Vanille (Vanilla planifolia)

Familie
OrchideengewächseVanilla planifolia - die einzige Orchidee, die ein Nahrungsmittel liefert
Verwendet wird
Die fermentierte Kapselumgangssprachlich „Schote“, botanisch eine Kapselfrucht
Geschmack
Süß, cremig, blumigechte Vanille hat hunderte Aromastoffe, Vanillin ist nur einer
Herkunft
Mexikoheute vor allem Madagaskar, Réunion, Komoren und Tahiti
Preis
Nach Safran das zweitteuersteweil jede Blüte von Hand bestäubt werden muss
Wichtig
Echt oder Aroma„Vanillearoma“ auf der Packung heißt meist: keine Vanille drin

HerkunftDie Orchidee, die ein Kind zum Gewürz machte

Vanilleschoten getrocknet

Bis 1841 wuchs Vanille außerhalb Mexikos nirgends - weil nur eine bestimmte mexikanische Bienenart sie bestäuben konnte. Dann fand ein zwölfjähriger versklavter Junge auf Réunion die Lösung.

Vanille stammt aus den Regenwäldern Südostmexikos, wo sie von den Totonaken kultiviert und später von den Azteken als Tribut eingefordert wurde - sie würzten damit ihren Kakao. Die Spanier brachten die Ranken im 16. Jahrhundert nach Europa, wo sie prächtig wuchsen und blühten, aber niemals Früchte trugen. Der Grund blieb dreihundert Jahre lang ein Rätsel: In Mexiko bestäubt eine spezialisierte Biene die Blüten, und die gibt es nirgendwo sonst.

Gelöst hat es Edmond Albius, ein zwölfjähriger versklavter Junge auf der Insel Réunion. 1841 entwickelte er die Technik, mit der bis heute weltweit bestäubt wird: Mit einem dünnen Holzstäbchen hebt man die Trennlamelle zwischen Staubblatt und Narbe an und drückt beides zusammen. Die Blüte öffnet sich nur einen einzigen Vormittag lang - wer sie verpasst, verliert die Frucht. Albius wurde nie entschädigt und starb in Armut; sein Verfahren machte ganze Inselwirtschaften reich. Das gehört zu dieser Pflanze dazu.

Die Aufbereitung ist der zweite Grund für den Preis. Die grüne Kapsel riecht nach nichts - das Vanillin liegt gebunden als geruchloses Glucovanillin vor. Erst durch das monatelange Verfahren wird es frei: Brühen in heißem Wasser, dann täglich in der Sonne schwitzen und nachts in Tücher gewickelt fermentieren, danach Wochen bis Monate Trocknung und Reifung. Aus fünf Kilo grüner Kapseln wird ein Kilo schwarze Vanille. Bourbon-Vanille bedeutet übrigens nichts mit Whiskey, sondern die Herkunft von der Insel Bourbon - dem heutigen Réunion - und den umliegenden Inseln.

NutzenWas Vanille für dich tut - ehrlich

Hier muss man nicht lange herumreden: Vanille ist ein Genussmittel. Es gibt keine anerkannte arzneiliche Anwendung, keine Monographie der Kommission E, keine EMA-Einstufung. Die traditionellen Zuschreibungen - beruhigend, aphrodisierend, verdauungsfördernd - stammen aus einer Zeit, in der jedes teure exotische Gewürz automatisch als Arznei galt. Belastbare Studien dazu gibt es nicht.

Was es gibt, sind Laborbefunde zu Vanillin: antioxidativ, in Zellversuchen entzündungshemmend, in Tierversuchen mit Hinweisen auf angstlösende Effekte. Und es gibt eine kleine, aber hübsche Studie aus der Neonatologie, in der Vanilleduft bei Frühgeborenen Atemaussetzer verringerte. Das sind interessante Einzelbefunde, aus denen man beim besten Willen keine Anwendung ableiten kann - und wir tun es hier auch nicht.

Wofür Vanille dagegen wirklich etwas taugt, ist etwas Praktisches: Sie ersetzt Zucker in der Wahrnehmung. Der Duft macht Speisen für unser Gehirn süßer, als sie sind - ein Effekt, der in der Sensorikforschung gut untersucht ist. Ein Joghurt mit echter Vanille und wenig Zucker schmeckt süßer als einer mit mehr Zucker ohne Vanille. Wer Zucker reduzieren will, hat in der Vanille ein reales Werkzeug. Das ist der ehrlichste Nutzen, den diese Pflanze zu bieten hat - und er ist nicht klein.

1841erfand der zwölfjährige Edmond Albius die Handbestäubung
Ein Vormittagso lange ist die Blüte offen - wird sie verpasst, gibt es keine Frucht
5 zu 1fünf Kilo grüne Kapseln ergeben ein Kilo fertige Vanille
Süßer ohne ZuckerVanilleduft lässt Speisen süßer schmecken - ein messbarer Effekt

InhaltsstoffeDas steckt in der Kapsel

Der bekannteste Aromastoff ist Vanillin, das in der fertigen Kapsel etwa ein bis drei Prozent ausmacht. Aber genau hier liegt der Unterschied zwischen echter Vanille und Vanillin: Eine echte Kapsel enthält daneben über zweihundert weitere Aromastoffe - p-Hydroxybenzaldehyd, Vanillinsäure, Anisaldehyd, Guajacol, Zimtsäureester und viele mehr. Sie ergeben zusammen das, was man als „rund“, „cremig“ und „blumig“ wahrnimmt. Synthetisches Vanillin schmeckt dagegen eindimensional - korrekt, aber flach.

Synthetisches Vanillin wird heute überwiegend aus Guajacol auf petrochemischer Basis hergestellt, ein kleinerer Teil aus Lignin, einem Nebenprodukt der Papierindustrie. Es ist chemisch identisch mit dem natürlichen Vanillin und gesundheitlich unbedenklich - es ist nur eben ein Molekül statt zweihundert. Für Massenprodukte macht das Sinn, für ein gutes Dessert nicht.

Beim Einkauf entscheidet die Kennzeichnung. „Vanilleextrakt“ oder „gemahlene Vanille“ bedeutet echte Vanille. „Vanillearoma“ oder „Vanillin“ bedeutet in der Regel synthetisch - „natürliches Vanillearoma“ heißt nur, dass der Ausgangsstoff biologisch war, nicht dass er aus Vanille stammt. Und ein Warnhinweis zu Billigware: In Mexiko wird gelegentlich Extrakt verkauft, der mit Tonkabohne gestreckt ist. Die enthält Cumarin, das in größeren Mengen leberschädigend ist und in Deutschland als Zusatz in Lebensmitteln nicht zugelassen ist. Auffällig billiger „Vanilleextrakt“ aus dem Urlaub ist ein Grund zur Vorsicht.

Verstärkte KombinationenWas die Vanille stärker macht

Vanille ist fettlöslich und hitzeempfindlich zugleich - daraus folgen fast alle Regeln für ihren Einsatz.

Fett

in Sahne, Milch & Butter

Die Aromastoffe sind fettlöslich. Die Kapsel in warmer Sahne ausziehen lassen ist die beste Extraktion, die es gibt.

Zeit

mit langem Ausziehen

Aufgeschlitzte Kapsel über Nacht in der Milch - mehr Aroma als jedes kurze Aufkochen.

Zucker

mit weniger Zucker

Vanille lässt Speisen süßer schmecken - die Chance, Zucker zu reduzieren, ohne dass es auffällt.

Salz

mit einer Prise Salz

Salz hebt das Vanillearoma spürbar an, genauso wie es Schokolade rundet.

Reste

mit Vanillezucker aus der Schote

Ausgekratzte Kapseln in ein Glas Zucker stecken - nach zwei Wochen ist der Zucker aromatisiert.

Herzhaft

mit Fisch & Kürbis

Ein Hauch Vanille in Fischsauce, Kürbissuppe oder Möhren - überraschend, aber ein alter Küchentrick.

Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen

Hitze

nicht lange kochen

Die feinen Aromastoffe verfliegen; Vanille zieht in warmer Flüssigkeit, sie wird nicht gekocht.

Kennzeichnung

nicht auf „Vanillearoma“ hereinfallen

Das ist in der Regel synthetisches Vanillin; echt heißt „Vanilleextrakt“ oder „gemahlene Vanille“.

Billigware

nicht der günstige Urlaubsextrakt

Mexikanischer Billigextrakt kann mit cumarinhaltiger Tonkabohne gestreckt sein.

Lagerung

nicht im Kühlschrank

Kapseln werden dort schimmelig - luftdicht bei Zimmertemperatur, dann bleiben sie zwei Jahre gut.

Erwartung

nicht als Heilmittel

Es gibt keine anerkannte arzneiliche Anwendung - wer etwas anderes verspricht, verkauft eine Geschichte.

Menge

nicht zu viel

Vanille ist dominant und kippt bei Überdosierung ins Parfümige - eine Kapsel reicht für einen Liter Milch.

Zu welchem GerichtWo sie hingehört

  • VanillesauceMilch, Sahne, aufgeschlitzte Kapsel, Eigelb, wenig Zucker - zur Ruhe gerührt, nie gekocht.
  • Crème brûléeDer Klassiker, bei dem man den Unterschied zwischen echt und Aroma sofort schmeckt.
  • Panna cottaSahne mit Kapsel erwärmen, ziehen lassen, dann binden.
  • VanilleeisMit echter Vanille erkennt man es an den schwarzen Punkten - und am Nachgeschmack.
  • VanillezuckerAusgekratzte Kapseln in ein Glas Zucker - der beste Weg, Reste zu nutzen.
  • Vanilleextrakt selbst gemachtKapseln in Wodka ansetzen, zwei Monate ziehen lassen, immer wieder auffüllen.
  • ApfelkompottEin Stück Kapsel mitziehen lassen - dann braucht das Kompott kaum Zucker.
  • KürbissuppeEin kleiner Hauch Vanille zum Schluss - der Trick vieler guter Köche.
  • FischsauceBeurre blanc mit Vanille zu Jakobsmuscheln oder weißem Fisch.
  • KakaoDie ursprüngliche Verwendung: Vanille im Kakao, wie bei den Azteken.
Faustregel: Kapsel aufschlitzen, Mark auskratzen - und die leere Schote nicht wegwerfen: Sie enthält noch viel Aroma und gehört in den Zuckertopf oder in die Milch. Lagern bei Zimmertemperatur in einem luftdichten Glas, nie im Kühlschrank. Und beim Einkauf auf das Wort achten: Extrakt heißt echt, Aroma heißt meistens nicht.

Als HausmittelVanilleextrakt selbst ansetzen

So geht’s

Echter Vanilleextrakt

  1. Vier bis fünf Vanillekapseln der Länge nach aufschlitzen, ohne sie ganz zu teilen - das Mark kann drinbleiben.
  2. In eine saubere Flasche geben und mit 250 ml Wodka oder neutralem Alkohol mit mindestens 35 Prozent übergießen, sodass alles bedeckt ist.
  3. Verschließen, dunkel stellen und mindestens zwei Monate ziehen lassen; einmal pro Woche schütteln. Der Extrakt wird nach und nach dunkelbraun.
  4. Nicht abseihen, sondern einfach verwenden und mit Alkohol nachfüllen, wenn der Stand sinkt - so läuft der Ansatz jahrelang weiter.
Wofür

Für alles Süße, in dem sonst Vanillezucker oder Aroma landen würde: Kuchen, Sauce, Eis, Pfannkuchen, Porridge. Das ist ein reines Küchenrezept ohne jeden Heilanspruch - aber es ist deutlich günstiger als gekaufter Extrakt und geschmacklich meist besser. Ein Teelöffel entspricht etwa einer halben Kapsel.

Menge

In der Küche nach Bedarf, meist ein halber bis ein Teelöffel pro Rezept. Der Alkohol verfliegt beim Backen weitgehend, bleibt in kalten Speisen aber erhalten - für Kinderdesserts und in der Schwangerschaft besser gemahlene Vanille oder Vanillezucker verwenden. Dunkel gelagert hält der Ansatz praktisch unbegrenzt.

Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen

Ayurveda

Vanille ist eine amerikanische Pflanze und kommt im klassischen Ayurveda nicht vor. Nach ihren Eigenschaften eingeordnet wäre sie süß, schwer und kühlend, dabei leicht ölig: Vata und Pitta besänftigend, Kapha erhöhend - ein Aroma für nervöse, trockene, erschöpfte Zustände und nicht für träge, schwere. Eine Übertragung nach Prinzip; überliefert ist sie dort nicht.

Traditionelle Chinesische Medizin

Auch in der chinesischen Materia Medica fehlt die Vanille. Nach ihrem Charakter wäre sie süß und neutral bis leicht warm, dem Herzen und der Milz zugeordnet - ein Aroma, das den Geist beruhigt und die Mitte nährt, also in der Nachbarschaft der süßen, harmonisierenden Mittel wie Jujube. Das ist eine Einordnung und keine Tradition, und wir schreiben es lieber so hin, als eine zu erfinden.

WarnhinweiseWann du aufpassen solltest

Bitte beachten

  • Kein Heilmittel: es gibt keine anerkannte arzneiliche Anwendung für Vanille - wer damit wirbt, verkauft eine Geschichte.
  • Tonkabohne: auffällig billiger Vanilleextrakt, vor allem aus Mexiko, kann mit cumarinhaltiger Tonkabohne gestreckt sein.
  • Kennzeichnung: „Vanillearoma“ und „natürliches Vanillearoma“ bedeuten in der Regel kein Vanilleprodukt.
  • Alkohol: selbst angesetzter Extrakt enthält Alkohol - in kalten Speisen bleibt er erhalten.
  • Kontaktallergie: bei der Verarbeitung großer Mengen sind Hautreaktionen beschrieben (Vanillismus) - im Haushalt kein Thema.
  • Lagerung: Kapseln nicht im Kühlschrank aufbewahren, sie schimmeln dort.

Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.

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QuellenWorauf sich das stützt

  1. Havkin-Frenkel D, Belanger FC (Hrsg.): Handbook of Vanilla Science and Technology. Wiley-Blackwell, 2. Auflage 2018 - Bestäubung, Fermentation und Aromabildung.
  2. Bundesinstitut für Risikobewertung: Cumarin in Zimt und anderen Lebensmitteln - Bewertung und Hinweise zu Tonkabohne.
  3. Sinha AK et al. A comprehensive review on vanilla flavor: extraction, isolation and quantification of vanillin and others constituents. International Journal of Food Sciences and Nutrition 2008; 59(4): 299–326.
  4. Labbe D et al. Sweetness enhancement by aroma: effects on perceived sweetness and sugar reduction. Food Quality and Preference - zum Effekt von Vanillearoma auf die Süßewahrnehmung.
  5. Leitsätze für Gewürze und andere würzende Zutaten, Deutsches Lebensmittelbuch - Kennzeichnung von Vanilleextrakt, Vanillin und Vanillearoma.