Ginkgo (Ginkgo biloba)

Familie
GinkgogewächseGinkgo biloba - die einzige überlebende Art einer ganzen Ordnung
Verwendet wird
Das Blattund zwar nur als aufbereiteter Spezialextrakt, nicht als Tee
Geschmack
Herb und unangenehmder Blättertee ist weder schmackhaft noch empfehlenswert
Origin
Chinaals Wildbestand fast ausgestorben, als Kulturbaum weltweit
Anerkannt für
Kognition und DurchblutungEMA: well-established use für standardisierte Trockenextrakte
Wichtig
Nur Fertigpräparatselbst gepflückte Blätter enthalten allergene Ginkgolsäuren

OriginDer Baum, der die Dinosaurier überlebt hat

Ginkgo Blätter frisch grün

Ginkgos wuchsen schon vor 200 Millionen Jahren, als noch Dinosaurier durch die Wälder liefen - und sechs Bäume in Hiroshima haben 1945 die Atombombe überstanden und treiben bis heute aus.

Der Ginkgo ist ein lebendes Fossil im wörtlichen Sinn: Er ist die einzige überlebende Art einer ganzen Pflanzenordnung, die im Erdmittelalter weltweit verbreitet war. Versteinerte Ginkgoblätter aus der Jurazeit sind von heutigen kaum zu unterscheiden. Botanisch ist er weder Laub- noch Nadelbaum, sondern steht allein zwischen beiden Gruppen - seine fächerförmigen, zweilappigen Blätter (daher biloba) haben ein gabelig verzweigtes Adernetz, wie es sonst keine Pflanze mehr hat.

In freier Wildbahn war er fast verschwunden; erhalten hat ihn die Kultur. Chinesische und japanische Tempelgärten pflanzten ihn über Jahrhunderte, und von dort kam er im 18. Jahrhundert nach Europa. Goethe widmete ihm 1815 ein Gedicht, das ihn in Deutschland populär machte. Heute steht er weltweit in Städten, weil er außergewöhnlich robust ist: Er verträgt Abgase, Streusalz, Trockenheit und Verdichtung besser als fast jeder andere Baum - und ist gegen praktisch alle heimischen Schädlinge immun.

Das berühmteste Kapitel seiner Geschichte spielt in Hiroshima. Mehrere Ginkgobäume standen nur ein bis zwei Kilometer vom Hypozentrum der Atombombenexplosion entfernt. Sie wurden entlaubt und verkohlt - und trieben im folgenden Frühjahr wieder aus. Einige von ihnen leben bis heute und sind als hibakujumoku, überlebende Bäume, gekennzeichnet. Für die Japaner ist der Ginkgo seitdem ein Symbol für Widerstandskraft; medizinisch hat das keine Bedeutung, aber es erklärt einen Teil seiner Ausstrahlung.

NutzenWas der Ginkgo für dich tut - differenziert

Der Ginkgo gehört zu den bestuntersuchten Pflanzenarzneien überhaupt, und gerade deshalb muss man die Ergebnisse trennen. Die europäische Arzneimittelagentur führt bestimmte standardisierte Trockenextrakte aus Ginkgoblättern in der höchsten Kategorie - well-established use - zur symptomatischen Behandlung leichter kognitiver Beeinträchtigung bei älteren Menschen und zur Verbesserung der schmerzfreien Gehstrecke bei arterieller Durchblutungsstörung der Beine. Zusätzlich ist eine traditionelle Anwendung bei Schwindel und Ohrensausen geführt.

Entscheidend ist das Wort Behandlung - im Unterschied zu Vorbeugung. Zwei sehr große, gut gemachte Studien haben untersucht, ob Ginkgo bei gesunden älteren Menschen den Ausbruch einer Demenz verhindern kann: die amerikanische GEM-Studie mit über 3.000 Teilnehmern und die französische GuidAge-Studie mit fast 3.000. Beide fanden keinen Unterschied zu Placebo. Ginkgo ist also kein Mittel zur Demenzvorbeugung, und wer ihn deswegen nimmt, gibt sein Geld für eine Hoffnung aus, die geprüft und nicht bestätigt wurde.

Bei bereits bestehender leichter bis mittelschwerer Demenz sieht es anders aus, wenn auch bescheiden: Meta-Analysen zu einem hochdosierten Standardextrakt - üblicherweise 240 Milligramm täglich - finden kleine, aber statistisch nachweisbare Verbesserungen bei kognitiven Tests und bei der Bewältigung des Alltags, vor allem wenn Verhaltenssymptome wie Unruhe dabei sind. Die Effekte sind klein, nicht alle Studien fallen gleich aus, und ein Teil der Forschung kommt aus dem Umfeld der Hersteller. Aber es ist eine reale, geprüfte Anwendung.

Und noch ein praktischer Punkt, der oft untergeht: Ginkgoblättertee ist keine Alternative. Das Blatt enthält von Natur aus Ginkgolsäuren, die stark allergen wirken und chemisch mit den Reizstoffen des Giftefeus verwandt sind. Bei der Herstellung von Arzneimitteln werden sie auf unter 5 ppm abgereichert - bei selbst gepflückten Blättern passiert das nicht. Dazu kommt, dass die wirksamen Bestandteile im Aufguss kaum in relevanter Menge ankommen. Ginkgo ist eine Pflanze, bei der nur das Fertigpräparat Sinn ergibt.

Well-established useaber zur Behandlung, nicht zur Vorbeugung
GEM und GuidAgezwei große Studien: keine Demenzvorbeugung bei Gesunden
240 mgdie untersuchte Tagesdosis des Standardextrakts
Unter 5 ppmauf diesen Wert müssen die allergenen Ginkgolsäuren abgereichert sein

IngredientsDas steckt im Blatt

Zwei Stoffgruppen tragen die Wirkung, und beide zusammen ergeben den Extrakt. Die Flavonglykoside - Quercetin-, Kämpferol- und Isorhamnetinderivate, im Standardextrakt auf etwa 24 Prozent eingestellt - wirken antioxidativ und stabilisieren Gefäßwände. Die Terpenlactone - die Ginkgolide A, B, C und das Bilobalid, auf etwa 6 Prozent eingestellt - sind die eigentliche Besonderheit: Ginkgolid B blockiert den plättchenaktivierenden Faktor PAF, einen Botenstoff der Blutgerinnung und der Entzündung. Daraus erklären sich sowohl die durchblutungsfördernde Wirkung als auch das Blutungsrisiko.

Die Ginkgolsäuren sind der problematische Teil. Sie gehören zur selben chemischen Familie wie die Urushiole des Giftefeus und sind starke Kontaktallergene. In der Arzneimittelherstellung werden sie durch spezielle Extraktionsschritte auf unter 5 ppm gesenkt - das ist einer der Gründe, warum die Herstellung eines Ginkgoextrakts aufwendig ist und warum die Studien immer mit einem bestimmten Herstellungsverfahren durchgeführt wurden.

Ein eigenes Kapitel sind die Samen. Die weiblichen Bäume tragen fleischige Samenanlagen, die beim Verrotten stark nach Buttersäure riechen - deshalb pflanzt man in Städten fast nur männliche Bäume. Der Kern darin, die Ginkgonuss, ist in Ostasien eine Delikatesse und wird geröstet gegessen. In größeren Mengen ist er allerdings giftig: Er enthält Ginkgotoxin, einen Gegenspieler von Vitamin B6, der Krampfanfälle auslösen kann. In Japan sind Vergiftungen vor allem bei Kindern dokumentiert. Ein paar Nüsse sind unproblematisch, eine Schale voll nicht.

Verstärkte KombinationenWas beim Ginkgo zählt

Bei dieser Pflanze entscheidet nicht die Kombination, sondern die Form - und eine sehr konkrete Sicherheitsfrage.

Form

mit standardisiertem Extrakt

Nur das Fertigpräparat entspricht dem, was untersucht wurde - Tee und selbst gepflückte Blätter nicht.

Dosis

mit 240 mg täglich

Das ist die Menge, auf die sich die positiven Studien bei leichter Demenz beziehen.

Zeit

mit mindestens acht Wochen

Wie bei allen Extrakten dieser Art baut sich die Wirkung langsam auf.

Diagnose

mit ärztlicher Abklärung

Gedächtnisprobleme haben viele Ursachen - Schilddrüse, Vitamin B12, Depression, Medikamente. Die gehören zuerst geprüft.

Gehstrecke

mit Gehtraining

Bei Durchblutungsstörungen der Beine ist strukturiertes Gehtraining die wirksamste Maßnahme; Ginkgo kommt dazu.

Gefäße

mit Blutdruck- und Zuckereinstellung

Die Basis bei Durchblutungsstörungen sind die Risikofaktoren, nicht die Pflanze.

Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen

Tee

nicht aus selbst gepflückten Blättern

Dort sind die allergenen Ginkgolsäuren noch enthalten und die Dosierung ist unkalkulierbar.

Vorbeugung

nicht zur Demenzprävention

Zwei große Studien haben das geprüft und keinen Effekt gefunden.

Blutverdünner

nicht ohne Rücksprache mit Marcumar & ASS

Ginkgolid B hemmt die Plättchenaggregation - das Blutungsrisiko kann steigen.

Operationen

nicht bis kurz vor dem Eingriff

Mindestens eine Woche vorher absetzen und den Operateur informieren.

Epilepsie

nicht bei Anfallsleiden

Es gibt Berichte über eine Senkung der Krampfschwelle - hier ärztlich abklären.

Samen

nicht die Ginkgonüsse in Mengen

Ginkgotoxin ist ein Vitamin-B6-Gegenspieler und kann Krampfanfälle auslösen.

ApplicationWie er verwendet wird

  • Standardisierter Trockenextrakt240 mg täglich - die Form und Dosis, auf die sich die Studien beziehen.
  • Bei leichter DemenzSymptomatisch und begleitend, nach ärztlicher Abklärung der Ursache.
  • Bei ClaudicatioZur Verbesserung der schmerzfreien Gehstrecke, zusammen mit Gehtraining.
  • Bei Schwindel und TinnitusAls traditionelle Anwendung geführt - die Evidenz ist hier deutlich schwächer.
  • Acht Wochen GeduldVorher lässt sich nicht beurteilen, ob das Präparat etwas bringt.
  • Kein BlätterteeSelbst gepflückte Blätter enthalten allergene Ginkgolsäuren - nicht verwenden.
  • GinkgonüsseIn Ostasien geröstet als Delikatesse - nur wenige Stück, sie sind in Menge giftig.
  • StadtbaumExtrem robust gegen Abgase, Salz und Trockenheit - deshalb überall gepflanzt.
  • Männliche BäumeIn Städten bevorzugt, weil die weiblichen Samenanlagen stark riechen.
  • Vor Operationen absetzenMindestens eine Woche vorher, wegen des Blutungsrisikos.
Faustregel: Zwei Sätze reichen für diese Pflanze: Nimm das standardisierte Fertigpräparat oder gar nichts, und erwarte Behandlung statt Vorbeugung. Gedächtnisprobleme gehören zuerst abgeklärt - dahinter stecken oft Dinge, die sich gut behandeln lassen. Und wer Blutverdünner nimmt oder operiert wird, spricht vorher darüber.

Als HausmittelWas wirklich für den Kopf zählt

So geht’s

Die Maßnahmen mit der besten Datenlage

  1. Bewegung: Mindestens 150 Minuten moderate Ausdauerbewegung pro Woche - zügiges Gehen reicht. Für den Erhalt geistiger Leistungsfähigkeit im Alter ist das die am besten belegte Einzelmaßnahme überhaupt.
  2. Hören und Sehen: Unbehandelte Schwerhörigkeit gilt als einer der größten beeinflussbaren Risikofaktoren für Demenz. Hörtest machen, Hörgeräte nutzen, Brille anpassen lassen.
  3. Blutdruck, Blutzucker, Schlaf: Gut eingestellter Blutdruck im mittleren Lebensalter, behandelter Diabetes und ausreichender Schlaf schützen die Gefäße im Gehirn genauso wie die am Herzen.
  4. Kontakt und Anregung: Regelmäßiger sozialer Austausch und geistig fordernde Tätigkeiten sind in Beobachtungsstudien konsistent mit besserer kognitiver Leistung verbunden. Ginkgo kann begleiten - ersetzen kann es nichts davon.
Wofür

Für alle, die etwas für ihr Gedächtnis tun wollen. Wir schreiben hier bewusst kein Teerezept hin, weil es bei dieser Pflanze keines gibt, das wir verantworten könnten - und weil die ehrliche Antwort auf die Frage „was hilft dem Kopf“ nicht in einer Tasse steht. Die aufgeführten Maßnahmen haben eine ungleich bessere Datenlage als jedes pflanzliche Präparat, und sie kosten nichts.

Menge

Dauerhaft, nicht kurweise. Wenn du zusätzlich Ginkgo nehmen möchtest, dann als standardisiertes Präparat aus der Apotheke, in ausreichender Dosis und über mindestens acht Wochen - und nicht ohne ärztliche Abklärung, wenn tatsächlich Gedächtnisprobleme bestehen. Neu aufgetretene Verwirrtheit, plötzliche Wortfindungsstörungen, einseitige Schwäche oder Sehstörungen sind ein Notfall und kein Fall für ein Präparat.

Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen

Ayurveda

Der Ginkgo ist im Ayurveda nicht vertreten - er ist ein ostasiatischer Baum. Die ayurvedische Pflanze mit vergleichbarer Rolle ist Brahmi (Bacopa monnieri), die als Medhya Rasayana gilt, also als Mittel zur Stärkung von Geist und Gedächtnis, und für die es ebenfalls moderne Untersuchungen mit kleinen Effekten gibt. Zwei Kulturen, zwei Pflanzen, dieselbe Fragestellung - und in beiden Fällen bescheidene Ergebnisse.

Traditional Chinese Medicine

In der chinesischen Materia Medica ist nicht das Blatt, sondern der Samen die klassische Droge: Bai Guo, süß, bitter, herb und neutral, den Funktionskreisen Lunge und Niere zugeordnet, eingesetzt bei Husten mit Auswurf, Asthma und häufigem Wasserlassen. Er gilt dort ausdrücklich als leicht giftig und wird in begrenzter Menge und immer gekocht verwendet. Die Blattanwendung, wie wir sie kennen, ist eine europäische Entwicklung des 20. Jahrhunderts.

WarnhinweiseWann du aufpassen solltest

Bitte beachten

  • Nur Fertigpräparat: selbst gepflückte Blätter und Ginkgotee enthalten allergene Ginkgolsäuren und sind nicht dosierbar.
  • Blutungsrisiko: Ginkgolid B hemmt die Blutplättchen - mit Marcumar, ASS und anderen Gerinnungshemmern ärztlich abklären.
  • Vor Operationen: mindestens eine Woche vorher absetzen und den Operateur informieren.
  • Keine Vorbeugung: zwei große Studien (GEM, GuidAge) fanden keinen Nutzen zur Demenzprävention bei Gesunden.
  • Epilepsie: es gibt Berichte über eine Senkung der Krampfschwelle - bei Anfallsleiden vorher abklären.
  • Ginkgonüsse: in größeren Mengen giftig - Ginkgotoxin wirkt als Vitamin-B6-Gegenspieler und kann Krämpfe auslösen.

Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.

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SourcesWorauf sich das stützt

  1. EMA/HMPC: European Union herbal monograph on Ginkgo biloba L., folium - well-established use für standardisierte Trockenextrakte.
  2. DeKosky ST et al. Ginkgo biloba for prevention of dementia: a randomized controlled trial (GEM Study). JAMA 2008; 300(19): 2253–2262.
  3. Vellas B et al. Long-term use of standardised Ginkgo biloba extract for the prevention of Alzheimer’s disease (GuidAge): a randomised placebo-controlled trial. Lancet Neurology 2012; 11(10): 851–859.
  4. Tan MS et al. Efficacy and adverse effects of Ginkgo biloba for cognitive impairment and dementia: a systematic review and meta-analysis. Journal of Alzheimer’s Disease 2015; 43(2): 589–603.
  5. Livingston G et al. Dementia prevention, intervention, and care: Lancet Commission report. Lancet - zu den beeinflussbaren Risikofaktoren.