Wermut (Artemisia absinthium)

Familie
KorbblütlerArtemisia absinthium - derselbe Gattungszweig wie Beifuß und Estragon
Verwendet wird
Das blühende Krautgetrocknet, für Tee, Tinktur und Bitterspirituosen
Geschmack
Extrem bittereiner der höchsten Bitterwerte der europäischen Heilpflanzen
Origin
Europa und Asienauf trockenen Ödflächen, Schuttplätzen und Weinbergsmauern
Anerkannt für
Appetit und VerdauungEMA und Kommission E - bei Appetitlosigkeit und Völlegefühl
Wichtig
Thujonkurweise anwenden, kein Dauertee, kein ätherisches Öl

OriginDie bittere Schwester des Beifuß

Wermut Pflanze Blätter

Die Geschichte, dass Absinth wahnsinnig macht, hält sich seit über hundert Jahren - moderne Analysen historischer Flaschen haben sie weitgehend widerlegt. Das Problem war ein anderes.

Der Wermut wächst auf trockenen, steinigen Ödflächen, an Schuttplätzen, Mauern und Wegrändern und ist in Europa und weiten Teilen Asiens verbreitet. Er wird kniehoch bis hüfthoch, hat silbrig-filzige, fein zerteilte Blätter und unscheinbare gelbe Blütenkörbchen. Der botanische Name absinthium geht auf ein griechisches Wort für „ungenießbar“ zurück - wer einmal ein Blatt gekaut hat, versteht warum.

Er ist eine der ältesten Arzneipflanzen überhaupt: im ägyptischen Papyrus Ebers erwähnt, bei Hippokrates, bei Dioskurides, in jedem mittelalterlichen Kräuterbuch. Verwendet wurde er als Magenmittel, als Wurmmittel - daher der Name „Wurmkraut“, aus dem sich „Wermut“ entwickelte - und als Bitterzusatz in Wein. Aus diesem gewürzten Wein wurde der Vermouth, der bis heute nach der Pflanze heißt.

Und dann ist da der Absinth. Die grüne Spirituose war im 19. Jahrhundert das Getränk der Pariser Bohème und wurde ab 1915 in vielen Ländern verboten - angeblich, weil das enthaltene Thujon Halluzinationen und Wahnsinn auslöse. Moderne chemische Analysen originaler, versiegelter Flaschen aus der Zeit vor dem Verbot haben ergeben, dass der Thujongehalt weit niedriger lag als behauptet und im Rahmen dessen, was heute erlaubt ist. Was die Absinthtrinker krank machte, war mit großer Wahrscheinlichkeit etwas anderes: Alkohol mit bis zu 70 Prozent, in großen Mengen täglich, dazu billige Verfälschungen mit Kupfersalzen und Antimon für die grüne Farbe. Seit 1991 ist Absinth in der EU wieder zugelassen - mit Thujon-Grenzwerten.

NutzenWas der Wermut für dich tut

Der Wermut ist die klassische Bitterstoffdroge, und sein Wirkprinzip ist eines der elegantesten in der ganzen Pflanzenheilkunde: Es beginnt auf der Zunge. Bitterrezeptoren im Mund lösen über den Vagusnerv einen Reflex aus, der die Produktion von Speichel, Magensaft, Gallenflüssigkeit und Bauchspeichel anregt - bevor das Essen überhaupt da ist. Die europäische Arzneimittelagentur und die Kommission E führen Wermutkraut entsprechend bei Appetitlosigkeit, dyspeptischen Beschwerden wie Völlegefühl und Blähungen sowie bei leichten Gallenbeschwerden.

Daraus folgt eine Anwendungsregel, an der die meisten scheitern: Der Bitterstoff muss geschmeckt werden. Wermuttee in Kapselform oder stark gesüßt kann seine Hauptwirkung nicht entfalten - der Reflex läuft über die Zunge, nicht über den Magen. Deshalb: eine halbe Tasse etwa zwanzig bis dreißig Minuten vor dem Essen, langsam, ungesüßt. Wer das nicht aushält, nimmt Tropfen auf etwas Wasser, aber auch die sollen im Mund wirken, bevor sie geschluckt werden.

Zur Ehrlichkeit gehört auch hier die Kehrseite. Wermut enthält Thujon, dasselbe Nervengift wie der Salbei, nur in höherer Konzentration - es kann in großen Dosen Krämpfe auslösen. Daraus folgt: kurweise anwenden, wenige Tage bis maximal drei bis vier Wochen, und dann eine Pause. Kein Dauertee. Und das reine ätherische Wermutöl gehört überhaupt nicht in die Selbstanwendung. Die traditionelle Anwendung als Wurmmittel ist heute obsolet: Dafür wären Mengen nötig, die in den toxischen Bereich reichen - und es gibt wirksame und sichere Medikamente.

Auf der Zungedort beginnt die Wirkung - deshalb ungesüßt trinken
20–30 Minutenvor dem Essen, damit der Reflex rechtzeitig anläuft
Max. 4 Wochenwegen des Thujons kurweise, dann Pause
Absinth-Mythoshistorische Flaschen zeigen normale Thujonwerte - das Problem war der Alkohol

IngredientsDas steckt im Wermut

Die wirksamkeitsbestimmenden Stoffe sind die Sesquiterpenlactone, allen voran Absinthin und Anabsinthin. Sie sind für den extremen Bittergeschmack verantwortlich - Absinthin ist noch in einer Verdünnung von eins zu dreißigtausend bitter wahrnehmbar. Der Bitterwert der Droge liegt je nach Herkunft zwischen 10.000 und 25.000 und gehört damit zu den höchsten unserer Flora; nur die Enzianwurzel liegt noch darüber.

Das ätherische Öl macht 0,2 bis 1,5 Prozent aus und enthält je nach Herkunft unterschiedlich viel Thujon (α- und β-Thujon) sowie Chamazulen-Vorstufen, Sabinen und Myrcen. Thujon wirkt am GABA-Rezeptor und kann in hohen Dosen die Krampfschwelle senken - das ist der pharmakologische Kern der Diskussion um Absinth und der Grund für die zeitliche Begrenzung. Bei der Teezubereitung geht nur ein kleiner Teil des Öls in den Aufguss über; bei alkoholischen Auszügen deutlich mehr.

Daneben enthält das Kraut Flavonoide, Phenolcarbonsäuren und Gerbstoffe. Für die Praxis wichtig: Wer Wermut als Bittermittel nutzen will, braucht keine hohe Dosis - im Gegenteil. Ein halber Teelöffel auf eine Tasse reicht völlig, und die Zubereitung soll bitter schmecken, nicht ungenießbar sein. Mehr Kraut bringt keine bessere Wirkung, nur mehr Thujon.

Verstärkte KombinationenWas den Wermut stärker macht

Eine Pflanze, bei der weniger wirklich mehr ist - und bei der der Zeitpunkt über alles entscheidet.

Zeitpunkt

20–30 Minuten vor dem Essen

Der Bitterreflex braucht Vorlauf; nach dem Essen kommt er zu spät.

Geschmack

ungesüßt trinken

Die Wirkung beginnt auf der Zunge - Zucker oder Honig blockieren genau den Reflex, um den es geht.

Galle

mit Löwenzahn & Mariendistel

Die klassische Kombination für Leber und Galle: Wermut bitter, Löwenzahn harntreibend, Mariendistel leberschützend.

Magen

mit Enzian & Tausendgüldenkraut

Die Bitterdrogen verstärken sich - klassische Magenbitter-Mischung.

Dosis

mit kleiner Menge

Ein halber Teelöffel pro Tasse reicht; mehr bringt nur mehr Thujon.

Küche

als Vermouth im Kochtopf

Ein Schuss trockener Wermut in Fisch-, Muschel- oder Risottogerichte - die Küchenseite der Pflanze.

Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen

Length of time

nicht als Dauertee

Wegen des Thujons kurweise über wenige Tage bis maximal drei bis vier Wochen.

Öl

nicht das reine ätherische Öl

Wermutöl ist thujonreich und in unverdünnter Form ein echtes Risiko.

Wurmkur

nicht als Wurmmittel

Die dafür nötigen Mengen reichen in den toxischen Bereich - dafür gibt es wirksame Medikamente.

Magen

nicht bei Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren

Bitterstoffe steigern die Säureproduktion und sind bei bestehenden Geschwüren ungeeignet.

Schwangerschaft

nicht in Schwangerschaft und Stillzeit

Thujon ist hier unerwünscht; Wermut wurde traditionell sogar als abtreibend eingesetzt.

Epilepsie

nicht bei Anfallsleiden

Thujon senkt die Krampfschwelle - hier vollständig verzichten.

ApplicationWie er verwendet wird

  • WermutteeEin halber Teelöffel auf 250 ml, zugedeckt fünf bis zehn Minuten, ungesüßt vor dem Essen.
  • Magenbitter-MischungMit Enzianwurzel und Tausendgüldenkraut zu gleichen Teilen.
  • Leber-Galle-TeeMit Löwenzahnwurzel und Mariendistelfrüchten.
  • BittertropfenAlkoholischer Auszug, zehn bis zwanzig Tropfen auf wenig Wasser vor dem Essen.
  • VermouthDer gewürzte Wein, der nach der Pflanze heißt - als Aperitif oder im Kochtopf.
  • AbsinthHeute in der EU wieder zugelassen, mit Thujon-Grenzwerten.
  • KräuterlikörWermut ist Bestandteil vieler klassischer Klosterliköre und Magenbitter.
  • FischgerichteEin Schuss trockener Vermouth zum Ablöschen - zu Muscheln, Fisch, Risotto.
  • MottenschutzGetrocknetes Kraut im Kleiderschrank - eine alte Hausanwendung.
  • GartenpflanzeTrockenheitsverträglich, silbrig, gut für karge Beete.
Faustregel: Wenig nehmen, ungesüßt trinken, zwanzig Minuten vor dem Essen, kurweise über wenige Wochen - so ist Wermut eines der zuverlässigsten Verdauungsmittel, die es gibt. Wer ihn süßt, verschenkt genau die Wirkung, wegen der er ihn trinkt. Und mehr Kraut bringt nicht mehr Wirkung, nur mehr Thujon.

Als HausmittelDer Bittertee vor dem Essen

So geht’s

Wermut als Appetitanreger

  1. Einen halben gestrichenen Teelöffel getrocknetes Wermutkraut in eine Tasse geben - bewusst wenig, die Pflanze ist sehr bitter.
  2. Mit 250 ml kochendem Wasser übergießen und zugedeckt fünf bis zehn Minuten ziehen lassen.
  3. Abseihen und ungesüßt trinken - eine halbe Tasse etwa zwanzig bis dreißig Minuten vor dem Essen, langsam und in kleinen Schlucken.
  4. Zwei- bis dreimal täglich vor den Hauptmahlzeiten, über wenige Tage bis höchstens drei Wochen, dann eine Pause einlegen.
Wofür

Bei Appetitlosigkeit, Völlegefühl nach dem Essen, dem Gefühl, dass alles liegenbleibt, und bei träger Verdauung. Der Bitterreflex über die Zunge ist gut untersucht und die Anwendung von EMA und Kommission E anerkannt. Ein wichtiger Hinweis zur Einordnung: Appetitlosigkeit über Wochen, ungewollter Gewichtsverlust oder neu aufgetretene Verdauungsbeschwerden im mittleren und höheren Alter gehören ärztlich abgeklärt, bevor man sie mit Bitterstoffen behandelt.

Menge

Zwei- bis dreimal täglich eine halbe Tasse, kurweise über wenige Tage bis maximal drei bis vier Wochen. Nicht in Schwangerschaft und Stillzeit, nicht bei Epilepsie, nicht bei Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren. Nicht für Kinder. Und nicht süßen - das ist keine Geschmacksfrage, sondern die Bedingung dafür, dass es wirkt.

Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen

Ayurveda

Der Wermut ist im Ayurveda nicht klassisch vertreten, wohl aber verwandte Artemisia-Arten wie Nagadamani. Nach seinen Eigenschaften eingeordnet wäre er bitter, scharf und leicht erwärmend, dabei trocknend: Kapha stark senkend, Pitta senkend durch die Bitterkeit, Vata in größeren Mengen erhöhend, weil Bitteres austrocknet. Als Deepana, also das Verdauungsfeuer anregend, wäre er dort ein Musterbeispiel.

Traditional Chinese Medicine

In der chinesischen Materia Medica ist der Wermut selbst nicht geführt, aber seine nahen Verwandten sind es prominent: Ai Ye (Beifuß) für die Moxibustion und Qing Hao (Einjähriger Beifuß), aus dem das Malariamittel Artemisinin gewonnen wurde. Nach seinem Charakter wäre Wermut ein bitteres, kühlendes Mittel, das Feuchte-Hitze klärt und die Mitte harmonisiert - in der Nachbarschaft der bitteren Kräuter, die bei Völlegefühl und Appetitlosigkeit eingesetzt werden.

WarnhinweiseWann du aufpassen solltest

Bitte beachten

  • Thujon: kurweise anwenden, höchstens drei bis vier Wochen am Stück - kein Dauertee und niemals das reine ätherische Öl.
  • Epilepsie: Thujon senkt die Krampfschwelle - bei Anfallsleiden vollständig verzichten.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: nicht anwenden; Wermut wurde traditionell als abtreibend eingesetzt.
  • Magengeschwüre: Bitterstoffe steigern die Säureproduktion - bei Geschwüren und akuter Gastritis ungeeignet.
  • Gallenwege: bei Gallensteinen und Verschluss der Gallenwege nicht anwenden.
  • Abklärung: Appetitlosigkeit über Wochen oder ungewollter Gewichtsverlust gehören untersucht, nicht mit Tee behandelt.

Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.

Passend zum ThemaWeiterlesen und mitkochen

Shop-Links führen zu unseren Produktseiten; dort ist gekennzeichnet, wenn ein Partner beteiligt ist.

SourcesWorauf sich das stützt

  1. EMA/HMPC: European Union herbal monograph on Artemisia absinthium L., herba - traditional use bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden.
  2. Kommission E: Monographie Absinthii herba (Wermutkraut), Bundesanzeiger 1984.
  3. Lachenmeier DW et al. Thujone - cause of absinthism? Forensic Science International 2006; 158(1): 1–8 - Analyse historischer Absinthproben.
  4. Blaschek W (Hrsg.): Wichtl - Teedrogen und Phytopharmaka. 6. Auflage 2016, Monographie Absinthii herba.
  5. Europäisches Arzneibuch (Ph. Eur.): Monographie Absinthii herba - Bestimmung des Bitterwerts.