OriginDie Wurzel, die süßer ist als Zucker

In Tutanchamuns Grab lagen Bündel Süßholz, die Griechen kauten es gegen Durst, und in der chinesischen Medizin ist es die am häufigsten verordnete Einzeldroge überhaupt.
Das Süßholz ist ein Hülsenfrüchtler mit tief reichenden Wurzeln und Ausläufern, der in Vorderasien, im Mittelmeerraum und in Zentralasien heimisch ist. Angebaut wird er heute unter anderem in der Türkei, im Iran, in Spanien, Italien, Russland und China. Geerntet werden die Wurzeln und Ausläufer im Herbst des dritten oder vierten Jahres - vorher hat sich nicht genug Süßstoff gebildet.
Seine Geschichte ist außergewöhnlich lang und reicht quer durch alle Hochkulturen. Süßholzbündel fanden sich in ägyptischen Gräbern, unter anderem bei Tutanchamun; Theophrast beschreibt, dass die Skythen tagelang ohne Wasser auskamen, wenn sie Süßholz kauten; in der römischen Medizin ist es Standard. In Deutschland war Bamberg im 16. bis 18. Jahrhundert ein Zentrum des Süßholzanbaus - die „Süßholzraspler“ von damals haben unserer Sprache eine Redewendung hinterlassen.
Für die meisten Menschen ist Süßholz heute vor allem eines: Lakritz. Der eingedickte Wurzelsaft wird mit Zucker, Stärke oder Gelatine zu den bekannten schwarzen Süßigkeiten verarbeitet. In Skandinavien und den Niederlanden kommt Salmiak dazu, was den Salzlakritz ergibt. Und genau hier liegt ein praktisches Problem dieser Pflanze: Sie ist gleichzeitig Arznei und Süßigkeit, und wer viel Lakritz isst, nimmt eine arzneilich wirksame Menge zu sich, ohne es zu merken.
NutzenWas Süßholz für dich tut - und wo die Grenze liegt
Die anerkannten Anwendungen sind gut belegt und praktisch relevant. Die europäische Arzneimittelagentur und die Kommission E führen Süßholzwurzel bei Beschwerden der Magenschleimhaut - Reizung, leichte Entzündung, Druck im Oberbauch - und bei Katarrhen der oberen Luftwege, also bei Husten mit zähem Schleim. Für beides gibt es plausible Mechanismen: Süßholz wirkt entzündungshemmend, fördert die Bildung der schützenden Magenschleimschicht und wirkt über Saponine schleimlösend in den Bronchien.
Und jetzt der Teil, der diese Seite bestimmt. Der Hauptinhaltsstoff Glycyrrhizin hemmt ein Enzym in der Niere, das normalerweise das Stresshormon Cortisol abbaut. Dadurch wirkt Cortisol dort stärker auf die Mineralstoffregulation - der Körper behält Natrium und Wasser und scheidet Kalium aus. Die Folge heißt Pseudoaldosteronismus: Der Blutdruck steigt, es können Wassereinlagerungen entstehen, und der Kaliumspiegel sinkt - was Muskelschwäche, Herzrhythmusstörungen und im Extremfall ernste Komplikationen auslösen kann. Das ist kein theoretisches Risiko; es gibt regelmäßig Fallberichte, meist nach wochenlangem starkem Lakritzkonsum.
Daraus folgen Zahlen, die man kennen sollte. Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit und das Bundesinstitut für Risikobewertung nennen als Orientierung, dass eine regelmäßige Aufnahme von mehr als 100 Milligramm Glycyrrhizin pro Tag bei empfindlichen Menschen Probleme machen kann. Das entspricht grob 50 Gramm üblichem Lakritz - also einer kleinen Tüte. Bei „Starklakritz“ mit über 2 Prozent Süßholzsaft, das entsprechend gekennzeichnet sein muss, ist die Menge deutlich kleiner. Arzneilich gilt: nicht länger als vier bis sechs Wochen ohne ärztliche Begleitung.
Besonders wichtig ist die Schwangerschaft. Finnische Untersuchungen haben Zusammenhänge zwischen hohem Lakritzkonsum in der Schwangerschaft und kürzerer Schwangerschaftsdauer sowie, in einer Nachbeobachtung derselben Kinder, mit schlechteren Ergebnissen bei kognitiven Tests gefunden. Das sind Beobachtungsstudien und keine Beweise, aber die Richtung ist ernst genug, dass in Finnland und mittlerweile auch anderswo ausdrücklich empfohlen wird, in der Schwangerschaft auf größere Lakritzmengen zu verzichten. Bei Bluthochdruck, Herzschwäche, Nierenerkrankungen und bei Einnahme entwässernder Medikamente gilt dasselbe.
IngredientsDas steckt in der Wurzel
Der Leitstoff ist das Glycyrrhizin - ein Triterpensaponin, das zwei bis fünfzehn Prozent der Wurzel ausmacht und etwa fünfzigmal süßer schmeckt als Zucker, allerdings mit einem langsam einsetzenden, lang anhaltenden Süßeindruck. Im Darm wird es zu Glycyrrhetinsäure umgebaut, und diese ist die eigentlich wirksame Form - entzündungshemmend, magenschleimhautschützend und zugleich verantwortlich für den Eingriff in den Mineralstoffhaushalt.
Daneben enthält die Wurzel Flavonoide - darunter Liquiritin und Isoliquiritin, denen krampflösende Effekte am Magen zugeschrieben werden –, Cumarine, Polysaccharide und Stärke. Es gibt inzwischen auch deglycyrrhizinierte Zubereitungen (als DGL bezeichnet), bei denen das Glycyrrhizin weitgehend entfernt wurde: Sie behalten einen Teil der Magenwirkung, ohne den Blutdruck und das Kalium zu beeinflussen - eine sinnvolle Option für längere Anwendung.
Für die Praxis hilft eine grobe Umrechnung: Ein Teelöffel geschnittene Süßholzwurzel enthält je nach Qualität etwa 60 bis 150 Milligramm Glycyrrhizin, von dem beim Aufguss ein erheblicher Teil übergeht. Zwei bis drei Tassen Süßholztee am Tag liegen damit schon im Bereich der Orientierungsgrenze - nicht dramatisch für ein paar Tage, aber nichts für die Dauergewohnheit. Süßholz steckt außerdem in vielen Teemischungen als Süßungsmittel, ohne dass man es erwartet; ein Blick auf die Zutatenliste lohnt sich, wenn man mehrere Tassen täglich trinkt.
Verstärkte KombinationenWas Süßholz stärker macht
Eine Pflanze mit echter Wirkung und einer echten Grenze - beides gehört zusammen gedacht.
Süßholz schützt die Schleimhaut, Kamille entkrampft, Eibisch legt den Film darüber.
Als schleimlösende Kombination bei zähem Auswurf.
In Kräuterteemischungen ersetzt es Zucker - mit Blick auf die Gesamtmenge.
Deglycyrrhiziniertes Süßholz behält die Magenwirkung ohne Blutdruckproblem.
Gemüse, Obst und Kartoffeln gleichen einen Teil des Verlusts aus - ersetzen aber nicht die Mengenbegrenzung.
In der chinesischen Medizin ist Süßholz vor allem ein Harmonisierer in Mischungen, selten ein Solist.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Das entspricht grob 50 g Lakritz - bei Starklakritz deutlich weniger.
Ohne ärztliche Begleitung ist das die Obergrenze.
Glycyrrhizin treibt den Blutdruck - bei bestehender Hypertonie ungeeignet.
Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge mit kürzerer Schwangerschaftsdauer.
Der Kaliumverlust addiert sich und kann gefährlich werden.
Süßholz steckt oft als Süßungsmittel drin - die Zutatenliste lesen.
ApplicationWie es verwendet wird
- SüßholzteeEin Teelöffel auf 250 ml, zehn Minuten - höchstens zwei bis drei Tassen täglich.
- MagenteeMit Kamille und Eibisch bei gereizter Magenschleimhaut, vor dem Essen.
- HustenteeMit Thymian und Fenchel bei zähem Auswurf.
- DGL-PräparateDeglycyrrhiziniertes Süßholz für längere Anwendung am Magen.
- LakritzDer eingedickte Wurzelsaft als Süßigkeit - mit Blick auf die Menge.
- StarklakritzAb zwei Prozent Süßholzsaft kennzeichnungspflichtig - hier gilt eine deutlich kleinere Menge.
- Süßungsmittel in TeemischungenHäufig enthalten, oft unbemerkt - die Zutatenliste lesen.
- Wurzel zum KauenDie traditionelle Form - ein Stück Wurzel kauen statt Süßigkeit.
- TCM-RezepturenGan Cao ist die am häufigsten verwendete Einzeldroge der chinesischen Medizin.
- Nicht dauerhaftVier bis sechs Wochen sind die Grenze ohne ärztliche Begleitung.
Als HausmittelDer Magentee
Süßholz-Kamille-Eibisch bei gereizter Magenschleimhaut
- Einen halben Teelöffel geschnittene Süßholzwurzel, einen Teelöffel Kamillenblüten und einen Teelöffel Eibischwurzel bereitstellen.
- Die Eibischwurzel getrennt in 150 ml kaltem Wasser ein bis zwei Stunden ansetzen - ihre Schleimstoffe vertragen keine Hitze.
- Süßholz und Kamille mit 150 ml kochendem Wasser übergießen, zugedeckt zehn Minuten ziehen lassen und abseihen.
- Beide Auszüge zusammengießen, auf Trinktemperatur bringen und langsam trinken - eine Tasse etwa eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten.
Bei gereizter Magenschleimhaut, Druck im Oberbauch und dem brennenden Gefühl nach zu viel Kaffee, Alkohol oder Schmerzmitteln. Drei Wirkungen greifen ineinander: Süßholz fördert den Aufbau der schützenden Schleimschicht und wirkt entzündungshemmend, die Kamille entkrampft, der Eibisch legt einen physikalischen Schutzfilm darüber. Alle drei sind für ihre jeweilige Rolle anerkannt.
Höchstens zwei Tassen täglich und höchstens über vier Wochen - die Begrenzung kommt vom Süßholz, nicht von den anderen beiden. Wer länger braucht, wechselt auf ein deglycyrrhiziniertes Präparat oder lässt das Süßholz weg. Nicht bei Bluthochdruck, Herzschwäche, Nierenerkrankungen, niedrigem Kaliumspiegel oder unter Entwässerungsmitteln, und nicht in der Schwangerschaft. Ein bis zwei Stunden Abstand zu anderen Medikamenten (wegen des Eibischs). Anhaltende Oberbauchschmerzen, schwarzer Stuhl, Erbrechen oder Gewichtsverlust gehören ärztlich abgeklärt.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Yashtimadhu - „süßer Stab“ - ist im Ayurveda eine der geschätztesten Drogen überhaupt. Sie gilt als süß, kühl, schwer und ölig: Vata and Pitta senkend, Kapha erhöhend. Eingesetzt wird sie bei Sodbrennen und Magengeschwüren, bei Husten und Heiserkeit, zur Stärkung nach Krankheit und als Rasayana. Bemerkenswert ist, wie genau sich diese jahrhundertealte Zuordnung mit den modernen anerkannten Anwendungen deckt - Magenschleimhaut und Atemwege.
Traditional Chinese Medicine
In der TCM ist Gan Cao die am häufigsten verwendete Einzeldroge überhaupt - sie steckt in einem sehr großen Teil aller klassischen Rezepturen. Sie gilt als süß und neutral, allen zwölf Leitbahnen zugeordnet, und hat dort eine besondere Rolle: Sie harmonisiert die anderen Kräuter einer Rezeptur, mildert deren Schärfe oder Kälte und stärkt gleichzeitig das Qi der Milz. Auch dort ist übrigens bekannt, dass zu viel davon Wassereinlagerungen macht - in klassischen Texten wird vor Ödemen bei hoher Dosierung gewarnt.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Blutdruck und Kalium: Glycyrrhizin lässt den Blutdruck steigen und schwemmt Kalium aus - bis hin zu Muskelschwäche und Herzrhythmusstörungen.
- Mengengrenze: als Orientierung gelten etwa 100 mg Glycyrrhizin täglich, grob 50 g übliches Lakritz; bei Starklakritz deutlich weniger.
- Anwendungsdauer: arzneilich nicht länger als vier bis sechs Wochen ohne ärztliche Begleitung.
- Schwangerschaft: auf größere Lakritzmengen verzichten - Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge mit kürzerer Schwangerschaftsdauer.
- Vorerkrankungen: bei Bluthochdruck, Herzschwäche, Nierenerkrankungen und niedrigem Kalium nicht anwenden.
- Medikamente: mit Entwässerungsmitteln, Digitalis und Kortison verstärken sich die Effekte - unbedingt ärztlich abklären.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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SourcesWorauf sich das stützt
- EMA/HMPC: European Union herbal monograph on Glycyrrhiza glabra L. and/or Glycyrrhiza inflata Bat. and/or Glycyrrhiza uralensis Fisch., radix.
- Kommission E: Monographie Liquiritiae radix (Süßholzwurzel), Bundesanzeiger 1985 - Katarrhe der oberen Luftwege und Magenschleimhautbeschwerden.
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Zu viel Lakritz kann die Gesundheit beeinträchtigen - Orientierungswert für Glycyrrhizin und Kennzeichnung von Starklakritz.
- Räikkönen K et al. Maternal licorice consumption during pregnancy and pubertal, cognitive, and psychiatric outcomes in children. American Journal of Epidemiology 2017; 185(5): 317–328.
- Omar HR et al. Licorice abuse: time to send a warning message. Therapeutic Advances in Endocrinology and Metabolism 2012; 3(4): 125–138.


