Grünkohl (Brassica oleracea var. sabellica)

Botanischer Name
Brassica oleracea var. sabellicaKreuzblütler (Brassicaceae)
Vitamin K
rund 800 µg/100 geiner der höchsten Werte überhaupt
Vitamin C
über 100 mg/100 gmehr als Zitrone oder Orange
Lutein
sehr hochzusammen mit Zeaxanthin
Frost
macht ihn süßerist aber nicht nötig
Saison
November bis Februardas klassische Wintergemüse

OriginDas älteste Kohlgemüse Europas

Frischer Grünkohl mit Wiegemesser auf dunkler Schieferplatte

Grünkohl ist der Urform des Wildkohls am nächsten geblieben - er bildet keinen Kopf, sondern einfach Blätter.

Kohl gehört zu den ältesten Gemüsepflanzen Europas. Die Wildform, Brassica oleracea, wächst an den Felsküsten des Atlantiks und des Mittelmeers: eine unscheinbare Pflanze mit dicken, salztoleranten Blättern. Griechen und Römer bauten daraus bereits blättrige Kohlsorten an, und genau diese Blattkohle - nicht die Kopfkohle - sind die älteste Kulturform. Grünkohl ist damit näher am Wildkohl als fast alles andere, was heute im Gemüseregal liegt.

In Norddeutschland wurde er zum Kulturgut. Die „Kohlfahrt“ oder „Kohltour“ zwischen Oldenburg, Bremen und Ostfriesland ist ein eigener Brauch: eine Wanderung im Winter, mit Bollerwagen und Boßeln, an deren Ende Grünkohl mit Pinkel oder Kassler steht, und die Gesellschaft wählt einen Kohlkönig. Bremen hat sogar einen offiziellen Kohl- und Pinkelkönig - ein Amt, das bis in die Politik reicht.

In den 2010er Jahren bekam dieselbe Pflanze eine zweite Karriere als amerikanisches kale - in Smoothies, als Chips, im Salat. Das war weitgehend Marketing, aber es brachte eine sachlich richtige Erkenntnis in die Breite: Dieses Gemüse ist tatsächlich außergewöhnlich nährstoffdicht. Der italienische Palmkohl oder Schwarzkohl, cavolo nero, ist übrigens dieselbe Art mit dunklen, blasigen Blättern und in der Toskana die Basis der Ribollita.

NutzenNährstoffdichte, die man nicht behaupten muss

Bei Grünkohl braucht man keine Versprechen zu machen - die Nährwerttabelle reicht. Über hundert Milligramm Vitamin C pro hundert Gramm, mehr als Zitrone oder Orange. Rund achthundert Mikrogramm Vitamin K, einer der höchsten je gemessenen Werte in einem Lebensmittel. Dazu viel Calcium, Eisen, Folat, Ballaststoffe und ein Proteingehalt, der für ein Blattgemüse ungewöhnlich hoch ist.

Besonders ist der Carotinoid-Gehalt. Grünkohl enthält sehr viel Lutein und Zeaxanthin - die beiden Farbstoffe, die sich im Auge in der Makula anreichern und dort als Filter für kurzwelliges Licht wirken. Die großen AREDS-Studien des US-amerikanischen National Eye Institute haben Lutein und Zeaxanthin als Bestandteil einer Nährstoffkombination bei altersabhängiger Makuladegeneration untersucht. Das ist ein Hinweis aus einem speziellen Studienkontext, kein Grund, Grünkohl gegen Augenerkrankungen zu empfehlen.

Wie alle Kreuzblütler enthält er Glucosinolate und das Enzym Myrosinase - dieselbe Chemie wie bei Brokkoli. Auch hier gilt: Das Enzym ist hitzeempfindlich, und stundenlanges Kochen, wie es die norddeutsche Tradition vorsieht, lässt davon nichts übrig. Der traditionelle Grünkohl ist ein gutes Essen, aber kein Glucosinolat-Lieferant. Wer darauf Wert legt, isst ihn jung und kurz gegart oder roh im Salat.

Ein Punkt, der bei Grünkohl wirklich zählt: das Vitamin K. Wer Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon - Marcumar - einnimmt, kann mit einer großen Portion Grünkohl die Gerinnungseinstellung spürbar verschieben. Das ist kein Verbot. Die Empfehlung der Fachgesellschaften lautet, die Vitamin-K-Zufuhr gleichmäßig zu halten statt sie zu vermeiden - also nicht plötzlich literweise Grünkohlsmoothie, sondern eine berechenbare Menge, über die der Arzt Bescheid weiß.

ca. 800 µgVitamin K pro 100 g - Spitzenwert unter Lebensmitteln
über 100 mgVitamin C pro 100 g
4 °Cab hier beginnt die Umwandlung von Stärke in Zucker
Nov - Febdie klassische Saison in Norddeutschland

IngredientsDie Frostfrage - und was wirklich passiert

Der bekannteste Satz über Grünkohl lautet: Er braucht Frost, sonst schmeckt er nicht. Das stimmt in der Beobachtung und ist in der Erklärung falsch herum. Was passiert, ist eine Kälteanpassung: Sinken die Temperaturen unter etwa vier Grad, baut die Pflanze Stärke zu löslichen Zuckern ab. Diese Zucker senken den Gefrierpunkt im Zellsaft und schützen die Zellen - ein Frostschutzmittel, das die Pflanze selbst herstellt. Nebenbei schmeckt das Blatt dadurch milder und süßer, weil die Zucker auch die Bitterstoffe überdecken.

Für diesen Vorgang genügen aber schon einige kalte Nächte. Echter Frost ist nicht erforderlich, und moderne Sorten sind ohnehin auf geringere Bitterkeit gezüchtet. Wer im Herbst Grünkohl kauft, kann den Effekt zu Hause nachstellen: Die gewaschenen, abgetropften Blätter für einen Tag ins Gefrierfach legen. Das Ergebnis kommt dem Frosteffekt nahe - und ist der bessere Weg, als auf den ersten Nachtfrost zu warten und das Blatt so lange stehen zu lassen, bis es zäh wird.

Ein Thema, über das selten gesprochen wird: Grünkohl nimmt aus dem Boden auf, was dort ist. In Lengerich in Westfalen gab es Ende der 1970er Jahre einen dokumentierten Fall von Thallium-Belastung in Gemüse aus der Umgebung eines Zementwerks - Grünkohl war dabei eine der am stärksten betroffenen Kulturen, weil er über eine lange, kalte Saison auf dem Feld steht und viel Blattfläche hat. Aus genau diesem Grund wird Grünkohl in der Umweltanalytik bis heute gern als Bioindikator verwendet. Für den Handelskohl ist das kein aktuelles Problem, aber es ist ein Grund, im Eigenanbau nicht direkt an einer stark befahrenen Straße zu ernten.

Auch der Nitratgehalt ist bei Blattgemüse aus dem Winteranbau erhöht, besonders bei wenig Licht. Das ist kein Grund zur Sorge, aber ein Grund, die groben Mittelrippen zu entfernen - dort sitzt das meiste Nitrat - und gekochten Grünkohl nicht tagelang warmzuhalten oder mehrfach aufzuwärmen. Übrigens: die alte Regel, dass Grünkohl am zweiten Tag besser schmeckt, ist geschmacklich richtig; dann sollte er aber zwischendurch im Kühlschrank gewesen sein, nicht auf dem Herd.

Verstärkte KombinationenWas zu Grünkohl passt

Grünkohl ist ein kräftiges Blatt mit Bitternote und viel Struktur. Er verträgt Fett, Säure und Süße - und er profitiert von allen dreien.

Fett

Grünkohl + Olivenöl oder Butter

Lutein, Zeaxanthin und Vitamin K sind fettlöslich. Ohne Fett bleibt ein Teil ungenutzt - der traditionelle Speck hat also einen sachlichen Kern.

Säure

Grünkohl + Zitrone oder Essig

Säure hebt die Bitternote auf und macht rohe Blätter im Salat weich. Ein paar Minuten einmassieren genügt.

Süße

Grünkohl + Apfel, Birne oder Rosine

Die klassische Ergänzung. Süße balanciert die Senfölschärfe der jungen Blätter.

iron

Grünkohl + Paprika oder Zitrone

Das Vitamin C verbessert die Aufnahme des pflanzlichen Eisens deutlich.

Wärme

Grünkohl + Senf, Kümmel, Muskat

Die norddeutsche Würzung. Kümmel macht Kohl zusätzlich bekömmlicher.

Roh

Junge Blätter + kurzes Massieren

Ohne Mittelrippe, mit Öl und Salz durchgeknetet - dann ist rohes Grünkohlblatt zart statt zäh.

Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen

Marcumar

Grünkohl + Vitamin-K-Antagonisten

Der höchste Vitamin-K-Gehalt unter den Gemüsen. Kein Verbot, aber gleichmäßige Mengen statt Schübe - und mit der behandelnden Praxis besprechen.

Stundenlang

Grünkohl + sehr langes Kochen

Geschmacklich Tradition, aber Vitamin C und Enzyme sind danach weg. Für den Nährstoffgehalt lieber kurz gegart.

Nitrat

Grünkohl + mehrfach aufwärmen

Gekochtes Blattgemüse nicht warmhalten oder wiederholt erhitzen. Abkühlen, kühl stellen, einmal aufwärmen.

Standort

Grünkohl + Straßenrand

Das Blatt nimmt auf, was in Boden und Luft ist - deshalb ist es ein guter Bioindikator und ein schlechter Straßenrandbewohner.

Nieren

Grünkohl + Oxalat-Steinleiden

Der Oxalatgehalt ist niedriger als bei Spinat oder Mangold, aber vorhanden. Bei bekannter Steinbildung mit dem Arzt klären.

Schilddrüse

Kreuzblütler + ausgeprägter Jodmangel

Glucosinolate können bei gleichzeitigem Jodmangel die Jodaufnahme stören. Bei ausreichender Jodversorgung ohne Bedeutung.

In der KücheWas mit ihm geht

  • NorddeutschMit Pinkel, Kassler und Kartoffeln - das Original.
  • Kurz gedünstetFünf Minuten in Olivenöl mit Knoblauch, fertig.
  • GrünkohlchipsMit Öl und Salz bei 150 Grad, bis sie knistern.
  • Roh im SalatOhne Mittelrippe, mit Öl und Zitrone weich massiert.
  • RibollitaDer toskanische Klassiker mit Palmkohl, Bohnen und Brot.
  • SuppeMit Kartoffel und Sahne püriert, Muskat darüber.
  • PastaFein geschnitten mit Knoblauch, Chili und Pecorino.
  • SmoothieMit Apfel und Zitrone - aber bitte nicht literweise.
  • EingefrorenBlanchiert und portioniert, hält den ganzen Winter.
  • Mit SüßkartoffelOfengemüse mit Kichererbsen und Tahini.
Faustregel: Nimm die groben Mittelrippen heraus, bevor du irgendetwas anderes machst. Das ist der zähe, nitratreiche Teil des Blattes, und er ist der Grund, warum viele Menschen glauben, sie mögen keinen Grünkohl. Das Blatt daneben ist zart.

Als HausmittelGrünkohlchips - und der Frosttrick

So geht’s

Zwei Dinge, die zu Hause funktionieren

  1. Für den Frosttrick: Grünkohl waschen, gründlich trockenschleudern, die Mittelrippen entfernen und die Blätter in einem Gefrierbeutel für 24 Stunden ins Gefrierfach legen. Danach auftauen und ganz normal verarbeiten - er schmeckt milder und süßer, weil ein Teil der Stärke zu Zucker geworden ist.
  2. Für die Chips: Den Ofen auf 150 Grad Ober-/Unterhitze vorheizen - nicht höher, sonst verbrennen die dünnen Blattränder, bevor die Mitte trocken ist.
  3. Die Blätter ohne Mittelrippe in handgroße Stücke zupfen. Sie müssen wirklich trocken sein, sonst dämpfen sie statt zu knuspern.
  4. Mit einem Esslöffel Olivenöl pro großer Schüssel und etwas Salz vermischen - mit den Händen, damit jedes Blatt einen hauchdünnen Film bekommt. Zu viel Öl macht sie weich.
  5. Auf einem Backblech in einer Lage ausbreiten, nichts darf übereinanderliegen. 12 bis 18 Minuten backen und ab Minute zehn danebenstehen bleiben - der Übergang von knusprig zu verbrannt dauert unter einer Minute.
  6. Sofort essen. Grünkohlchips ziehen Luftfeuchtigkeit an und sind nach ein paar Stunden im geschlossenen Behälter wieder weich.
Wofür

Für Menschen, die Grünkohl nur als stundenlang geschmorte Beilage kennen - und für alle, die ein Blattgemüse suchen, das Kinder freiwillig essen.

Menge

Grünkohl ist ein Lebensmittel, hier gibt es keine Dosierung. Die einzige Menge, auf die es ankommt, betrifft Vitamin-K-Antagonisten: Dann gleichmäßige Portionen und Rücksprache mit der behandelnden Praxis.

Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen

Ayurveda

Grünkohl ist eine europäische Kulturpflanze und kommt in den klassischen ayurvedischen Texten nicht vor. Blattgemüse allgemein - patra shaka - gilt dort als leicht, bitter und kapha-reduzierend, aber auch als vata-erhöhend, also blähend und kühlend. Die überlieferte Antwort darauf ist genau das, was die norddeutsche Küche zufällig auch macht: erwärmende Gewürze wie Kümmel, Senf und Ingwer dazu und mit Fett zubereiten.

Traditional Chinese Medicine

In der chinesischen Diätetik werden Kohlblätter - Gan Lan - als süß und neutral bis leicht kühl eingeordnet, mit Bezug zu Magen und Dickdarm, und sie gelten als befeuchtend und Qi-stärkend. Grünkohl selbst ist in China kein traditionelles Gemüse; die entsprechende Rolle spielen dort Pak Choi und Chinakohl, die zur selben Gattung gehören.

WarnhinweiseWann du aufpassen solltest

Bitte beachten

  • Vitamin K und Marcumar: Grünkohl hat den höchsten Vitamin-K-Gehalt unter den gängigen Gemüsen. Bei Phenprocoumon oder Warfarin gleichmäßige Mengen essen und mit der behandelnden Praxis sprechen.
  • Nicht mehrfach aufwärmen: Gekochtes Blattgemüse nach dem Essen zügig kühl stellen und höchstens einmal wieder erhitzen.
  • Mittelrippen entfernen: Dort sitzt der Großteil des Nitrats - und der zähe Teil des Blattes.
  • Oxalat: Niedriger als Spinat, aber vorhanden. Bei wiederkehrenden Nierensteinen ärztlich klären.
  • Schilddrüse und Jodmangel: Glucosinolate können bei gleichzeitigem Jodmangel stören. Bei ausreichender Jodversorgung ohne Bedeutung.
  • Standort beim Eigenanbau: Grünkohl reichert Schadstoffe aus Boden und Luft an - nicht direkt an stark befahrenen Straßen anbauen.

Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.

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SourcesWorauf sich das stützt

  1. Souci-Fachmann-Kraut: Die Zusammensetzung der Lebensmittel, Eintrag Grünkohl.
  2. Age-Related Eye Disease Study 2 (AREDS2) Research Group: Lutein + Zeaxanthin and Omega-3 Fatty Acids for Age-Related Macular Degeneration. JAMA 2013.
  3. Bundesinstitut für Risikobewertung: Stellungnahmen zu Nitrat in Blattgemüse und zu goitrogenen Substanzen in Kreuzblütlern.
  4. Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Hinweise zu Vitamin K und Vitamin-K-Antagonisten.
  5. Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen: Dokumentation zum Thalliumfall Lengerich und zur Verwendung von Grünkohl als Bioindikator.