Artischocke (Cynara scolymus)

Botanischer Name
Cynara scolymusKorbblütler (Asteraceae)
Verwendeter Teil
Blätterarzneilich - nicht die Knospe
Leitstoffe
Cynarin, Chlorogensäuredazu Cynaropikrin als Bitterstoff
Einstufung
Well-established use (EMA)bei dyspeptischen Beschwerden
Arzneipflanze
2003
Kurios
SüßeffektCynarin lässt Wasser danach süß schmecken

OriginEine Distel, die zum Gemüse gezüchtet wurde

Frische Artischocken auf Holztisch

Was wir essen, ist der Blütenboden einer Distel - geerntet, bevor sie blüht.

Cynara scolymus ist eine bis zu zwei Meter hohe Distel aus dem Mittelmeerraum, gezüchtet aus der wilden Kardone Cynara cardunculus. Beide sind so nah verwandt, dass sie heute meist als Formen derselben Art geführt werden. Bei der Artischocke wurde auf große, fleischige Blütenknospen selektiert, bei der Kardone auf die fleischigen Blattstiele - zwei Nutzungen, zwei Züchtungsrichtungen, eine Ausgangspflanze.

Was wir als Artischocke essen, ist botanisch der Blütenboden mit den fleischigen Grundteilen der Hüllblätter, geerntet als geschlossene Knospe. Lässt man sie blühen, öffnet sich ein großer, leuchtend violetter Blütenkorb, der zu den spektakulärsten Blüten des Gemüsegartens gehört und Hummeln magisch anzieht. Für den Ertrag ist das ein Verlust, für den Garten ein Gewinn.

Die Römer kannten und schätzten Artischocken, danach verschwanden sie aus Mitteleuropa und kehrten erst im 15. Jahrhundert über Italien zurück. In der Renaissance galten sie als Delikatesse und als Aphrodisiakum - Katharina von Medici soll sie in Frankreich populär gemacht haben. Die arzneiliche Nutzung der Blätter ist jünger und setzte sich im 20. Jahrhundert durch, als Cynarin isoliert wurde. Eine Spur hat die Pflanze auch im Glas hinterlassen: Der italienische Bitterlikör Cynar wird aus Artischockenblättern hergestellt, und der Bittergeschmack kommt genau von den Stoffen, um die es arzneilich geht.

NutzenVerdauung mit gutem Beleg, Cholesterin mit schwachem

Die Europäische Arzneimittel-Agentur führt Artischockenblätter-Trockenextrakt als well-established use zur Linderung dyspeptischer Beschwerden - Völlegefühl, Blähungen, Übelkeit nach dem Essen - und zusätzlich unter traditional use für einfachere Zubereitungen. Die Kommission E hatte 1988 positiv bewertet, bei dyspeptischen Beschwerden. 2003 wurde die Artischocke zur Arzneipflanze des Jahres gewählt.

Der Wirkweg ist gut nachvollziehbar und zweistufig. Erstens sind die Blätter eine ausgeprägte Bitterdroge: Cynaropikrin, ein Sesquiterpenlacton, ist einer der bittersten Naturstoffe überhaupt, und Bitterkeit auf der Zunge löst reflektorisch vermehrte Speichel-, Magensaft- und Gallenproduktion aus. Zweitens wirkt der Extrakt choleretisch - er steigert die Gallenproduktion in der Leber messbar, was in Studien mit Gallengangsdrainage direkt nachgewiesen wurde. Mehr Galle bedeutet bessere Fettverdauung, und genau da setzen die Beschwerden an, bei denen die Artischocke hilft: das schwere, fettige Essen, das im Magen liegen bleibt.

Beim Cholesterin ist die Lage schwächer, als die Werbung vermuten lässt. Ein Cochrane-Review zu Artischockenblattextrakt bei erhöhtem Cholesterin kam zu dem Ergebnis, dass die vorhandenen Studien zwar Senkungen des Gesamtcholesterins zeigen, aber klein, kurz und von begrenzter Qualität sind, und dass die Evidenz für eine Empfehlung nicht ausreicht. Die beobachteten Effekte lagen in Größenordnungen, die klinisch wenig bedeuten. Wer erhöhte Cholesterinwerte hat, behandelt sie nicht mit Artischockenextrakt.

Eine dritte, oft beworbene Anwendung ist der Reizdarm. Es gibt kleine Studien mit Symptomverbesserungen, aber ohne Placebokontrolle oder mit erheblichen methodischen Schwächen. Das reicht nicht. Bleibt die eine solide Anwendung: Völlegefühl und Verdauungsbeschwerden nach fettem Essen. Dafür ist die Artischocke eine gute, gut verträgliche Wahl - und in dieser Rolle eine der besser belegten Pflanzen überhaupt.

bis 2 %Cynaropikrin - der Bitterstoff der Blätter
0,02 - 0,2 %Cynarin
6 gTagesdosis Blätter nach Kommission E
300 - 640 mgTrockenextrakt täglich in Studien

IngredientsDer Stoff, der Wasser süß schmecken lässt

Die Blätter enthalten drei relevante Stoffgruppen. Erstens Kaffeesäurederivate: Chlorogensäure und Cynarin, das chemisch eine Dicaffeoylchinasäure ist. Zweitens Sesquiterpenlactone, vor allem Cynaropikrin, das für die extreme Bitterkeit verantwortlich ist. Drittens Flavonoide, allen voran Luteolin-Glykoside. Cynarin galt lange als der Hauptwirkstoff und ist namengebend für viele Präparate; heute geht man davon aus, dass das Zusammenspiel entscheidend ist und Cynaropikrin über die Bitterstoffwirkung mindestens ebenso wichtig ist.

Cynarin hat eine sensorische Eigenschaft, die einen Absatz wert ist: Es verändert die Geschmackswahrnehmung. Wer eine Artischocke isst und anschließend Wasser trinkt, empfindet das Wasser oft als deutlich süß. Der Grund ist, dass Cynarin die Süßrezeptoren vorübergehend blockiert oder verändert; lässt der Effekt nach, wird die Rückkehr zur Normalwahrnehmung als Süße erlebt. Das ist auch der Grund, warum Wein zu Artischocken als schwierig gilt - der Effekt macht trockene Weine flach und eigenartig süßlich. Nicht jeder nimmt ihn gleich stark wahr; es gibt eine genetische Komponente.

Wichtig ist die Unterscheidung der Pflanzenteile. Arzneilich verwendet werden die großen Laubblätter, die sehr bitter sind. Das Gemüse - die Knospe - enthält deutlich weniger Bitterstoffe, dafür Ballaststoffe, darunter viel Inulin, einen präbiotischen Mehrfachzucker. Inulin ist der Grund, warum Artischocken bei manchen Menschen Blähungen auslösen, obwohl sie als Verdauungspflanze gelten - ein scheinbarer Widerspruch, der sich auflöst, sobald man Blatt und Knospe trennt.

Für den Einkauf gilt wie bei den meisten Extraktdrogen: Ein Präparat sollte die Extraktmenge und das Droge-Extrakt-Verhältnis angeben. Die Studien haben mit 300 bis 640 Milligramm Trockenextrakt täglich gearbeitet. Ein Tee aus Artischockenblättern ist möglich, aber so bitter, dass die meisten Menschen ihn nicht zweimal trinken - hier ist das Fertigpräparat die praktikable Form.

Verstärkte KombinationenArtischocke bei Tisch und in der Apotheke

Blatt und Knospe sind zwei verschiedene Dinge. Die Kombinationen unterscheiden sich entsprechend.

digestion

Artischockenblatt + fettes Essen

Die Kernanwendung: bei Völlegefühl nach schwerem, fettem Essen. Am besten vor oder zur Mahlzeit, damit die Gallenproduktion rechtzeitig anläuft.

Leber

Artischocke + Mariendistel

Die Artischocke arbeitet an der Galle, die Mariendistel an der Leberzelle. Beide sind Korbblütler und werden oft zusammen angeboten - hier ergibt das tatsächlich Sinn.

Bitterstoffe

Artischocke + Löwenzahn

Für die klassische Bitterstoffmischung: beide Korbblütler, beide gallenanregend, beide bitter.

Küche

Artischocke + Zitrone

Angeschnittene Artischocken oxidieren sofort. In Zitronenwasser legen, dann bleiben sie hell.

Küche

Artischocke + Olivenöl und Knoblauch

Die römische Zubereitung Carciofi alla Romana: geschmort in Öl mit Minze und Knoblauch.

Garten

Artischocke + blühen lassen

Wer eine Knospe stehen lässt, bekommt eine der spektakulärsten Blüten des Gemüsegartens und eine Hummelweide dazu.

Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen

Galle

Artischocke + Gallensteine oder Gallengangsverschluss

Die Gallenproduktion wird gesteigert. Bei Verschluss der Gallenwege ist das kontraindiziert, bei Gallensteinen nur nach ärztlicher Rücksprache.

Allergie

Artischocke + Korbblütler-Allergie

Wer auf Beifuß, Kamille, Arnika oder Chrysanthemen reagiert, kann auch auf Artischocke reagieren.

Cholesterin

Artischocke + Erwartung an Cholesterinsenkung

Die Evidenz reicht dafür nicht. Wer erhöhte Werte hat, behandelt sie nicht mit Artischockenextrakt.

Blähungen

Artischockenknospe + Inulinunverträglichkeit

Die Knospe ist reich an Inulin, das bei manchen Menschen Blähungen auslöst. Das ist kein Widerspruch zur Verdauungswirkung des Blattes - es sind verschiedene Pflanzenteile.

Wein

Artischocke + trockener Weißwein

Cynarin verändert die Geschmackswahrnehmung; Wein schmeckt dazu oft flach und seltsam süßlich. Wasser oder ein sehr säurebetonter Wein sind besser.

Diagnose

Artischocke + anhaltende Oberbauchbeschwerden

Anhaltende Schmerzen, Gelbfärbung, heller Stuhl oder dunkler Urin sind Gründe für eine Abklärung, nicht für ein Bittermittel.

Zu welchem GerichtVon der Knospe zum Bitterlikör

  • Carciofi alla RomanaIn Olivenöl mit Minze, Knoblauch und Petersilie geschmort - die klassische römische Zubereitung.
  • Gekocht mit DipGanze Knospen dreißig bis vierzig Minuten kochen, Blätter einzeln abzupfen und in Vinaigrette tunken.
  • ArtischockenherzenEingelegt in Öl zu Antipasti, Pizza und Salaten.
  • FrittiertCarciofi alla giudia - die römisch-jüdische Spezialität: ganz frittiert, bis die Blätter knusprig sind.
  • KardoneDer Verwandte mit den essbaren Blattstielen - in Norditalien und Südfrankreich ein Wintergemüse.
  • CynarDer italienische Bitterlikör aus Artischockenblättern - mit Soda und Orangenscheibe.
  • BlattextraktDie arzneiliche Form: Kapseln mit 300 bis 640 mg Trockenextrakt täglich.
  • BlätterteeMöglich, aber extrem bitter - die meisten Menschen bevorzugen das Fertigpräparat.
  • BittermischungMit Löwenzahnwurzel und Wermut vor dem Essen.
  • BlüteEine Knospe blühen lassen - violett, riesig, voller Hummeln.
Faustregel: Trink nach einer Artischocke ein Glas Wasser und achte darauf, wie es schmeckt. Bei den meisten Menschen wirkt es deutlich süß - das ist Cynarin, das die Süßwahrnehmung kurzzeitig verändert. Kaum eine andere Pflanze macht ihre Chemie so direkt erfahrbar.

Als HausmittelDer Bitteransatz vor dem Essen

So geht’s

Artischockenblätter als Aperitif-Bitter

  1. Vorweg: Bei bekannten Gallensteinen oder einem Verschluss der Gallenwege ist die Artischocke nicht angezeigt - sie steigert die Gallenproduktion. Bei Korbblütler-Allergie ebenfalls nicht.
  2. 2 g getrocknete Artischockenblätter - etwa ein gestrichener Teelöffel - pro Tasse abwiegen.
  3. Mit kochendem Wasser übergießen und zehn Minuten ziehen lassen, dann abseihen.
  4. Zwanzig Minuten vor dem Essen in kleinen Schlucken trinken. Der Bittergeschmack ist der Wirkfaktor - wer ihn wegsüßt, nimmt der Anwendung ihre Grundlage.
  5. Der Geschmack ist ausgesprochen bitter. Wer ihn nicht erträgt, nimmt ein Fertigpräparat mit 300 bis 640 mg Trockenextrakt täglich - dieselbe Pflanze, keine Geschmacksfrage.
  6. Über zwei bis vier Wochen anwenden und dann Bilanz ziehen. Anhaltende Oberbauchbeschwerden, Gelbfärbung von Haut oder Augen, heller Stuhl oder dunkler Urin gehören ärztlich abgeklärt.
Wofür

Bei dyspeptischen Beschwerden - Völlegefühl, Blähungen, Übelkeit nach fettem Essen. Das ist die Anwendung, für die die EMA well-established use anerkennt. Nicht zur Cholesterinsenkung.

Menge

6 g Blätter täglich nach Kommission E, verteilt auf zwei bis drei Portionen; bei Extrakten 300 bis 640 mg täglich. Nicht bei Gallengangsverschluss, bei Gallensteinen nur nach ärztlicher Rücksprache, nicht bei Korbblütler-Allergie.

Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen

Ayurveda

Die Artischocke ist eine mediterrane Kulturpflanze und im Ayurveda nicht vertreten. Das Prinzip, mit dem sie arbeitet, ist dort aber ein Kernkonzept: tikta rasa, der bittere Geschmack, gilt als verdauungsanregend, kapha– und pitta-senkend und leberbezogen. Die entsprechenden Pflanzen sind andere - Kutki and Neem vor allem –, aber die Logik ist dieselbe: Bitterkeit bringt die Verdauung in Gang.

Traditional Chinese Medicine

Auch in der chinesischen Materia medica fehlt Cynara. Die Funktion, die die Artischocke erfüllt - Gallenfluss anregen, die „Mitte“ bei Völlegefühl unterstützen –, wird in der TCM von bitter-kühlen Drogen wie Yin Chen Hao übernommen, die traditionell bei Gelbsucht und Leberbeschwerden eingesetzt wird. In modernen chinesischen Quellen taucht die Artischocke inzwischen ebenfalls auf, dann mit westlicher Begründung.

WarnhinweiseWann du aufpassen solltest

Bitte beachten

  • Nicht bei Gallengangsverschluss: Die Gallenproduktion wird gesteigert; bei Verschluss ist das kontraindiziert. Bei Gallensteinen nur nach ärztlicher Rücksprache.
  • Korbblütler-Allergie: Kreuzreaktionen mit Beifuß, Kamille, Arnika und Chrysanthemen sind möglich.
  • Keine Cholesterintherapie: Die Evidenz für eine relevante Cholesterinsenkung reicht nicht aus. Erhöhte Werte gehören anders behandelt.
  • Blatt und Knospe unterscheiden: Arzneilich wirksam sind die bitteren Laubblätter, nicht das Gemüse. Ein Teller Artischocken ersetzt kein Präparat.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Für arzneiliche Zubereitungen fehlen Daten; als Gemüse ist die Artischocke unproblematisch.
  • Warnzeichen: Anhaltende Oberbauchschmerzen, Gelbfärbung, heller Stuhl oder dunkler Urin sind kein Fall für ein Bittermittel, sondern für eine Abklärung.

Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.

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SourcesWorauf sich das stützt

  1. European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monograph on Cynara cardunculus L. (syn. Cynara scolymus L.), folium - well-established and traditional use.
  2. Kommission E, Monographie „Cynarae folium“, BAnz Nr. 122 vom 06.07.1988.
  3. Wider B. et al.: Artichoke leaf extract for treating hypercholesterolaemia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2016.
  4. Holtmann G. et al.: Efficacy of artichoke leaf extract in the treatment of patients with functional dyspepsia. Alimentary Pharmacology & Therapeutics 2003.
  5. Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde, Universität Würzburg: Arzneipflanze des Jahres 2003 - Artischocke.