HerkunftDas Brot der Azteken - und ein Bakterium

Am Texcoco-See in Mexiko wurde Spirulina abgeschöpft und zu Fladen getrocknet, lange bevor Europa davon wusste.
Arthrospira platensis und die verwandte Arthrospira maxima sind Cyanobakterien - früher „Blaualgen“ genannt, was zu der bis heute verbreiteten Fehlbezeichnung „Alge“ geführt hat. Biologisch sind sie keine Algen, sondern Bakterien ohne Zellkern, die Photosynthese betreiben. Der Name Spirulina kommt von ihrer Form: Unter dem Mikroskop bilden sie schraubig gewundene Fäden. Sie wachsen in stark alkalischen, salzhaltigen Seen, wo kaum ein anderer Organismus überlebt - genau diese Bedingungen machen sie zu einer kultivierbaren Art.
Zwei Regionen haben eine dokumentierte Nutzungsgeschichte. Am Tschadsee in Zentralafrika schöpfen die Kanembu bis heute Spirulina ab, trocknen sie in der Sonne zu Fladen und nennen sie Dihé - sie wird als Zutat in Saucen verwendet. Und am mexikanischen Texcoco-See betrieben die Azteken dasselbe: Spanische Chronisten beschreiben, wie Tecuitlatl abgeschöpft, getrocknet und auf den Märkten von Tenochtitlán verkauft wurde.
Die moderne Karriere begann in den 1960er Jahren, als französische Forscher die Tschadsee-Nutzung untersuchten und das Nährstoffprofil analysierten. Die Weltgesundheitsorganisation und Ernährungsprogramme interessierten sich für Spirulina als proteinreiches Nahrungsmittel für Regionen mit Mangelernährung, und die NASA untersuchte sie als Nahrung für Langzeitmissionen. Heute wird sie großtechnisch in offenen Becken und geschlossenen Systemen produziert, vor allem in China, Indien, den USA und Chile.
NutzenEin hervorragendes Nährstoffprofil - und eine Reihe von Behauptungen
Für Spirulina gibt es keine EMA-Monographie und keine Bewertung der Kommission E; sie ist ein Lebensmittel. Was belegbar ist, ist das Nährstoffprofil, und das ist tatsächlich ungewöhnlich: 55 bis 70 Prozent Protein in der Trockenmasse mit einem vollständigen Aminosäureprofil, viel Eisen, Beta-Carotin, B-Vitamine und das blaue Pigment Phycocyanin. Für ein pflanzliches Lebensmittel ist das bemerkenswert.
Die praktische Einschränkung ist die Menge. Die üblichen Tagesportionen liegen bei drei bis fünf Gramm - bei siebzig Prozent Protein sind das etwa zwei bis dreieinhalb Gramm Eiweiß. Zum Vergleich: Ein Ei liefert sechs Gramm. Wer Spirulina als Proteinquelle betrachtet, müsste unrealistische Mengen konsumieren. Der prozentuale Gehalt ist beeindruckend, der absolute Beitrag zur Versorgung bei üblichen Mengen gering. Das gilt ähnlich für die meisten Nährstoffe - mit der Ausnahme von Beta-Carotin und Eisen, wo drei Gramm durchaus nennenswerte Mengen liefern.
Nun zum Vitamin B12, und das ist der wichtigste Punkt für alle, die sich vegan ernähren. Laboranalysen zeigen für Spirulina hohe B12-Werte - aber die gängigen Messmethoden unterscheiden nicht zwischen echtem Cobalamin und sogenannten Pseudovitamin-B12-Analoga. In Spirulina liegt überwiegend Pseudo-B12 vor, das der menschliche Körper nicht verwerten kann und das im Verdacht steht, die Aufnahme des echten B12 sogar zu behindern. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und die Fachliteratur sind hier eindeutig: Spirulina ist keine B12-Quelle. Wer sich darauf verlässt, riskiert einen Mangel, der über Jahre entsteht und bleibende Nervenschäden verursachen kann.
Klinische Studien gibt es zu Blutfetten, Blutdruck und allergischer Rhinitis, überwiegend klein und methodisch begrenzt. Metaanalysen finden leichte Senkungen von Cholesterin und Triglyzeriden. Das ist ein Signal, keine Behandlungsempfehlung. Was Spirulina nicht ist: ein Entgiftungsmittel, ein Krebsmittel, ein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung oder ein Immunbooster.
InhaltsstoffePhycocyanin, Eisen - und das Verunreinigungsproblem
Das auffälligste Molekül der Spirulina ist Phycocyanin, ein blaues Protein-Pigment, das bis zu zwanzig Prozent der Trockenmasse ausmachen kann. Es dient in der Zelle der Lichtsammlung und ist in der Lebensmittelindustrie als natürlicher blauer Farbstoff zugelassen - es ist das Blau in vielen Süßwaren und Getränken, die ohne synthetische Farbstoffe auskommen wollen. Phycocyanin ist hitze- und lichtempfindlich, weshalb Spirulina-Produkte dunkel und kühl gelagert werden sollten.
Der Eisengehalt ist real hoch, und anders als bei vielen pflanzlichen Quellen scheint die Verfügbarkeit ordentlich zu sein - es gibt Studien zur Eisenversorgung mit positiven Ergebnissen. Dazu kommen Gamma-Linolensäure, Zeaxanthin und ein hoher Gehalt an Beta-Carotin. Bei Letzterem ist die Umwandlung in Vitamin A beim Menschen gut belegt.
Und nun zum Problem, das man kennen muss. Spirulina wird häufig in offenen Becken oder natürlichen Gewässern produziert, und dort können andere Cyanobakterien mitwachsen - insbesondere Arten, die Mikrocystine bilden. Mikrocystine sind Lebertoxine, die in höheren Dosen schwere Leberschäden verursachen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung und andere Behörden haben wiederholt auf dieses Risiko hingewiesen; Marktuntersuchungen haben in einem Teil der Proben Mikrocystine gefunden, teils über den empfohlenen Grenzwerten.
Daraus folgt eine klare Kaufempfehlung: Nur Produkte von Herstellern, die auf Mikrocystine testen und das auch angeben. Produktion in geschlossenen Systemen ist der offenen Beckenkultur vorzuziehen. Herkunftsangaben und Analysezertifikate sind bei Spirulina keine Marketingdetails, sondern das eigentliche Qualitätskriterium. Zusätzlich gilt: Wer Phenylketonurie hat, muss Spirulina meiden - der hohe Proteingehalt bedeutet auch viel Phenylalanin.
Verstärkte KombinationenSpirulina sinnvoll einsetzen
Als nährstoffreiches Lebensmittel ist Spirulina in Ordnung. Die Fragen, die zählen, betreffen Qualität und Erwartung.
Das wichtigste Kaufkriterium. Hersteller, die auf Mikrocystine testen und Analysezertifikate bereitstellen, sind die einzige vernünftige Wahl.
Wie bei allen pflanzlichen Eisenquellen verbessert Vitamin C die Aufnahme. Ein Glas Orangensaft oder ein Spritzer Zitrone zum Shake.
Der Geschmack ist ausgeprägt algig-fischig. Banane bindet ihn, Säure hellt ihn auf - ohne beides trinken die meisten Menschen den Shake nicht zweimal.
Phycocyanin ist licht- und hitzeempfindlich. Verfärbt sich das Pulver von blaugrün nach braungrün, hat es gelitten.
Drei bis fünf Gramm täglich sind die übliche Menge - ein Nährstoffzusatz, keine Proteinquelle.
Sie ergänzt eine gute Ernährung; sie ersetzt keine. Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkorn leisten für die Versorgung ungleich mehr.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Spirulina enthält überwiegend Pseudo-B12, das der Körper nicht verwerten kann. Wer sich vegan ernährt, braucht ein B12-Supplement - ein Mangel entwickelt sich schleichend und kann bleibende Nervenschäden verursachen.
Mikrocystine sind Lebertoxine, und Marktuntersuchungen haben sie in Handelsware gefunden. Ohne Prüfnachweis ist ein Produkt nicht beurteilbar.
Der hohe Proteingehalt bedeutet viel Phenylalanin. Bei Phenylketonurie ist Spirulina zu meiden.
Als immunstimulierend beworbene Produkte sind bei überaktivem Immunsystem und unter Immunsuppression nicht ohne ärztliche Begleitung angezeigt.
Der hohe Nukleinsäuregehalt erhöht die Harnsäurebildung. Bei Gicht zurückhaltend dosieren.
Es gibt keinen Beleg für eine „Entgiftung“. Die Leber und die Nieren erledigen das ohnehin, jeden Tag.
Zu welchem GerichtWie man Spirulina überhaupt hinunterbekommt
- SmoothieMit Banane, Mango und Zitrone - die Standardlösung für den algigen Geschmack.
- PresslingeDie geschmacksneutralste Form; für viele der einzige gangbare Weg.
- SalatdressingIn eine Joghurt-Zitronen-Sauce; die Säure fängt den Fischton ab.
- GuacamoleEin Teelöffel in Avocadocreme - Farbe und Geschmack passen erstaunlich gut.
- EnergiebällchenMit Datteln, Nüssen und Kakao verarbeitet.
- NudelteigFärbt Pasta tiefgrün; geschmacklich in der Menge unauffällig.
- Nicht erhitzenPhycocyanin ist hitzeempfindlich - kalt verwenden.
- Dunkel lagernBraungrünes statt blaugrünes Pulver ist gealtert.
- Mit Vitamin CVerbessert die Eisenaufnahme spürbar.
- Langsam beginnenEin halber Teelöffel zu Beginn; größere Mengen können den Magen belasten.
Als HausmittelDer Einstieg
Spirulina im grünen Smoothie
- Vor dem Kauf: Achte auf einen Nachweis über die Prüfung auf Mikrocystine und auf eine nachvollziehbare Herkunft. Das ist bei Spirulina das wichtigste Qualitätskriterium, nicht der Preis.
- Vorher prüfen: keine Phenylketonurie, keine Autoimmunerkrankung unter Behandlung, keine Gicht mit stark erhöhter Harnsäure.
- Mit einem halben Teelöffel beginnen. Der Geschmack ist gewöhnungsbedürftig, und größere Mengen auf einmal belasten den Magen.
- In einen Shake aus einer reifen Banane, etwas Mango oder Ananas und dem Saft einer halben Zitrone rühren. Die Säure und die Süße fangen den algigen Ton ab.
- Nicht erhitzen - das blaue Phycocyanin ist hitzeempfindlich und die Farbe kippt.
- Über ein bis zwei Wochen auf drei bis fünf Gramm täglich steigern, wenn es gut vertragen wird. Und - wichtig - bei veganer Ernährung unabhängig davon ein B12-Präparat nehmen.
Als nährstoffreiche Ergänzung mit hohem Eisen-, Beta-Carotin- und Proteingehalt. Kein Arzneimittel, keine B12-Quelle, kein Entgiftungsmittel und kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung.
3 bis 5 g täglich sind die übliche Menge. Es gibt keine behördlich geprüfte Dosierungsempfehlung. Nicht bei Phenylketonurie; bei Autoimmunerkrankungen, Gicht und in der Schwangerschaft zurückhaltend und im Zweifel ärztlich klären.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Spirulina ist im klassischen Ayurveda nicht vertreten - sie ist ein afrikanisch-mesoamerikanisches Nahrungsmittel, das erst im 20. Jahrhundert weltweit bekannt wurde. In der modernen indischen Anwendung wird sie als kühlend und nährend eingeordnet und den Rasayana zugerechnet, was eine nachträgliche Zuordnung ist. Indien ist heute allerdings einer der größten Produzenten, und Spirulina wird dort in staatlichen Ernährungsprogrammen gegen Mangelernährung eingesetzt.
Traditionelle Chinesische Medizin
Auch in der chinesischen Materia medica fehlt Spirulina klassisch. China ist heute der weltgrößte Produzent, und in modernen chinesischen Quellen wird sie als süß und kühl beschrieben, mit Bezug zu Leber und Milz, „Hitze klärend und das Blut nährend“ - eine moderne Einordnung eines modernen Produkts. Algen im weiteren Sinn sind in der TCM durchaus vertreten: Kun Bu und Hai Zao sind Braunalgen, die traditionell bei Schilddrüsenvergrößerung eingesetzt wurden, was mit ihrem Jodgehalt zusammenhängt.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Keine Vitamin-B12-Quelle: Spirulina enthält überwiegend nicht verwertbares Pseudo-B12. Wer sich vegan ernährt, braucht ein Supplement - ein B12-Mangel kann bleibende Nervenschäden verursachen.
- Mikrocystin-Verunreinigung: Lebertoxine aus anderen Cyanobakterien wurden in Handelsware gefunden. Nur Produkte mit Prüfnachweis kaufen.
- Nicht bei Phenylketonurie: Der hohe Proteingehalt bedeutet viel Phenylalanin.
- Gicht und erhöhte Harnsäure: Der hohe Nukleinsäuregehalt erhöht die Harnsäurebildung - zurückhaltend dosieren.
- Autoimmunerkrankungen: Als immunstimulierend beworbene Produkte gehören hier nicht ohne ärztliche Begleitung eingenommen.
- Keine Entgiftung: Für „Detox“-Versprechen gibt es keinen Beleg. Leber und Nieren entgiften ohnehin.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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QuellenWorauf sich das stützt
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Mikrocystine in Algenprodukten - Stellungnahmen und Risikobewertung.
- Watanabe F. et al.: Vitamin B12-containing plant food sources for vegetarians. Nutrients 2014.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Position zur veganen Ernährung und zur B12-Supplementierung.
- Serban M.C. et al.: A systematic review and meta-analysis of the impact of spirulina supplementation on plasma lipid concentrations. Clinical Nutrition 2016.
- EFSA: Spirulina extract (phycocyanin) als Lebensmittelfarbstoff - Bewertungen.


