Maiglöckchen (Convallaria majalis)

Familie
SpargelgewächseConvallaria majalis - heute zu den Spargelgewächsen gestellt
Verwendet wird
Nichts zur Selbstanwendungstandardisierte Zubereitungen sind verschreibungspflichtig
Giftstoffe
HerzglykosideConvallatoxin und Convallosid - in allen Pflanzenteilen
Origin
Europa und Asienin lichten Laubwäldern, oft in großen Beständen
Status
Geschütztin Deutschland besonders geschützt - nicht ausgraben
Wichtig
Bärlauch-Doppelgängerdie häufigste tödliche Verwechslung im Frühling

OriginDie schönste Giftpflanze des Waldes

Maiglöckchen Blüte Nahaufnahme

Kaum eine Pflanze wird so geliebt und so unterschätzt: Der Duft ist berühmt, das Aussehen zart - und der Inhalt wirkt auf dasselbe Ziel wie Digitalis-Medikamente.

Das Maiglöckchen wächst in lichten Laub- und Mischwäldern, an Waldrändern und auf Kalkböden in ganz Europa, Vorderasien und Nordamerika. Es breitet sich über unterirdische Ausläufer aus und bildet dadurch flächige Bestände, in denen alle Pflanzen genetisch identisch sind. Aus dem Rhizom treiben im Frühjahr zwei, seltener drei Blätter aus einem gemeinsamen Stängel - dieses Merkmal ist für die Unterscheidung vom Bärlauch entscheidend. Die weißen Glöckchen erscheinen im Mai, daher majalis; im Spätsommer folgen leuchtend rote Beeren.

Kulturell ist es außergewöhnlich präsent: In Frankreich schenkt man sich am 1. Mai Maiglöckchensträußchen - muguet –, ein Brauch, der bis auf Karl IX. im 16. Jahrhundert zurückgeht und bis heute Millionen Sträuße bewegt. In der christlichen Ikonographie steht es für Reinheit und ist ein Mariensymbol. Und sein Duft ist eines der meistkopierten Motive der Parfümerie - wobei praktisch alle „Maiglöckchen“-Düfte synthetisch sind, weil sich aus der Blüte kein brauchbares ätherisches Öl gewinnen lässt.

In der Medizin hatte es eine reale, heute weitgehend beendete Rolle. Weil seine Herzglykoside auf dasselbe Enzym wirken wie die Digitalisglykoside des Fingerhuts, wurden standardisierte Maiglöckchenzubereitungen bei leichter Herzschwäche eingesetzt - die Kommission E hat diese Anwendung für geprüfte, standardisierte Fertigarzneimittel bewertet. Heute spielt sie praktisch keine Rolle mehr: Die moderne Herzmedizin arbeitet mit besser steuerbaren Substanzen, und Herzglykoside insgesamt sind stark zurückgedrängt worden. Was bleibt, ist eine sehr schöne Pflanze, die man kennen muss - wegen des Frühlings.

NutzenWarum diese Seite vor allem eine Warnung ist

Alle Teile des Maiglöckchens enthalten herzwirksame Glykoside, vor allem Convallatoxin und Convallosid - über dreißig verschiedene sind beschrieben. Sie hemmen ein Transportenzym in der Herzmuskelzelle und verstärken dadurch die Kontraktionskraft, verlangsamen aber zugleich den Herzschlag und können die Erregungsleitung stören. Genau dieser Mechanismus macht sie in geprüfter Dosierung arzneilich nutzbar und in ungeprüfter Dosierung gefährlich: Der Abstand zwischen wirksamer und giftiger Menge ist bei Herzglykosiden sehr klein.

Es gibt keine sinnvolle Selbstanwendung dieser Pflanze. Kein Tee, keine Tinktur, kein Aufguss - der Glykosidgehalt schwankt mit Standort, Jahreszeit und Pflanzenteil so stark, dass eine eigene Dosierung nicht kalkulierbar ist. Standardisierte Zubereitungen gab und gibt es nur als verschreibungspflichtige Arzneimittel, und auch die sind heute kaum noch in Gebrauch. Wer Unterstützung fürs Herz sucht, findet sie beim Hawthorn, der eine anerkannte Anwendung und ein ausgezeichnetes Sicherheitsprofil hat.

Praktisch relevant ist das Maiglöckchen heute vor allem als Vergiftungsursache. Drei Situationen kommen immer wieder vor. Erstens: Kinder essen die roten Beeren, die im Spätsommer sehr auffällig sind. Zweitens: Jemand trinkt das Wasser aus der Blumenvase, in der Maiglöckchen standen - die Glykoside gehen ins Wasser über, und gerade Kinder trinken aus Vasen. Drittens, und am folgenreichsten: die Verwechslung mit Bärlauch im Frühling.

Die gute Nachricht dabei ist, dass schwere Vergiftungen beim Menschen seltener sind, als der Ruf vermuten lässt - die Glykoside werden aus dem Darm schlecht aufgenommen, und wenige Beeren führen meist „nur“ zu Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. Die schlechte Nachricht ist, dass größere Mengen - etwa eine Bärlauchportion aus verwechselten Blättern - zu Herzrhythmusstörungen, Sehstörungen, Verwirrtheit und im Extremfall zum Herzstillstand führen können. Deshalb gilt: Jeder Verdacht auf Maiglöckchenverzehr ist ein Fall für den Giftnotruf, nicht für Abwarten.

30+verschiedene Herzglykoside sind in der Pflanze beschrieben
2 Blätteraus einem Stängel - das Unterscheidungsmerkmal zum Bärlauch
Auch das Vasenwasserdie Glykoside gehen ins Wasser über
Keine Selbstanwendungstandardisierte Zubereitungen sind verschreibungspflichtig

IngredientsDas steckt im Maiglöckchen

Die wirksamkeitsbestimmenden und zugleich giftigen Stoffe sind die Cardenolidglykoside - Convallatoxin, Convallosid, Convallatoxol und viele weitere. Sie kommen in allen Pflanzenteilen vor, mit den höchsten Gehalten in den Blüten und Samen. Chemisch und in der Wirkung sind sie mit den Digitalisglykosiden des Fingerhuts verwandt: Sie hemmen die Natrium-Kalium-Pumpe der Herzmuskelzelle, wodurch sich Calcium in der Zelle anreichert und die Kontraktionskraft steigt.

Für die Praxis ist eine Eigenschaft besonders wichtig: Die Glykoside sind wasserlöslich und gehen in jedes wässrige Milieu über - in den Tee, in die Suppe, in das Wasser der Blumenvase. Das ist der Grund für den ungewöhnlich klingenden, aber realen Warnhinweis zum Vasenwasser. Gleichzeitig werden sie aus dem Magen-Darm-Trakt nur zu einem kleinen Teil aufgenommen, was erklärt, warum die meisten Vergiftungen glimpflich verlaufen.

Daneben enthält die Pflanze Saponine, Flavonoide und Schleimstoffe - für die Bewertung spielen sie keine Rolle. Bei dieser Pflanze entscheiden die Glykoside, und alles andere ist Nebensache. Ein praktischer Hinweis zum Garten: Wer Maiglöckchen im Beet hat, sollte wissen, dass auch Hunde und Katzen empfindlich reagieren; bei Haustieren mit Kaugewohnheiten lohnt es, den Standort zu überdenken.

Verstärkte KombinationenWas du über das Maiglöckchen wissen solltest

Hier geht es nicht um Kombinationen, sondern um die Situationen, in denen diese Pflanze gefährlich wird - und darum, was stattdessen hilft.

Bestimmung

mit Blatt-für-Blatt-Prüfung

Beim Bärlauchsammeln jedes einzelne Blatt ansehen und zerreiben - nicht die Handvoll.

Merkmal

mit zwei Blättern aus einem Stängel

Maiglöckchen: zwei Blätter, gemeinsamer Stängel, beidseitig glänzend. Bärlauch: jedes Blatt einzeln, Unterseite matt.

Geruch

mit sauberen Fingern

Der Knoblauchtest funktioniert nur, solange die Finger nicht selbst danach riechen.

Herz

mit Hawthorn

Die sichere und anerkannte Pflanze bei nachlassender Herzleistung.

Haushalt

mit Vase außer Reichweite

Kinder trinken aus Vasen - Maiglöckchensträuße hoch stellen und das Wasser nicht stehen lassen.

Garten

mit bewusster Standortwahl

Schön, aber nicht dort, wo kleine Kinder und knabbernde Haustiere unterwegs sind.

Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen

Selbstanwendung

nicht als Tee oder Tinktur

Der Glykosidgehalt schwankt stark - eine eigene Dosierung ist nicht kalkulierbar.

Beeren

nicht in Reichweite von Kindern

Die roten Beeren im Spätsommer sind auffällig und werden gegessen.

Vasenwasser

nicht stehen lassen

Die Glykoside gehen ins Wasser über - ein realer und oft unterschätzter Vergiftungsweg.

Sammeln

nicht beim Bärlauch mitnehmen

Die häufigste tödliche Verwechslung im Frühling - jedes Blatt einzeln prüfen.

Haustiere

nicht in Reichweite von Hund und Katze

Auch sie reagieren empfindlich auf Herzglykoside.

Abwarten

nicht bei Verdacht auf Verzehr

Jeder Verdacht gehört an den Giftnotruf, nicht ins Abwarten.

ApplicationWie damit umzugehen ist

  • Als GartenpflanzeSchön und pflegeleicht im Schatten - mit Blick auf Kinder und Haustiere.
  • Als MaistraußDer französische Brauch am 1. Mai - Vase außer Reichweite stellen.
  • Keine SelbstanwendungKein Tee, keine Tinktur, kein Aufguss - der Gehalt ist nicht kalkulierbar.
  • VerschreibungspflichtigStandardisierte Zubereitungen gibt es nur auf Rezept, und kaum noch in Gebrauch.
  • Weißdorn stattdessenDie anerkannte und sichere Pflanze bei nachlassender Herzleistung.
  • Bärlauch-BestimmungZwei Blätter aus einem Stängel, beidseitig glänzend, kein Knoblauchgeruch.
  • Beeren entfernenIm Spätsommer aus Gärten mit kleinen Kindern herausschneiden.
  • Vasenwasser wegschüttenNicht stehen lassen und nicht in Reichweite von Kindern.
  • Giftnotruf-NummerSichtbar im Haushalt aufbewahren - nicht erst im Notfall suchen.
  • NaturschutzDie Art ist besonders geschützt - nicht ausgraben.
Faustregel: Beim Bärlauchsammeln gilt eine einzige Regel, und sie rettet Leben: jedes Blatt einzeln ansehen und zerreiben. Maiglöckchen kommen mit zwei Blättern aus einem gemeinsamen Stängel, sind auf beiden Seiten glänzend und riechen nicht nach Knoblauch. Bärlauch kommt mit jedem Blatt einzeln aus dem Boden, ist unterseits matt und riecht deutlich. Und zu Hause: Vasenwasser wegschütten, Beeren außer Reichweite.

Als HausmittelDer Notfallplan

So geht’s

Was bei Verdacht auf Maiglöckchenvergiftung zu tun ist

  1. Sofort den Giftnotruf anrufen - die Nummer der zuständigen Giftinformationszentrale. Nicht abwarten, ob Beschwerden kommen: Bei Herzglykosiden können Symptome verzögert einsetzen.
  2. Nicht zum Erbrechen bringen und keine Milch geben - beides sind überholte Ratschläge, die schaden können. Was die Giftinformationszentrale sagt, gilt.
  3. Informationen bereithalten: Was wurde gegessen oder getrunken (Blätter, Beeren, Vasenwasser), wie viel ungefähr, wann, Alter und Gewicht der betroffenen Person. Wenn möglich, einen Rest der Pflanze aufheben.
  4. Warnzeichen kennen: Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, langsamer oder unregelmäßiger Puls, Sehstörungen mit Farbsehen, Verwirrtheit, Schwindel. Bei Herzbeschwerden oder Bewusstseinsstörung sofort 112.
Wofür

Für den Fall, der im Frühling und im Spätsommer immer wieder vorkommt: ein Kind hat Beeren gegessen, jemand hat aus der Blumenvase getrunken, oder es stellt sich nach dem Essen heraus, dass im Bärlauchpesto etwas anderes war. Wir schreiben hier bewusst kein Hausmittel hin, weil es keines gibt - bei Herzglykosiden ist die einzige richtige Reaktion der Anruf bei Fachleuten, die die Menge einschätzen und sagen können, ob und wie beobachtet werden muss.

Menge

Es gibt bei dieser Pflanze keine sichere Menge zur Selbstanwendung - weder als Tee noch in irgendeiner anderen Form. Die Giftinformationszentralen sind rund um die Uhr erreichbar, die Beratung ist kostenlos, und sie ist ausdrücklich auch für Verdachtsfälle gedacht, bei denen noch nichts passiert ist. Es ist besser, einmal zu oft anzurufen als einmal zu spät. Die zuständige Nummer für die eigene Region lohnt sich im Haushalt sichtbar aufzubewahren.

Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen

Ayurveda

Das Maiglöckchen ist im Ayurveda nicht vertreten. Eine Einordnung nach Prinzip unterlassen wir hier bewusst: Bei einer Pflanze mit herzwirksamen Glykosiden und geringem Abstand zwischen Wirkung und Vergiftung wäre jede Zuordnung zu Doshas ein falsches Signal. Die ayurvedische Herzpflanze ist Arjuna (Terminalia arjuna), und die ist etwas völlig anderes.

Traditional Chinese Medicine

Auch in der chinesischen Materia Medica ist Convallaria majalis nicht geführt; eine ostasiatische Verwandte, Convallaria keiskei, wird regional verwendet, spielt aber keine Rolle in den klassischen Arzneibüchern. Die chinesische Medizin kennt herzglykosidhaltige Drogen und behandelt sie mit derselben Vorsicht wie die westliche Pharmakologie - als Substanzen für Fachleute, nicht für den Hausgebrauch.

WarnhinweiseWann du aufpassen solltest

Bitte beachten

  • Alle Pflanzenteile giftig: Blätter, Blüten, Beeren und Rhizom enthalten herzwirksame Glykoside - die höchsten Gehalte in Blüten und Samen.
  • Bärlauch-Verwechslung: die häufigste schwere Vergiftung im Frühling - jedes Blatt einzeln prüfen, nicht die Handvoll.
  • Vasenwasser: die Glykoside gehen ins Wasser über - Vasen außer Reichweite von Kindern und das Wasser wegschütten.
  • Keine Selbstanwendung: kein Tee, keine Tinktur - der Glykosidgehalt ist nicht kalkulierbar.
  • Haustiere: Hunde und Katzen reagieren ebenfalls empfindlich auf Herzglykoside.
  • Notfall: bei Verdacht sofort den Giftnotruf anrufen; bei Herzbeschwerden oder Bewusstseinsstörung die 112.

Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.

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SourcesWorauf sich das stützt

  1. Roth L, Daunderer M, Kormann K: Giftpflanzen - Pflanzengifte. 6. Auflage - Convallaria majalis, Glykosidgehalt und Vergiftungsbild.
  2. Kommission E: Monographie Convallariae herba (Maiglöckchenkraut), Bundesanzeiger 1984 - standardisierte Fertigarzneimittel, verschreibungspflichtig.
  3. Bundesinstitut für Risikobewertung: Hinweise zur Verwechslung von Bärlauch mit Maiglöckchen und Herbstzeitlose.
  4. Gemeinsames Giftinformationszentrum der Länder: Fallberichte und Empfehlungen zu Convallaria-Ingestionen.
  5. Blaschek W (Hrsg.): Wichtl - Teedrogen und Phytopharmaka. 6. Auflage 2016, Monographie Convallariae herba.