HerkunftDer Geruch des Pferdes

„Ashwagandha“ heißt übersetzt Pferdegeruch - nach dem strengen Geruch der frischen Wurzel.
Withania somnifera ist ein bis zu anderthalb Meter hoher, graufilziger Strauch aus der Familie der Nachtschattengewächse, verbreitet in Indien, im Nahen Osten und in Teilen Afrikas. Er wächst auf trockenen, mageren Böden, trägt unscheinbare grünliche Blüten und kleine orangerote Beeren in einer papierartigen Hülle - wie bei der verwandten Physalis. Verwendet wird fast ausschließlich die Wurzel.
Der Sanskrit-Name ashvagandha setzt sich aus ashva (Pferd) und gandha (Geruch) zusammen und bezieht sich auf den strengen, an Pferdeschweiß erinnernden Geruch der frischen Wurzel. Eine zweite Deutung, die in der Vermarktung beliebter ist, lautet, die Pflanze verleihe die Kraft eines Pferdes; sprachlich trägt das nicht, der Geruch schon. Der Artname somnifera heißt „schlafbringend“ und verweist auf die traditionelle Anwendung bei Schlafproblemen.
Im Ayurveda gehört Ashwagandha zu den Rasayana - den regenerierenden und kräftigenden Mitteln - und ist dort seit über zweitausend Jahren dokumentiert. Traditionell wird die Wurzel gemahlen und mit warmer Milch und Ghee eingenommen, bei Erschöpfung, Schwäche, im Alter und nach Krankheit. Der westliche Boom ist jung: Erst ab etwa 2010 wurde Ashwagandha unter dem Sammelbegriff „Adaptogen“ zum meistverkauften ayurvedischen Produkt außerhalb Indiens. Der Name „indischer Ginseng“, den man oft liest, ist botanisch falsch - Ginseng ist ein Efeugewächs, Ashwagandha ein Nachtschattengewächs.
NutzenWas die Studien zeigen - und was die Behörden gemacht haben
Für Ashwagandha gibt es keine EMA-Monographie und keine Bewertung der Kommission E; in der EU wird es überwiegend als Nahrungsergänzungsmittel gehandelt. Es gibt allerdings eine ganze Reihe randomisierter, placebokontrollierter Studien - mehr als zu den meisten anderen Pflanzen dieser Kategorie. Untersucht wurden vor allem Stress und Angst, Schlafqualität, sportliche Leistungsfähigkeit und Testosteronspiegel bei Männern.
Die Ergebnisse sind in der Tendenz positiv: Metaanalysen finden Senkungen von Stress- und Angstscores und des morgendlichen Cortisols, Verbesserungen von Schlafparametern und in einigen Studien Zuwächse bei Kraft und Muskelmasse. Die Einschränkungen sind allerdings erheblich und werden von den Autoren selbst genannt: Die Studien sind klein, überwiegend kurz, stammen fast ausschließlich aus Indien, arbeiten mit unterschiedlichen Extrakten und weisen häufig Interessenkonflikte auf. Die Evidenz wird regelmäßig als niedrig bis moderat eingestuft. Das ist besser als bei vielen anderen Pflanzen in diesem Bereich und trotzdem keine gesicherte Wirksamkeit.
Nun zur anderen Seite, die ebenso wichtig ist. Seit 2019 sind in mehreren Ländern Fälle von Leberschädigung unter Ashwagandha-Präparaten beschrieben worden - eine Fallserie aus Island und den USA, weitere Einzelberichte aus Europa und Indien. Die Schäden traten typischerweise nach zwei bis zwölf Wochen Einnahme auf, überwiegend als cholestatische Hepatitis mit Gelbsucht und Juckreiz, und bildeten sich nach Absetzen meist zurück; es gab aber auch schwere Verläufe. Die dänische Lebensmittelbehörde untersagte 2020 den Verkauf ashwagandhahaltiger Nahrungsergänzungsmittel, Island folgte.
Wie häufig das ist, weiß niemand - bei einem Nahrungsergänzungsmittel gibt es keine systematische Nebenwirkungserfassung. Wahrscheinlich ist es selten. Aber es ist real, es ist dokumentiert, und es wird in der Vermarktung praktisch nie erwähnt. Wer Ashwagandha nimmt, sollte deshalb zwei Dinge tun: die Einnahme zeitlich begrenzen, und bei Gelbfärbung von Haut oder Augen, dunklem Urin, hellem Stuhl, anhaltender Übelkeit oder Juckreiz sofort absetzen und zur Ärztin gehen.
InhaltsstoffeWithanolide - und die Frage, welcher Extrakt
Die charakteristischen Inhaltsstoffe sind Withanolide, eine Gruppe von Steroidlactonen, die in dieser Form nur bei Nachtschattengewächsen vorkommt. Withaferin A und Withanolid A sind die am besten untersuchten. Sie sind es, auf die standardisiert wird - übliche Angaben liegen bei zwei bis fünf Prozent Withanoliden im Extrakt. Dazu kommen Alkaloide wie Withanin und Somniferin sowie Saponine.
Ein wichtiger Punkt für den Einkauf: Die Studien wurden mit ganz bestimmten, patentierten Extrakten durchgeführt, und diese unterscheiden sich in Herstellung und Withanolidprofil deutlich. Ergebnisse mit dem einen Extrakt lassen sich nicht ohne Weiteres auf ein beliebiges anderes Produkt übertragen. Wer die Studienlage nutzen will, sucht ein Präparat, das den in den Studien verwendeten Extrakt nennt und den Withanolidgehalt deklariert - alles andere ist ein anderes Produkt.
Traditionell wird nur die Wurzel verwendet. Manche modernen Extrakte enthalten auch Blattmaterial, das deutlich höhere Withaferin-A-Gehalte aufweist - Withaferin A ist die zytotoxisch aktivste Komponente. Ob das mit den beobachteten Leberreaktionen zusammenhängt, ist unklar; als Vorsichtsmaßnahme ist ein reines Wurzelextrakt die konservativere Wahl.
Zur Einordnung der Herkunftsfrage: Ashwagandha ist ein Nachtschattengewächs, verwandt mit Tomate, Kartoffel, Tollkirsche und Bilsenkraut. Das heißt nicht, dass es giftig wäre - Tomate ist es auch nicht –, aber es erklärt, warum die Pflanze pharmakologisch aktive Steroide bildet. Die Beeren sind übrigens in Indien traditionell als pflanzliches Lab zur Käseherstellung in Gebrauch, nicht als Lebensmittel.
Verstärkte KombinationenWenn, dann so
Wer Ashwagandha probieren möchte, sollte es unter Bedingungen tun, die das bekannte Risiko klein halten.
Zwei bis drei Monate, dann Pause. Die beschriebenen Leberfälle traten meist nach zwei bis zwölf Wochen auf - eine Dauereinnahme über Jahre ist ohne Sicherheitsdaten und ohne Not.
Und, wenn möglich, ein Präparat, das den in Studien verwendeten Extrakt benennt. Ohne diese Angaben ist nicht beurteilbar, was man nimmt.
Traditionell wird nur die Wurzel verwendet. Blatthaltige Extrakte enthalten mehr Withaferin A - die konservativere Wahl ist das Wurzelextrakt.
Die klassische ayurvedische Zubereitung: ein halber Teelöffel Wurzelpulver in warmer Milch, abends. Deutlich niedriger dosiert als die meisten Kapseln.
Wer es länger nimmt, kann die Leberwerte einmal kontrollieren lassen. Bei Gelbfärbung, dunklem Urin, hellem Stuhl, Juckreiz oder anhaltender Übelkeit sofort absetzen.
Bei Stress und Erschöpfung wirken diese drei um Größenordnungen stärker als jedes Präparat. Ashwagandha ist bestenfalls eine Ergänzung.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Bei bekannter Lebererkrankung oder erhöhten Leberwerten ist Ashwagandha wegen der dokumentierten Fälle nicht angezeigt.
In Kombination mit Alkohol, bestimmten Medikamenten oder anderen Nahrungsergänzungsmitteln mit Leberrisiko steigt das Risiko. Nicht stapeln.
Studien zeigen Anstiege von T3 und T4. Bei Schilddrüsenüberfunktion ist das ungünstig, bei Medikation kann es die Einstellung stören - vorher besprechen.
Als immunmodulierend beworbene Pflanze bei überaktivem Immunsystem oder unter Immunsuppression nicht ohne ärztliche Begleitung.
Traditionell gilt Ashwagandha in höheren Dosen als abortiv. In der Schwangerschaft ist es kontraindiziert, in der Stillzeit fehlen Daten.
Der Artname somnifera kommt nicht von ungefähr; eine additive dämpfende Wirkung ist plausibel. Bei entsprechender Medikation nicht ungefragt kombinieren.
AnwendungAnwendungsformen und Vorsichtsmaßnahmen
- Wurzelpulver in MilchDie traditionelle ayurvedische Form: ein halber Teelöffel in warmer Milch mit etwas Honig, abends.
- StandardextraktKapseln mit 300 bis 600 mg und deklariertem Withanolidgehalt - die Studienform.
- Moon MilkMit Kurkuma, Zimt und Kardamom in warmer Milch - die moderne Variante der klassischen Zubereitung.
- AbendsDer traditionelle Einnahmezeitpunkt, passend zum Artnamen somnifera.
- WithanolidgehaltZwei bis fünf Prozent sind üblich; ohne Angabe ist ein Produkt nicht beurteilbar.
- Wurzel statt BlattReines Wurzelextrakt ist die konservativere Wahl.
- Zeitlich begrenzenZwei bis drei Monate, dann Pause.
- Leberzeichen kennenGelbfärbung, dunkler Urin, heller Stuhl, Juckreiz, anhaltende Übelkeit - sofort absetzen und zum Arzt.
- Nicht stapelnNicht mit anderen leberbelastenden Präparaten oder regelmäßig mit Alkohol kombinieren.
- MedikationslisteBei Schilddrüsen-, Immun- oder Beruhigungsmedikation vorher ärztlich klären.
Als HausmittelDie traditionelle Zubereitung - und was vorher zu klären ist
Ashwagandha in warmer Milch
- Erste Frage: Hast du eine Lebererkrankung oder erhöhte Leberwerte? Dann nicht. Die dokumentierten Fallberichte zu Leberschäden sind der Grund, warum wir diese Frage an den Anfang stellen.
- Zweite Frage: Schilddrüsenerkrankung, Autoimmunerkrankung, Immunsuppressiva, Schwangerschaft oder Stillzeit? Bei allen gilt: vorher ärztlich klären beziehungsweise lassen.
- Wenn beides geklärt ist: einen halben Teelöffel Ashwagandha-Wurzelpulver in eine Tasse warme Milch (oder Pflanzendrink) einrühren.
- Nach Belieben eine Prise Kardamom oder Zimt und etwas Honig dazugeben - das Pulver schmeckt erdig-bitter und riecht streng.
- Abends trinken, etwa eine Stunde vor dem Zubettgehen. Das ist der traditionelle Zeitpunkt.
- Nach zwei bis drei Monaten pausieren. Bei Gelbfärbung von Haut oder Augen, dunklem Urin, hellem Stuhl, Juckreiz oder anhaltender Übelkeit sofort absetzen und ärztlich abklären lassen.
Traditionell im Ayurveda als Rasayana bei Erschöpfung, Schwäche und Schlafproblemen. Moderne Studien untersuchen vor allem Stress, Angst und Schlafqualität - mit positiven, aber methodisch begrenzten Ergebnissen.
In Studien 300 bis 600 mg Extrakt täglich; traditionell etwa 3 bis 6 g Wurzelpulver. Es gibt keine behördlich geprüfte Dosierungsempfehlung. Nicht bei Lebererkrankung, nicht in der Schwangerschaft, bei Schilddrüsen- und Autoimmunerkrankungen nur nach ärztlicher Rücksprache.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Ashwagandha ist hier zu Hause. Im Ayurveda gehört es zur Gruppe der Rasayana, der verjüngenden und regenerierenden Mittel, und speziell zu den Balya - den kraftgebenden. Es gilt als bitter, zusammenziehend und süß, erwärmend, vata– und kapha-senkend. Klassische Einsatzgebiete sind Erschöpfung, Abmagerung, Schwäche im Alter, Schlaflosigkeit und die Rekonvaleszenz. Die überlieferte Zubereitung mit Milch und Ghee ist dabei kein Beiwerk: Die Withanolide sind fettlöslich, und die traditionelle Form ist pharmakologisch sinnvoll.
Traditionelle Chinesische Medizin
In der chinesischen Materia medica fehlt Withania somnifera. Die Funktion, die sie erfüllt, entspräche dort den Drogen, die „Qi und Blut tonisieren“ und den Geist beruhigen - Ren Shen, Huang Qi und Suan Zao Ren. In modernen chinesischen Quellen erscheint Ashwagandha inzwischen mit westlicher Begründung, hat aber keinen Platz in der klassischen Systematik.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Leberschäden sind dokumentiert: Seit 2019 gibt es Fallberichte über cholestatische Hepatitis unter Ashwagandha-Präparaten. Dänemark und Island haben den Verkauf untersagt. Bei Gelbfärbung, dunklem Urin, hellem Stuhl, Juckreiz oder anhaltender Übelkeit sofort absetzen und zum Arzt.
- Nicht bei bestehender Lebererkrankung: Auch nicht bei unklar erhöhten Leberwerten.
- Schilddrüse: Studien zeigen Anstiege von T3 und T4. Bei Schilddrüsenüberfunktion oder -medikation vorher ärztlich klären.
- Autoimmunerkrankung und Immunsuppressiva: Nicht ohne ärztliche Begleitung - Ashwagandha wird als immunmodulierend beworben.
- Nicht in der Schwangerschaft: Traditionell gilt es in höheren Dosen als abortiv; in der Stillzeit fehlen Daten.
- Zeitlich begrenzen: Zwei bis drei Monate, dann Pause. Es gibt keine Sicherheitsdaten zur Dauereinnahme über Jahre.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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QuellenWorauf sich das stützt
- Björnsson H.K. et al.: Ashwagandha-induced liver injury: a case series from Iceland and the US Drug-Induced Liver Injury Network. Liver International 2020.
- Fødevarestyrelsen (Dänemark): Risikobewertung zu Withania somnifera in Nahrungsergänzungsmitteln, 2020.
- Salve J. et al.: Adaptogenic and anxiolytic effects of ashwagandha root extract in healthy adults - a randomized, double-blind, placebo-controlled study. Cureus 2019.
- Della Porta M. et al.: Ashwagandha supplementation and health outcomes - a systematic review of randomized controlled trials. Nutrients 2023.
- Sharma A.K. et al.: Efficacy and safety of ashwagandha root extract in subclinical hypothyroid patients. Journal of Alternative and Complementary Medicine 2018.


