Kamille (Matricaria chamomilla)

Familie
KorbblütlerMatricaria chamomilla - die Echte Kamille, nicht die Römische
Verwendet wird
Das Blütenköpfchenfrisch geerntet und schonend getrocknet, nie das Kraut
Geschmack
Süßlich und warmder griechische Name heißt „Erdapfel“ - nach dem Apfelduft
Herkunft
Süd- und Osteuropaheute weltweit angebaut, Ägypten und Argentinien als Hauptlieferanten
Anerkannt für
Magen-Darm und HautEMA und Kommission E - innerlich wie äußerlich
Erkennungszeichen
Hohler Blütenbodenlängs durchschneiden: echte Kamille ist innen hohl

HerkunftDer Erdapfel aus dem Getreidefeld

Kamillenblüten weiß-gelb

Chamaimelon, Erdapfel, nannten die Griechen sie - wegen des Duftes, der beim Zerreiben der Blüten aufsteigt und tatsächlich mehr nach reifem Apfel riecht als nach irgendetwas sonst.

Die Echte Kamille ist eine einjährige Ackerwildpflanze aus Süd- und Osteuropa, die mit dem Getreidebau nach Mitteleuropa gewandert ist. Sie stand jahrhundertelang zwischen Roggen und Weizen und war deshalb überall verfügbar - eine der Pflanzen, die man nicht anbauen musste, weil sie ohnehin da war. Mit der modernen Landwirtschaft ist sie aus den Feldern weitgehend verschwunden; heute stammt fast alles, was in der Teepackung landet, aus gezieltem Anbau in Ägypten, Argentinien, Ungarn und Osteuropa.

Im Mittelalter gehörte sie zu den Pflanzen, die in jedem Klostergarten und jedem Arzneibuch standen - bei Hildegard von Bingen, im Lorscher Arzneibuch, bei Paracelsus. Das deutsche Sprichwort „Alles Mögliche versuchen“ hieß früher „es mit Kamille versuchen“, und das trifft ihren Ruf ziemlich genau: das erste Mittel, zu dem man greift, bei fast allem.

Beim Sammeln und Kaufen lohnt es, drei Pflanzen auseinanderzuhalten. Die Echte Kamille (Matricaria chamomilla) ist die Arzneipflanze; ihr kegelförmiger Blütenboden ist innen hohl - einfach längs durchschneiden, das ist der sicherste Test. Die Hundskamille sieht ihr täuschend ähnlich, hat aber einen markgefüllten Blütenboden und riecht unangenehm bis gar nicht. Die Römische Kamille (Chamaemelum nobile) ist eine andere Art mit eigenem, ebenfalls arzneilich genutztem Profil, in Deutschland aber deutlich seltener im Handel. Und schließlich gibt es noch die Strahlenlose Kamille, die Ananaskamille vom Wegrand - essbar, aromatisch, aber keine Arzneidroge.

NutzenWas die Kamille für dich tut

Die Kamille ist eine der wenigen Heilpflanzen, bei denen man nicht relativieren muss. Die europäische Arzneimittelagentur führt sie in der höchsten Kategorie - well-established use, also mit ausreichender klinischer Evidenz - gleich für zwei Wege: innerlich bei leichten Krämpfen im Magen-Darm-Bereich, bei Blähungen und Völlegefühl, und äußerlich bei leichten Entzündungen von Haut und Schleimhaut, bei kleinen Wunden und als Spülung im Mund- und Rachenraum. Die deutsche Kommission E hatte sie schon 1984 entsprechend positiv bewertet.

Das Wirkprinzip ist gut verstanden und mehrgleisig. Das ätherische Öl mit Bisabolol und Chamazulen wirkt entzündungshemmend und krampflösend; die Flavonoide, allen voran Apigenin, verstärken die krampflösende Wirkung an der glatten Muskulatur und binden im Labor an dieselben Rezeptoren wie beruhigende Medikamente; die Schleimstoffe legen sich als Film auf gereizte Schleimhaut. Deshalb funktioniert dieselbe Pflanze beim nervösen Magen, bei der wunden Stelle am Zeh und beim kratzigen Hals - es sind unterschiedliche Stoffe, die dort jeweils greifen.

Zwei Dinge gehören trotzdem ehrlich dazu. Erstens verdunstet das ätherische Öl mit dem Wasserdampf: Ein Kamillentee ohne Deckel ist ein deutlich schwächerer Kamillentee. Zweitens ist die früher übliche Anwendung als Augenbad oder Augenkompresse überholt - Aufgüsse sind nie keimfrei, Kamillenpollen können ins Auge geraten, und die Bindehaut reagiert empfindlicher als jede andere Schleimhaut. Für die Augen gibt es sterile Präparate aus der Apotheke; die Kamille bleibt bei Magen, Haut und Mund.

Well-established usedie höchste EMA-Kategorie - innerlich und äußerlich
Hohler Blütenbodendas Erkennungsmerkmal beim Sammeln
10 Minutenzugedeckt ziehen lassen, sonst entweicht das ätherische Öl
Nicht ans AugeKamillenaufgüsse gehören nicht in die Augenpflege

InhaltsstoffeDas steckt in der Blüte

Das ätherische Öl macht nur etwa 0,5 bis 1,5 Prozent der getrockneten Blüte aus, trägt aber den größten Teil der entzündungshemmenden Wirkung. Seine Leitsubstanzen sind (–)-α-Bisabolol und dessen Oxide sowie Chamazulen - und Chamazulen ist eine kleine Besonderheit: In der Blüte steckt es gar nicht drin, sondern die Vorstufe Matricin. Erst bei der Wasserdampfdestillation entsteht daraus Chamazulen, und das färbt das Kamillenöl tiefblau. Wer ein blaues Öl im Fläschchen sieht, sieht also ein Destillationsprodukt, kein Blütenextrakt.

Die zweite große Gruppe sind die Flavonoide, vor allem Apigenin und seine Glykoside, dazu Luteolin und Quercetin. Sie sind wasserlöslich und gehen deshalb gut in den Tee über - anders als das ätherische Öl, das nur zu einem kleinen Teil mitkommt. Apigenin ist der Stoff, dem die beruhigende Komponente zugeschrieben wird; im Labor bindet es an die Benzodiazepin-Bindungsstelle des GABA-Rezeptors. Ob das die Wirkung einer Tasse Tee erklärt, ist eine andere Frage - das ist ein Laborbefund, kein Nachweis am Menschen.

Dazu kommen Schleimstoffe (rund zehn Prozent, sie erklären den reizlindernden Effekt bei wunder Schleimhaut), Cumarine und Bitterstoffe. Für die Qualität heißt das praktisch: Gute Kamille riecht beim Öffnen der Packung deutlich und warm, ist gelb-weiß statt bräunlich, und besteht aus ganzen Blütenköpfchen statt aus Staub. Teebeutel-Bruchware hat oft einen Bruchteil des Öls.

Verstärkte KombinationenWas die Kamille stärker macht

Fast alles an der Kamille hängt an einer einzigen Regel: Das Wirksame ist flüchtig. Was den Dampf im Gefäß hält, verstärkt sie.

Technik

immer zugedeckt ziehen lassen

Zehn Minuten mit Deckel oder Untertasse. Ohne Deckel steigt das ätherische Öl mit dem Wasserdampf auf und ist weg - das ist der größte Unterschied zwischen gutem und wirkungslosem Kamillentee.

Magen

mit Fenchel & Kümmel

Die klassische Dreierkombination gegen Blähungen und Bauchkrämpfe: Kamille entkrampft, Fenchel und Kümmel treiben die Luft aus.

Nerven

mit Melisse & Lavendel

Für den nervösen Magen und den unruhigen Abend - dieselbe Entspannung von zwei Seiten, einmal am Darm, einmal am Kopf.

Haut

als Umschlag mit Leinentuch

Starker Aufguss, abkühlen lassen, ein Leinentuch tränken und auflegen - bei gereizter, leicht entzündeter Haut und kleinen Wunden.

Mund

als Spülung mit Salbei

Bei wundem Zahnfleisch und Halskratzen: Kamille beruhigt, Salbei bringt die Gerbstoffe dazu.

Erkältung

als Dampfinhalation

Eine Handvoll Blüten in heißes Wasser, Handtuch über den Kopf, zehn Minuten - wirkt über Wärme, Feuchte und ätherisches Öl zugleich.

Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen

Augen

nicht als Augenbad oder Kompresse

Aufgüsse sind nicht keimfrei und Pollenreste reizen die Bindehaut. Für die Augen gibt es sterile Präparate aus der Apotheke.

Technik

nicht offen ziehen lassen

Ohne Deckel bleibt ein hübscher gelber Aufguss übrig, dem genau das fehlt, wofür man ihn trinkt.

Atemwege

nicht inhalieren bei Asthma

Heißer Dampf und ätherische Öle können bei Asthma und stark überempfindlichen Atemwegen einen Krampf auslösen.

Allergie

nicht bei Korbblütler-Allergie

Wer auf Beifuß, Ambrosia oder Arnika reagiert, kann auch auf Kamille reagieren - vor allem, wenn Hundskamille in der Ware steckt.

Qualität

nicht die braune Staubware

Bräunliche, geruchsarme Bruchkamille hat kaum noch ätherisches Öl. Ganze, deutlich duftende Blütenköpfchen sind das Qualitätsmerkmal.

Dauer

nicht als Dauerspülung im Mund

Wochenlanges Spülen reizt die Mundschleimhaut eher, als dass es hilft - als Kur über Tage, nicht als Gewohnheit.

Zu welchem GerichtWo sie hingehört

  • KamillenteeZwei Teelöffel Blüten auf 250 ml, zugedeckt zehn Minuten - die Grundform für alles.
  • Magenfreundlicher KräuterteeKamille, Fenchel, Kümmel und Anis zu gleichen Teilen, frisch angestoßen.
  • RollkurStarker Tee auf nüchternen Magen, dann jeweils fünf Minuten auf Rücken, Seite, Bauch, Seite liegen.
  • MundspülungStarker, abgekühlter Aufguss, zwei- bis dreimal täglich bei wundem Zahnfleisch.
  • DampfinhalationEine Handvoll Blüten auf einen Liter heißes Wasser, zehn Minuten unter dem Handtuch.
  • KamillenumschlagAufguss abkühlen lassen, Leinentuch tränken, auf gereizte Hautstellen legen.
  • SitzbadEin Liter starker Aufguss ins Sitzbad - traditionell bei gereizter Haut im Intimbereich.
  • KamillenmilchBlüten kurz in warmer Milch ziehen lassen, mit Honig - das Abendritual aus der Kindheit.
  • KamillensirupBlüten in Zuckerwasser, über Nacht ziehen lassen, abseihen - für Limonade und Desserts.
  • Panna cotta mit KamilleDie Blüten in der Sahne ausziehen lassen, abseihen, dann binden - dezent apfelig.
Faustregel: Deckel drauf, zehn Minuten, dann abseihen. Das ist der ganze Unterschied zwischen einem Kamillentee, der wirkt, und einem, der nur warm ist. Beim Kauf auf ganze, deutlich duftende Blütenköpfchen achten; beim Sammeln den Blütenboden längs durchschneiden - hohl heißt echt.

Als HausmittelDie Rollkur

So geht’s

Kamillen-Rollkur bei gereiztem Magen

  1. Drei gehäufte Teelöffel Kamillenblüten mit 250 ml kochendem Wasser übergießen und zugedeckt zehn Minuten ziehen lassen - bewusst stärker als für den normalen Tee.
  2. Abseihen und auf angenehme Trinktemperatur abkühlen lassen, dann auf nüchternen Magen langsam austrinken.
  3. Sofort hinlegen: fünf Minuten auf den Rücken, fünf auf die linke Seite, fünf auf den Bauch, fünf auf die rechte Seite.
  4. Danach noch einen Moment liegen bleiben. Bei Bedarf über einige Tage einmal täglich morgens wiederholen.
Wofür

Bei gereizter Magenschleimhaut, Druck im Oberbauch und dem flauen Gefühl nach zu viel Kaffee, zu viel Alkohol oder zu viel Stress. Die Idee dahinter ist einfach: Durch das Drehen benetzt der Aufguss nacheinander die gesamte Magenwand statt nur den tiefsten Punkt. Die Rollkur ist eine überlieferte Anwendung ohne eigene klinische Studien - die krampflösende und entzündungshemmende Wirkung der Kamille selbst dagegen ist gut belegt.

Menge

Einmal täglich morgens über wenige Tage, nicht als Dauerritual. Kein Ersatz für eine Abklärung: Anhaltende Oberbauchschmerzen, Schmerzen mit Gewichtsverlust, schwarzer Stuhl oder Erbrechen gehören zum Arzt. Bei Korbblütler-Allergie ganz verzichten.

Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen

Ayurveda

Kamille ist keine klassische ayurvedische Pflanze, wird aber in der modernen ayurvedischen Praxis selbstverständlich verwendet und dort als kühl, leicht und süß-bitter eingeordnet: Pitta senkend, bei Vata in warmem Aufguss gut, bei starkem Kapha eher zurückhaltend. Für die Anwendungen, bei denen wir sie kennen - Magenkrämpfe, Unruhe, gereizte Haut - passt das erstaunlich genau zusammen.

Traditionelle Chinesische Medizin

Auch die Echte Kamille gehört nicht zur chinesischen Materia Medica; die Rolle des beruhigenden, hitzeklärenden Blütentees übernimmt dort die Chrysantheme (Ju Hua), ebenfalls ein Korbblütler. Nach ihrem Charakter wäre die Kamille ein kühles, mildes Mittel, das Hitze klärt und die Leber besänftigt - aufgeschrieben als Einordnung, nicht als überlieferte Anwendung.

WarnhinweiseWann du aufpassen solltest

Bitte beachten

  • Korbblütler-Allergie: wer auf Beifuß, Ambrosia oder Arnika reagiert, kann auch auf Kamille reagieren - Kreuzreaktionen sind beschrieben.
  • Keine Augenanwendung: Kamillenaufgüsse und -kompressen gehören nicht ans Auge; sie sind nicht keimfrei und reizen die Bindehaut.
  • Asthma: Dampfinhalationen mit ätherischen Ölen können überempfindliche Atemwege verkrampfen.
  • Verwechslung: Hundskamille hat einen markgefüllten Blütenboden und riecht unangenehm - der Schnitttest schützt davor.
  • Blutgerinnung: die enthaltenen Cumarine sind gering dosiert, bei hochdosierten Extrakten und Blutverdünnern trotzdem Rücksprache halten.
  • Schwangerschaft: als Tee in üblicher Menge unbedenklich; auf konzentriertes ätherisches Öl und hochdosierte Extrakte verzichten.

Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.

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QuellenWorauf sich das stützt

  1. EMA/HMPC: European Union herbal monograph on Matricaria recutita L., flos - well-established use innerlich bei leichten Magen-Darm-Krämpfen, äußerlich bei Entzündungen von Haut und Schleimhaut.
  2. Kommission E: Monographie Matricariae flos (Kamillenblüten), Bundesanzeiger 1984.
  3. Blaschek W (Hrsg.): Wichtl - Teedrogen und Phytopharmaka. 6. Auflage 2016, Monographie Matricariae flos.
  4. Srivastava JK, Shankar E, Gupta S. Chamomile: a herbal medicine of the past with a bright future. Molecular Medicine Reports 2010; 3(6): 895–901.
  5. Europäisches Arzneibuch (Ph. Eur.): Monographie Matricariae flos - Mindestgehalt an ätherischem Öl und Prüfung auf Verfälschung.