OriginDas Kraut mit dem Löwenschwanz

Der Name Herzgespann kommt aus der alten Volksmedizin - gemeint war das beklemmende Gefühl, das Angst auf der Brust macht.
Leonurus cardiaca ist ein Lippenblütler, der ursprünglich aus Zentralasien stammt und sich seit dem Mittelalter über ganz Europa verbreitet hat. Er wächst an Zäunen, Mauern, auf Schutt und an Dorfrändern - typische Standorte einer Pflanze, die mit dem Menschen mitgewandert ist. In vielen Gegenden Deutschlands ist er heute selten geworden, weil die verwilderten Ecken an Dorfrändern verschwunden sind, in denen er stand.
Der Gattungsname Leonurus heißt „Löwenschwanz“ und meint die Form des Blütenstands: An einem hohen, kantigen Stängel sitzen in den Blattachseln dichte Quirle kleiner rosa Lippenblüten, die zusammen wie ein struppiger Schwanz wirken. Der deutsche Name Herzgespann ist älter und stammt aus der Volksmedizin: „Gespann“ bezeichnete früher ein Spannungs- und Beklemmungsgefühl in der Brust, wie man es bei Angst und Anspannung hat. Die Pflanze war das Mittel dagegen, und der Name hat sich seitdem nicht geändert.
In der Geschichte der Medizin war das Herzgespann lange Zeit prominenter, als es heute ist. Es taucht bei Dioskurides auf, steht bei Hildegard von Bingen und war in den europäischen Arzneibüchern der frühen Neuzeit fest verankert - oft als Mittel gegen „Herzzittern“ und bei Wehenschwäche. Die zweite Anwendung erklärt einen weiteren alten Namen: In Osteuropa und im englischen Sprachraum heißt die Pflanze Mutterkraut beziehungsweise Motherwort. Sie galt als Mittel für die Gebärmutter - und genau das ist der Grund, warum sie in der Schwangerschaft nichts zu suchen hat.
NutzenNervöse Herzbeschwerden - und was das genau heißt
Die Europäische Arzneimittel-Agentur führt Herzgespannkraut als traditional use zur Linderung nervöser Herzbeschwerden bei leichter Anspannung, nachdem eine ernsthafte Erkrankung ausgeschlossen wurde. Dieser Nachsatz steht so in der Monographie, und er ist der zentrale Punkt dieser Seite. Die Kommission E formuliert es ähnlich: nervöse Herzbeschwerden, unterstützend bei Schilddrüsenüberfunktion. Beides sind Indikationen, die eine Diagnose voraussetzen.
Was ist ein „nervöses Herzklopfen“? Gemeint ist das Herzrasen, das aus Aufregung, Stress, Anspannung oder einer Angstsituation entsteht, bei einem Herzen, das organisch in Ordnung ist. Das kennen die meisten Menschen, es ist unangenehm und oft selbstverstärkend, weil das Spüren des Herzschlags neue Angst erzeugt. Herzgespann setzt an diesem Kreis an: Es wirkt mild beruhigend und dämpft das Gefühl des Klopfens. Es behandelt nicht das Herz, sondern die Anspannung darum herum.
Die pharmakologische Grundlage ist dünner, als die lange Anwendungsgeschichte vermuten lässt. Es gibt Tierversuche mit blutdrucksenkenden und leicht antiarrhythmischen Effekten, Untersuchungen zu einer beruhigenden Wirkung, und Arbeiten zu einzelnen Inhaltsstoffen. Kontrollierte Studien am Menschen fehlen praktisch vollständig; eine russische Beobachtungsstudie zu einem Öl-Extrakt bei Bluthochdruck ist methodisch zu schwach, um daraus etwas abzuleiten. Die EMA-Einstufung stützt sich ausdrücklich auf Tradition, nicht auf Evidenz - und wir schreiben das so, weil Herzgespann in der Vermarktung gern als Herzmittel dargestellt wird.
Daraus folgt eine klare Grenze, die wir lieber zweimal ziehen als einmal zu wenig. Herzrhythmusstörungen, die neu auftreten, länger anhalten, mit Schwindel, Atemnot, Brustschmerz oder Ohnmacht einhergehen, sind nichts für pflanzliche Selbstbehandlung. Vorhofflimmern etwa fühlt sich wie „nervöses Herzstolpern“ an und ist trotzdem eine Erkrankung mit Schlaganfallrisiko, die behandelt gehört. Herzgespann ist ein Beruhigungstee für Menschen, deren Herz nachweislich gesund ist. In dieser Rolle ist es sinnvoll und harmlos - außerhalb davon gefährlich, weil es Zeit kostet.
IngredientsEine Pflanze, deren berühmtester Stoff kaum drinsteckt
Beim Herzgespann lohnt sich ein genauer Blick auf die Stoffliste, weil in populären Darstellungen regelmäßig etwas durcheinandergeht. Das Alkaloid Leonurin gilt als der pharmakologisch interessanteste Inhaltsstoff der Gattung - es ist gut untersucht, wirkt gefäßerweiternd und wird in China intensiv beforscht. Nur: In Leonurus cardiaca, unserer europäischen Art, kommt es nur in Spuren oder gar nicht vor. Die leonurinreiche Art ist Leonurus japonicus, die chinesische Verwandte. Befunde zu Leonurin lassen sich deshalb nicht auf unser Herzgespann übertragen.
Was tatsächlich drin ist: Iridoidglykoside wie Ajugol, Ajugosid und Leonurid, das Diterpen Leocardin, Phenylethanoidglykoside wie Lavandulifoliosid, dazu Flavonoide, Gerbstoffe und ein hoher Anteil Bitterstoffe. Für Lavandulifoliosid gibt es tierexperimentelle Hinweise auf eine Verlangsamung der Herzfrequenz; das ist der konkreteste vorhandene Befund und trotzdem weit von einer klinischen Aussage entfernt.
Der Bittergehalt prägt die praktische Anwendung mehr als alles andere. Herzgespanntee ist so bitter, dass viele Menschen ihn nicht zweimal trinken. Das ist der Grund, warum die Pflanze in der Praxis fast ausschließlich als Tinktur oder in Fertigpräparaten verwendet wird und in Teemischungen nur als kleiner Anteil vorkommt. Wer es als Tee versucht, mischt ihn mit Melisse und Pfefferminze - nicht, weil die Kombination klüger wäre, sondern weil sie trinkbar ist.
Zum Sammeln: Geerntet werden die oberen Triebspitzen zur Blütezeit im Juni und Juli, etwa die oberen zwanzig bis dreißig Zentimeter ohne die harten, kantigen Stängelteile. Die Pflanze ist durch ihren vierkantigen Stängel, die gegenständigen, tief geteilten unteren Blätter und die rosa Blütenquirle in den Blattachseln gut kenntlich. Verwechslungen mit Giftpflanzen gibt es nicht, aber die Bestände sind mancherorts klein - dann stehen lassen und aus dem Handel beziehen.
Verstärkte KombinationenWas zum Herzgespann passt
Herzgespann steht selten allein, aus zwei Gründen: Es schmeckt zu bitter, und es deckt nur einen Teil der Unruhe ab. Diese Kombinationen sind traditionell und plausibel.
Melisse ist der milde, zitronige Gegenpol zur Bitterkeit und deckt die nervöse Seite mit ab. Zwei Teile Melisse auf einen Teil Herzgespann ergibt einen Tee, den man tatsächlich trinken mag.
Die traditionelle Herzkombination: Weißdorn ist die besser untersuchte Pflanze für das Herz selbst, Herzgespann deckt den nervösen Anteil ab. Wichtig bleibt, dass beide erst nach einer kardiologischen Abklärung sinnvoll sind.
Bei leichter Schilddrüsenüberfunktion ist das die klassische Zweierkombination der Phytotherapie - und eine, die zwingend in ärztliche Begleitung gehört, weil eine Hyperthyreose eine Diagnose und eine Kontrolle braucht.
Wenn die innere Unruhe vor allem abends und beim Einschlafen stört, ergänzen Baldrian und Hopfen das Herzgespann sinnvoll. Als Fertigmischung oder Tinkturkombination.
Rein geschmacklich: Pfefferminze überdeckt Bitterkeit besser als jede andere Teepflanze. Ein Drittel der Mischung reicht dafür.
Die Bitterstoffe sind kein Nebeneffekt, sondern wirken wie andere Bitterdrogen anregend auf Magensaft und Galle. Wer den Tee vor dem Essen trinkt, nutzt beides.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Die wichtigste Grenze. Neu aufgetretenes Herzstolpern, anhaltendes Rasen, Aussetzer mit Schwindel oder Atemnot gehören ins EKG. Vorhofflimmern fühlt sich harmlos an und ist es nicht.
Die Pflanze heißt in mehreren Sprachen Mutterkraut, weil sie traditionell wehenfördernd eingesetzt wurde. In der Schwangerschaft ist sie deshalb kontraindiziert - auch als Tee.
Es gibt tierexperimentelle Hinweise auf eine eigene blutdrucksenkende Wirkung. Neben entsprechender Medikation sollte das in der Praxis angesprochen werden.
Eine additive dämpfende Wirkung ist plausibel, auch wenn sie nicht gut untersucht ist. Bei verordneten Beruhigungs- oder Schlafmitteln nicht ungefragt kombinieren.
Eine Hyperthyreose ist keine Selbstbehandlungssituation. Pflanzliche Unterstützung kann sinnvoll sein, aber nur begleitend und mit regelmäßigen Kontrollen.
Zur Langzeitanwendung großer Mengen gibt es keine Daten. Die Monographiedosis von rund 3 g täglich ist die sinnvolle Obergrenze, und nach einigen Wochen gehört Bilanz gezogen.
ApplicationAnwendung statt Küche
- TeemischungEin Teil Herzgespann auf zwei Teile Melisse - die gebräuchlichste und verträglichste Form.
- TinkturDie praktische Anwendungsform: 20 bis 40 Tropfen in Wasser, zwei- bis dreimal täglich. Umgeht das Geschmacksproblem vollständig.
- AbendteeMit Baldrianwurzel und Hopfenzapfen gemischt, eine Stunde vor dem Zubettgehen.
- Bittertee vor dem EssenEin kleiner, sehr bitterer Aufguss 15 Minuten vor der Mahlzeit nutzt die Bitterstoffe für die Verdauung.
- FertigpräparatHerzgespann findet sich in mehreren pflanzlichen Beruhigungspräparaten, dort standardisiert und gut dosierbar.
- WildsammlungObere 20 bis 30 cm der blühenden Triebe im Juni und Juli, ohne die harten Stängel.
- TrocknungLocker gebündelt kopfüber im Schatten aufhängen. Bei zu dichten Bündeln verdirbt das Kraut im Inneren.
- LagerungIn dunklen Gläsern oder Papiertüten, ein Jahr. Danach lassen Bitterstoffe und Wirkung nach.
- GartenAls Bienenpflanze durchaus interessant: Hummeln fliegen die Blütenquirle den ganzen Sommer an.
- Nicht in die KücheHerzgespann ist kein Gewürz und kein Gemüse. Der Bittergehalt macht jede kulinarische Verwendung unmöglich.
Als HausmittelDie trinkbare Version
Herzgespann-Melissen-Tee
- Vorab die Grundregel: Dieser Tee ist für nervöses Herzklopfen bei einem abgeklärten, gesunden Herzen. Wenn dein Herzstolpern neu ist, anhält oder mit Schwindel, Atemnot oder Brustschmerz einhergeht, gehört das in ärztliche Hände - vor jeder Teekanne.
- Mischung ansetzen: zwei Teile Melissenblätter, ein Teil Herzgespannkraut, optional ein halber Teil Pfefferminze gegen die Bitterkeit.
- Einen gehäuften Teelöffel der Mischung pro Tasse mit kochendem Wasser übergießen und zugedeckt acht bis zehn Minuten ziehen lassen.
- Abseihen und langsam trinken, ein- bis dreimal täglich - bei akuter Anspannung, oder regelmäßig über ein paar Wochen in einer belastenden Phase.
- Wer den Geschmack trotz Mischung nicht erträgt, wechselt auf eine Tinktur: 20 bis 40 Tropfen in etwas Wasser, zwei- bis dreimal täglich.
- Nach spätestens vier bis sechs Wochen Bilanz ziehen. Bleibt das Herzklopfen unverändert oder wird häufiger, ist der Tee nicht die Antwort auf die Frage.
Bei Herzklopfen und innerer Unruhe, die aus Anspannung, Stress oder Aufregung kommen - bei einem Herzen, das untersucht und in Ordnung ist. Traditionell zusätzlich begleitend bei leichter Schilddrüsenüberfunktion, dann aber nur in ärztlicher Begleitung.
Rund 3 g Kraut täglich nach Kommission E, entsprechend zwei bis drei Tassen der Mischung. Nicht in der Schwangerschaft. Bei blutdrucksenkender oder beruhigender Medikation vorher ansprechen.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Herzgespann ist im klassischen Ayurveda nicht vertreten. Seine Rolle - Beruhigung von Herz und Geist - nehmen dort andere Pflanzen ein, vor allem Arjuna (Terminalia arjuna), die traditionell als Herztonikum gilt, sowie Brahmi and Jatamansi für den nervösen Anteil. Wer Parallelen sucht, findet sie eher in der Funktion als in der Botanik.
Traditional Chinese Medicine
Hier wird es interessant, weil die TCM die Schwesterart intensiv nutzt. Yi Mu Cao ist Leonurus japonicus, und die Droge gehört in der chinesischen Systematik zu den blutbewegenden Mitteln, mit einem klaren Schwerpunkt in der Frauenheilkunde - bei Menstruationsstörungen und nach der Geburt. Der Name bedeutet wörtlich „Kraut, das der Mutter nützt“, und trifft damit genau denselben Punkt wie das europäische „Mutterkraut“. Zwei Traditionen, zwei Arten derselben Gattung, dieselbe Zuschreibung - und in China ist es die Gebärmutter, in Europa das Herz, das im Namen steht.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Herzbeschwerden gehören abgeklärt: Neu aufgetretenes oder anhaltendes Herzstolpern, Rasen mit Schwindel, Atemnot, Brustschmerz oder Ohnmacht sind Notfall- oder mindestens Arztsituationen. Vorhofflimmern fühlt sich harmlos an und ist es nicht.
- Nicht in der Schwangerschaft: Die Pflanze wurde traditionell wehenfördernd eingesetzt und heißt in mehreren Sprachen Mutterkraut. In der Schwangerschaft ist sie kontraindiziert, auch als Tee.
- Schilddrüsenüberfunktion nur begleitend: Eine Hyperthyreose ist behandlungsbedürftig und kontrollpflichtig. Pflanzen können begleiten, nicht ersetzen.
- Wechselwirkung mit Blutdruck- und Beruhigungsmitteln: Additive Effekte sind plausibel. Bei entsprechender Medikation die Einnahme in der Praxis ansprechen.
- Keine Langzeitdaten: Zur dauerhaften Einnahme hoher Dosen liegen keine Untersuchungen vor. Nach einigen Wochen Bilanz ziehen statt unbegrenzt weiterzumachen.
- Kinder: Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist die Anwendung mangels Daten nicht vorgesehen.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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SourcesWorauf sich das stützt
- European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monograph on Leonurus cardiaca L., herba - traditional use.
- Kommission E, Monographie „Leonuri cardiacae herba“, BAnz Nr. 43 vom 02.03.1989.
- Wojtyniak K. et al.: Leonurus cardiaca L. (motherwort): a review of its phytochemistry and pharmacology. Phytotherapy Research 2013.
- Ritter M. et al.: Cardiac and electrophysiological effects of primary and refined extracts from Leonurus cardiaca. Planta Medica 2010.
- Blaschek W. (Hrsg.): Wichtl - Teedrogen und Phytopharmaka, Kapitel Leonuri cardiacae herba.


