung: Es gibt keine klinischen Studien und keine anerkannte Indikation.
- Kein Ersatz für Wundauflagen: Die historische Verwendung als Wundschwamm war physikalisch. Moderne sterile Auflagen leisten dasselbe ohne Keimrisiko.
- Salpeter sicher handhaben: Kaliumnitrat ist ein Oxidationsmittel. Beim Präparieren von Zunder entsprechend vorsichtig arbeiten und kein loses Pulver in offenes Feuer bringen.
- Ökologie beachten: Alte Fruchtkörper beherbergen spezialisierte Käferarten. Behutsam und einzeln ernten.
- Nicht von lebenden Bäumen: Fruchtkörper an lebenden Bäumen stehen lassen; totes Holz reicht völlig.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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QuellenWorauf sich das stützt
- Fleckinger A. (Südtiroler Archäologiemuseum): Ötzi, der Mann aus dem Eis - Dokumentation der Ausrüstungsfunde.
- Peintner U. et al.: The iceman’s fungi. Mycological Research 1998.
- Papp N. et al.: Ethnomycological use of Fomes fomentarius and Piptoporus betulinus in Transylvania. Genetic Resources and Crop Evolution 2017.
- Pegler D.N.: Useful fungi of the world - amadou and chaga. Mycologist 2001.
- Pylkkänen R. et al.: Material properties of the fungal mycelium of Fomes fomentarius. Science Advances 2023.


