Mistelkraut (Viscum album)

Familie
SandelholzgewächseViscum album - ein Halbschmarotzer auf Laub- und Nadelbäumen
Verwendet wird
Das KrautBlätter und junge Zweige; die Beeren nicht
Geschmack
Fad und leicht bitterder Tee ist geschmacklich unauffällig
Origin
Europaauf Apfel, Pappel, Weide, Kiefer und Tanne - je nach Unterart
Application
Injektion, nicht Teedie untersuchte Form ist die Injektion, nicht der Aufguss
Wichtig
Beeren giftigbesonders für Kinder - die weißen Beeren gehören nicht in den Mund

OriginDer Busch, der in der Luft wächst

Mistelzweige mit Beeren

Eine Pflanze, die nie den Boden berührt, im Winter grün bleibt und weiße Beeren trägt - kein Wunder, dass die Mistel in fast jeder europäischen Überlieferung eine besondere Rolle spielt.

Die Mistel ist ein Halbschmarotzer: Sie betreibt eigene Photosynthese, zapft aber über Senkerwurzeln die Wasser- und Nährstoffleitungen ihres Wirtsbaums an. Sie wächst als kugeliger, immergrüner Busch hoch in den Kronen und wird über Vögel verbreitet - vor allem die Misteldrossel frisst die klebrigen Beeren und streift die Samen an Ästen ab. Man unterscheidet drei Unterarten nach dem Wirt: die Laubholzmistel (auf Apfel, Pappel, Weide, Linde), die Tannenmistel und die Kiefernmistel. Für die arzneiliche Verwendung wird der Wirtsbaum angegeben, weil sich die Inhaltsstoffe unterscheiden.

Kulturell ist sie schwer zu überbieten. Plinius beschreibt, wie die Druiden die Mistel der Eiche - die extrem selten ist - mit einer goldenen Sichel schnitten und in einem weißen Tuch auffingen. In der nordischen Mythologie ist es ein Mistelzweig, der den Gott Balder tötet. Der Brauch, sich unter einem Mistelzweig zu küssen, stammt aus England und hat sich über die Weihnachtstradition weltweit verbreitet. Und in vielen Gegenden galt die Mistel als Schutz gegen Blitz, Feuer und Unheil - weil sie zwischen Himmel und Erde hängt und in keine Ordnung passt.

Für Obstbauern ist sie allerdings ein ernstes Problem: Starker Mistelbefall schwächt Apfelbäume erheblich und kann sie über Jahre zum Absterben bringen. In Teilen Deutschlands hat sie sich in den letzten Jahrzehnten stark ausgebreitet. Wer Mistelzweige zu Weihnachten schneidet, tut einem Streuobstbaum also meist einen Gefallen.

NutzenWas die Mistel kann - zwei getrennte Geschichten

Es gibt bei der Mistel zwei Anwendungen, die fast nichts miteinander zu tun haben, und sie werden ständig durcheinandergebracht. Die erste ist der Misteltee. Er wurde traditionell bei hohem Blutdruck, bei Schwindel und als „blutreinigendes“ Mittel getrunken. Die europäische Arzneimittelagentur hat für Mistelkraut keine Monographie erstellt; die Kommission E hat die orale Anwendung nicht positiv bewertet. Für die Blutdrucksenkung durch Misteltee gibt es keine belastbaren Studien am Menschen, und die blutdruckwirksamen Inhaltsstoffe gehen im Aufguss ohnehin kaum über. Ehrlich gesagt: Misteltee gegen Bluthochdruck ist eine Tradition ohne Beleg, und Bluthochdruck ist keine Erkrankung, bei der man mit unbelegten Mitteln experimentieren sollte - er tut nicht weh und richtet über Jahre Schaden an.

Die zweite Geschichte ist die Misteltherapie in der Onkologie. Hier geht es nicht um Tee, sondern um Injektionen standardisierter Extrakte unter die Haut, meist begleitend zu einer Krebsbehandlung. Die Kommission E hat diese Anwendung als „unspezifische Reiztherapie“ im palliativen Bereich bewertet. In Deutschland wird sie häufig eingesetzt, und sie ist gut untersucht - aber die Bewertung ist geteilt, und das muss man offen sagen.

Was die Studienlage hergibt: Für eine Verlängerung des Überlebens gibt es keinen belastbaren Nachweis. Übersichtsarbeiten, darunter ein Cochrane-Review, kommen zu dem Schluss, dass die Studien dazu methodisch überwiegend schwach sind und die Ergebnisse nicht überzeugen. Für die Lebensqualität unter Chemotherapie - Erschöpfung, Übelkeit, Schlaf, allgemeines Befinden - sieht es etwas besser aus: Mehrere Studien berichten Verbesserungen, allerdings oft ohne ausreichende Verblindung, was bei subjektiven Endpunkten stark ins Gewicht fällt. Die deutsche S3-Leitlinie zur komplementären Medizin in der Onkologie bewertet die Mistel entsprechend zurückhaltend und empfiehlt sie nicht generell.

Wie soll man damit umgehen? So, wie wir es hier hinschreiben: Wenn du oder jemand, der dir nahesteht, an Krebs erkrankt ist, gehört diese Frage in das Gespräch mit der behandelnden Onkologie - nicht auf eine Website. Die Misteltherapie ist keine Behandlung der Krebserkrankung und ersetzt keine einzige Maßnahme der Standardtherapie. Sie kann begleitend erwogen werden, sie hat ein überschaubares Nebenwirkungsprofil, und es gibt Menschen, denen sie subjektiv hilft. Mehr können wir ehrlicherweise nicht sagen - und weniger wollen wir nicht sagen.

Keine Monographiefür die orale Anwendung als Tee gibt es keine positive Bewertung
Injektiondie untersuchte Form in der Onkologie - nicht der Aufguss
Kein Überlebensvorteildafür gibt es keinen belastbaren Nachweis
Beeren giftigbesonders für Kinder - sie gehören nicht in den Mund

IngredientsDas steckt in der Mistel

Die pharmakologisch interessantesten Inhaltsstoffe sind die Mistellektine (ML I, II und III) - große Eiweißmoleküle, die an Zuckerstrukturen auf Zelloberflächen binden und in Zellkulturen den programmierten Zelltod auslösen sowie das Immunsystem stimulieren können. Dazu kommen die Viscotoxine, kleine Eiweiße mit zellschädigender Wirkung. Beide Gruppen sind Proteine - und das ist der entscheidende Punkt für die Praxis: Eiweiße werden im Magen verdaut und im Darm nicht aufgenommen. Deshalb kann ein Misteltee diese Stoffe gar nicht in den Körper bringen, und deshalb wird in der Onkologie injiziert.

Im wässrigen Auszug landen dagegen vor allem Flavonoide, Phenolcarbonsäuren, Lignane, biogene Amine und Schleimstoffe. Für die überlieferte blutdrucksenkende Wirkung wurden verschiedene dieser Stoffe diskutiert; ein überzeugender Nachweis am Menschen fehlt. Traditionell wurde Misteltee deshalb als Kaltauszug über Nacht zubereitet, weil Hitze die Eiweißanteile zusätzlich zerstört - was an der grundsätzlichen Frage nichts ändert.

Die weißen Beeren enthalten die Viscotoxine in höherer Konzentration und sind die Ursache der meisten Vergiftungsmeldungen. Bei Kindern führen wenige Beeren zu Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen; größere Mengen können Kreislauf und Herzrhythmus beeinflussen. Zur Weihnachtszeit, wenn Mistelzweige in Wohnungen hängen, lohnt der Blick darauf, ob Beeren herunterfallen können.

Verstärkte KombinationenWas bei Bluthochdruck wirklich zählt

Weil wir für den Misteltee keine Empfehlung geben können, steht hier, was bei der Hauptindikation der Tradition tatsächlich belegt ist.

Blutdruck

mit Messung & Diagnose

Bluthochdruck tut nicht weh und richtet über Jahre Schaden an - er gehört gemessen und behandelt, nicht geschätzt.

Lebensstil

mit Salz, Gewicht & Bewegung

Weniger Salz, ein paar Kilo weniger und regelmäßige Bewegung senken den Blutdruck messbar - oft um mehrere mmHg.

Vegetable

mit Knoblauch & Weißdorn

Wenn es pflanzlich sein soll: Für beide gibt es tatsächlich Daten, wenn auch bescheidene.

Herz

mit Weißdorn bei NYHA II

Die anerkannte Herzpflanze mit well-established use - im Gegensatz zur Mistel.

Onkologie

mit dem Gespräch in der Praxis

Die Frage nach Misteltherapie gehört zur behandelnden Onkologie, nicht ins Internet.

Weihnachten

als Zweig über der Tür

Die schönste und unproblematischste Verwendung dieser Pflanze.

Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen

Blutdruck

nicht mit Misteltee behandeln

Für die blutdrucksenkende Wirkung gibt es keine belastbaren Belege - und Bluthochdruck ist nichts zum Experimentieren.

Krebs

nicht statt der Standardtherapie

Die Misteltherapie ist keine Krebsbehandlung und ersetzt keine einzige Maßnahme.

Tee

nicht als Ersatz für die Injektion

Die untersuchten Wirkstoffe sind Eiweiße - sie werden im Magen verdaut und kommen im Tee nicht an.

Beeren

nicht in Reichweite von Kindern

Die weißen Beeren sind die häufigste Ursache von Mistelvergiftungen.

Selbstanwendung

nicht selbst injizieren oder dosieren

Mistelpräparate zur Injektion gehören in ärztliche Hand.

Ernte

nicht selbst ansetzen

Wirkstoffgehalt und Zusammensetzung schwanken stark mit Wirtsbaum und Jahreszeit.

ApplicationWie damit umzugehen ist

  • Blutdruck messen lassenDer erste und wichtigste Schritt - zu Hause und in der Praxis.
  • Weißdorn statt MistelBei nachlassender Herzleistung NYHA II die anerkannte Pflanze.
  • GarlicMit kleiner, aber belegter blutdrucksenkender Wirkung bei erhöhten Werten.
  • Bewegung und GewichtDie wirksamsten nicht-medikamentösen Maßnahmen bei Bluthochdruck.
  • Salz reduzierenWenige Gramm weniger am Tag senken den Blutdruck messbar.
  • Misteltherapie in der OnkologieSubkutane Injektion standardisierter Extrakte - nur ärztlich begleitet.
  • Das Gespräch suchenDie Frage nach komplementären Verfahren gehört in die behandelnde Praxis.
  • Kein Misteltee zur SelbstbehandlungWeder bei Bluthochdruck noch bei einer Krebserkrankung.
  • Beeren außer ReichweiteZur Weihnachtszeit auf herabfallende Beeren achten.
  • Mistelschnitt im ObstgartenStarker Befall schwächt Apfelbäume - Schneiden hilft dem Baum.
Faustregel: Zwei Dinge sind bei dieser Pflanze wichtig. Erstens: Misteltee ist kein Blutdruckmittel - und Bluthochdruck ist zu ernst, um ihn mit etwas Unbelegtem zu behandeln. Zweitens: Die Misteltherapie in der Onkologie ist eine ernsthafte, viel diskutierte Frage, aber sie gehört in das Gespräch mit der behandelnden Praxis. Und die Beeren gehören nicht in Kinderhände.

Als HausmittelWas bei erhöhtem Blutdruck belegt ist

So geht’s

Die wirksamen Schritte statt eines Teerezepts

  1. Messen: Blutdruck zu Hause über eine Woche morgens und abends messen und die Werte aufschreiben. Erhöhte Werte über mehrere Messungen gehören in die Praxis - einmalige Werte sagen wenig.
  2. Bewegen: Fünfmal die Woche dreißig Minuten zügig gehen, Rad fahren oder schwimmen. Das senkt den systolischen Wert in Studien im Mittel um etwa fünf bis acht mmHg - so viel wie ein niedrig dosiertes Medikament.
  3. Salz und Gewicht: Weniger Fertigprodukte, Wurst und Brot bringen meist mehr als der Salzstreuer. Und pro verlorenem Kilo sinkt der Blutdruck im Mittel um etwa einen mmHg.
  4. Pflanzlich ergänzen, wenn du magst: Knoblauchpräparate senken erhöhten Blutdruck in Meta-Analysen um etwa fünf bis acht mmHg systolisch. Weißdorn ist bei nachlassender Herzleistung anerkannt. Beides ergänzt eine Behandlung, ersetzt sie aber nicht.
Wofür

Für alle, die wegen ihres Blutdrucks auf den Misteltee gestoßen sind. Wir schreiben hier bewusst kein Teerezept hin, weil es für die Mistel bei Bluthochdruck keine Belege gibt und weil ein unbehandelter Bluthochdruck über Jahre Herz, Nieren, Augen und Gehirn schädigt, ohne dass man etwas davon merkt. Die aufgeführten Maßnahmen sind gut untersucht, kosten nichts und wirken in einer Größenordnung, die sich mit Medikamenten vergleichen lässt.

Menge

Dauerhaft, nicht kurweise. Und ganz wichtig: Wer bereits Blutdruckmedikamente nimmt, setzt sie nicht wegen Lebensstiländerungen ab - die Dosis anzupassen ist eine ärztliche Entscheidung, die auf Messwerten beruht. Sofort ärztlich abklären lassen: plötzlich sehr hohe Werte mit Kopfschmerz, Sehstörungen, Übelkeit oder Brustschmerz. Und wenn es um eine Krebserkrankung geht: Die Frage nach der Misteltherapie gehört in das Gespräch mit der behandelnden Onkologie, die deine Situation und deine Therapie kennt.

Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen

Ayurveda

Die europäische Mistel ist im Ayurveda nicht vertreten. Es gibt in Indien mit Viscum articulatum eine verwandte Art, die regional verwendet wird, aber keine Rolle in der klassischen Literatur spielt. Nach ihren Eigenschaften wäre die Mistel bitter, kühl und leicht - Pitta and Kapha senkend. Eine Einordnung nach Prinzip, keine Überlieferung, und bei einer Pflanze mit diesem Sicherheitsprofil auch keine Empfehlung.

Traditional Chinese Medicine

In der chinesischen Materia Medica ist eine Mistelart tatsächlich prominent vertreten: Sang Ji Sheng, die Maulbeermistel (Taxillus chinensis), gilt als bitter, süß und neutral, Leber und Niere zugeordnet. Sie wird dort bei rheumatischen Beschwerden, Rückenschmerzen, Schwäche von Knien und Lenden und - interessanterweise - zur Stabilisierung in der Schwangerschaft eingesetzt. Das ist eine andere Art auf einem anderen Wirtsbaum mit einer ganz anderen Anwendung als die europäische Mistel; die Namensverwandtschaft sagt hier nichts.

WarnhinweiseWann du aufpassen solltest

Bitte beachten

  • Beeren giftig: die weißen Beeren sind die häufigste Vergiftungsursache, besonders bei Kindern - außer Reichweite aufbewahren.
  • Kein Blutdruckmittel: für Misteltee bei Bluthochdruck gibt es keine belastbaren Belege; unbehandelter Bluthochdruck schädigt über Jahre.
  • Krebstherapie: die Misteltherapie ersetzt keine Standardbehandlung - ein Überlebensvorteil ist nicht belegt.
  • Nur ärztlich: Mistelpräparate zur Injektion gehören ausschließlich in ärztliche Hand.
  • Wechselwirkungen: bei Immuntherapien und Autoimmunerkrankungen ist eine immunmodulierende Behandlung kritisch - unbedingt ärztlich abklären.
  • Notfall: bei Verschlucken größerer Mengen Beeren oder Blättern den Giftnotruf anrufen.

Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.

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SourcesWorauf sich das stützt

  1. Kommission E: Monographie Visci albi herba (Mistelkraut), Bundesanzeiger 1984 - parenterale Anwendung als unspezifische Reiztherapie; keine positive Bewertung der oralen Anwendung.
  2. Horneber MA et al. Mistletoe therapy in oncology. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008; CD003297.
  3. Leitlinienprogramm Onkologie: S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen - Bewertung der Misteltherapie.
  4. Blaschek W (Hrsg.): Wichtl - Teedrogen und Phytopharmaka. 6. Auflage 2016, Monographie Visci herba - Lektine und Viscotoxine.
  5. Deutsche Hochdruckliga: Leitlinien zur Behandlung der arteriellen Hypertonie - Stellenwert von Bewegung, Gewichtsreduktion und Salzreduktion.