OriginDer Pilz, der aussieht wie ein Wasserfall

Ein weißer, zotteliger Klumpen an einem alten Buchenstamm - wer ihn einmal gesehen hat, verwechselt ihn nie.
Hericium erinaceus ist ein Baumpilz, der an geschwächten oder toten Laubbäumen wächst, in Europa vor allem an alten Buchen und Eichen. Sein Fruchtkörper ist ein weißer, halbkugeliger Klumpen, von dem lange, weiche Stacheln herabhängen - wie ein gefrorener Wasserfall oder eben eine Mähne. Er wird bis zu vierzig Zentimeter groß und ist mit nichts zu verwechseln.
Die deutschen Namen beschreiben die Form: Igelstachelbart ist der botanisch korrekte, Affenkopfpilz der bildhafte. Auf Chinesisch heißt er Hou Tou Gu - Affenkopfpilz –, auf Japanisch Yamabushitake nach den Yamabushi, den Bergasketen des Shugendō, deren Gewand ähnliche Quasten trägt. In der chinesischen Küche gehört er zu den vier berühmten Pilzen und war traditionell dem Kaiserhof vorbehalten.
In Deutschland ist der Igelstachelbart selten geworden, weil ihm der Lebensraum fehlt: Er braucht alte, starke Laubbäume mit Wunden und Totholzanteil, und die sind in bewirtschafteten Wäldern rar. Er steht deshalb auf der Roten Liste und ist nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt - Wildvorkommen dürfen nicht gesammelt werden. Die gute Nachricht: Er lässt sich hervorragend kultivieren, wächst auf Laubholzsubstrat und ist in guten Gemüseläden und bei Pilzzüchtern frisch erhältlich. Wer ihn probieren will, kauft ihn also - oder zieht ihn selbst.
NutzenEin interessanter Laborbefund und wenige kleine Studien
Für die Löwenmähne gibt es keine Arzneimonographie; sie ist ein Lebensmittel und ein Nahrungsergänzungsmittel. Der Grund für ihre Popularität ist ein konkreter Laborbefund: Zwei Gruppen von Inhaltsstoffen - Hericenone aus dem Fruchtkörper und Erinacine aus dem Myzel - regen in Zellkulturen die Bildung des Nervenwachstumsfaktors NGF an. NGF ist ein Protein, das Überleben und Auswachsen von Nervenzellen unterstützt. Das ist ein gut dokumentierter In-vitro-Effekt und der Ausgangspunkt der gesamten Forschung.
Der Sprung von dort zum Menschen ist allerdings weit, und er ist nicht gemacht. Ein zentrales Problem: Erinacine, die stärkeren NGF-Induktoren, kommen im Myzel vor, nicht im Fruchtkörper; Hericenone im Fruchtkörper sind schwächer. Und ob NGF-Induktoren aus dem Darm überhaupt ins Gehirn gelangen - die Blut-Hirn-Schranke ist für große Moleküle undurchlässig –, ist eine offene Frage, die die meisten Werbetexte überspringen.
Humanstudien gibt es wenige. Die meistzitierte ist eine japanische randomisierte, placebokontrollierte Studie von 2009 mit dreißig älteren Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung, in der sich die Testwerte unter Löwenmähne über sechzehn Wochen verbesserten - und nach Absetzen wieder zurückgingen. Das ist ein interessantes Ergebnis mit dreißig Teilnehmern. Eine kleine japanische Studie zu Stimmung und Angst bei Frauen fand ebenfalls Verbesserungen. Beide sind klein, kurz und nicht in größerem Maßstab repliziert. Übersichtsarbeiten stufen die Evidenz einheitlich als unzureichend ein.
Unsere Einschätzung: Die Löwenmähne ist ein exzellenter Speisepilz mit einem faszinierenden Forschungsansatz und ohne belegte Wirkung beim Menschen. Wenn du sie isst, weil sie hervorragend schmeckt, machst du nichts falsch. Wenn du sie als Mittel gegen Demenz oder Konzentrationsprobleme kaufst, kaufst du eine Hypothese. Und wer Sorgen um sein Gedächtnis hat, gehört untersucht - Gedächtnisstörungen haben viele behandelbare Ursachen, von der Schilddrüse über Vitamin-B12-Mangel bis zur Depression.
IngredientsFruchtkörper oder Myzel - hier zählt der Unterschied
Die beiden interessanten Stoffgruppen sitzen an verschiedenen Orten. Hericenone - benannt nach der Gattung - finden sich im Fruchtkörper, also im essbaren weißen Klumpen. Erinacine, die in Zellversuchen stärkeren NGF-Induktoren, kommen im Myzel vor, dem Pilzgeflecht im Substrat. Kein Produkt enthält beide in nennenswerter Menge, und welches der beiden im Präparat steckt, steht selten auf der Packung.
Das führt zu einer verzwickten Marktlage. Fruchtkörperextrakte sind substanziell und enthalten die Beta-Glucane und Hericenone, aber wenig Erinacine. Myzelprodukte - meist auf Getreide gezogen - enthalten Erinacine, aber auch einen erheblichen Anteil Substrat, also Getreidestärke. Ein Produkt, das mit den NGF-Studien wirbt und aus Fruchtkörper besteht, beruft sich auf Befunde, die mit anderen Stoffen erzielt wurden. Wer genau hinsieht, findet das auf vielen Packungen.
Daneben enthält der Pilz die für Pilze typischen Beta-Glucane, Ergosterol als Vitamin-D-Vorstufe und - wie alle Pilze - Chitin in der Zellwand. Chitin ist der Grund, warum Pilzpulver schlechter verwertbar ist als ein Heißwasserextrakt: Die Zellwand muss aufgeschlossen werden, damit die Inhaltsstoffe freikommen. „Extrakt“ statt „Pulver“ ist deshalb auch hier das bessere Stichwort.
Als Lebensmittel ist die Löwenmähne unproblematisch und interessant: sehr eiweißreich für einen Pilz, kalorienarm, mit einer faserigen Struktur, die beim Braten tatsächlich an Krabben- oder Hummerfleisch erinnert. Das ist kein Marketing, sondern eine Beobachtung, die fast jeder macht, der sie zum ersten Mal isst - und der Grund, warum sie in der pflanzlichen Küche als Fleischersatz beliebt geworden ist.
Verstärkte KombinationenIn der Pfanne und im Regal
Die Löwenmähne ist der einzige Vitalpilz, bei dem wir die Küche vor die Kapsel stellen - weil sie dort tatsächlich etwas Besonderes ist.
In dicke Scheiben schneiden, kräftig in Butter anbraten, bis sie goldbraun sind. Die faserige Struktur und der leicht süßliche Geschmack erinnern an Krabben.
Wie Meeresfrüchte behandeln: Butter, Knoblauch, Zitrone, Petersilie. Das ist die Zubereitung, die den Vergleich mit Hummer verständlich macht.
Als Fleisch- und Meeresfrüchte-Ersatz hervorragend - gezupft und gebraten hat sie eine Textur, die kaum ein anderes Gemüse liefert.
Die Chitin-Zellwand muss aufgeschlossen sein. Heißwasserextrakt ist substanzieller als reines Pulver.
Hericenone sitzen im Fruchtkörper, Erinacine im Myzel. Wer mit NGF-Studien wirbt, sollte sagen, welches drin ist.
Sie lässt sich gut selbst züchten - Fertigkulturen auf Laubholzsubstrat gibt es im Handel und funktionieren auch in der Wohnung.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Der Igelstachelbart steht auf der Roten Liste und ist besonders geschützt. Wildvorkommen bleiben stehen; Zuchtware ist überall erhältlich.
Die NGF-Befunde stammen aus Zellkulturen. Am Menschen gibt es zwei kleine Studien. Das trägt keine Empfehlung zur Vorbeugung von Demenz.
Gedächtnisstörungen haben oft behandelbare Ursachen - Schilddrüse, B12-Mangel, Depression, Medikamente, Schlafapnoe. Die gehören gesucht.
Für einige Vitalpilze sind Effekte auf die Thrombozytenfunktion beschrieben. Bei Antikoagulanzien vorher ärztlich klären.
Allergische Reaktionen auf Speisepilze sind möglich; bei bekannter Pilzallergie vorsichtig probieren.
Chitin ist unverdaulich. Reines Pilzpulver liefert deutlich weniger als ein Extrakt.
Zu welchem GerichtEin Speisepilz, der wie Meeresfrüchte schmeckt
- GebratenIn dicke Scheiben geschnitten, kräftig in Butter angebraten - die beste und einfachste Zubereitung.
- GezupftIn Fasern gezupft und scharf angebraten; die Textur erinnert an Krabbenfleisch.
- KrabbenkuchenAls Basis für vegetarische crab cakes - gezupft, gewürzt, paniert.
- Mit ZitroneWie Meeresfrüchte mit Butter, Knoblauch, Zitrone und Petersilie.
- RisottoAm Ende untergehoben; sie gibt Struktur, ohne zu zerfallen.
- SuppeIn klarer Brühe mit Ingwer - die ostasiatische Zubereitung.
- TrocknenGetrocknet und wieder eingeweicht verliert sie viel Textur; frisch ist deutlich besser.
- Selbst züchtenFertigkulturen auf Laubholzsubstrat funktionieren auch in der Wohnung.
- ExtraktFür die Nahrungsergänzung: Heißwasserextrakt mit Angabe des Pilzteils.
- Nicht sammelnWildvorkommen sind in Deutschland geschützt.
Als HausmittelDie beste Anwendung ist die Pfanne
Löwenmähne wie Meeresfrüchte
- Frische Löwenmähne aus der Zucht besorgen - Wildvorkommen sind in Deutschland geschützt und bleiben stehen.
- Nicht waschen, nur abbürsten oder mit einem feuchten Tuch abreiben. Pilze saugen Wasser auf, und Wasser verhindert das Bräunen.
- In etwa anderthalb Zentimeter dicke Scheiben schneiden oder mit den Fingern in grobe Fasern zupfen.
- In einer heißen Pfanne mit Butter oder Öl braten - und dranbleiben, bis sie deutlich goldbraun ist. Das dauert länger, als man denkt, weil zuerst viel Wasser austritt.
- Erst am Ende salzen (Salz zieht Wasser) und mit Knoblauch, Zitronensaft und Petersilie abschmecken.
- Als Beilage, auf Brot, in Pasta oder als Basis für vegetarische Krabbenküchlein. Wer sie so einmal gegessen hat, versteht, warum wir die Küche vor die Kapsel stellen.
Als hervorragender Speisepilz mit ungewöhnlicher Textur und eigenem Geschmack. Für die beworbene Wirkung auf Gedächtnis und Nerven gibt es interessante Laborbefunde, aber keine belastbaren Humandaten.
Als Lebensmittel nach Belieben. Für Extraktpräparate gibt es keine behördlich geprüfte Dosierungsempfehlung; in der meistzitierten Studie wurden 3 g täglich verwendet. Bei Gerinnungshemmung vorher ärztlich klären.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Die Löwenmähne ist im Ayurveda nicht vertreten - Pilze spielen dort insgesamt eine untergeordnete Rolle. Für Gedächtnis und geistige Klarheit sind die klassischen Pflanzen Brahmi (Bacopa monnieri), Mandukaparni (Gotu Kola) und Shankhpushpi, die alle der Gruppe der Medhya Rasayana zugeordnet werden - der Mittel für den Verstand. Die Kategorie gibt es also, der Pilz gehört nicht dazu.
Traditional Chinese Medicine
In China ist Hou Tou Gu seit Langem bekannt und wird traditionell nicht dem Gehirn, sondern der Verdauung zugeordnet: als süß und neutral, mit Bezug zu Milz, Magen, Herz und Niere, eingesetzt bei Magenbeschwerden und Geschwüren. Die Verbindung zu Gedächtnis und Nerven ist eine moderne, aus der japanischen Laborforschung stammende Zuschreibung. Er zählt außerdem zu den „vier berühmten Gerichten“ der chinesischen Küche, neben Bärentatze, Seegurke und Haifischflosse - wobei er als einziger davon heute uneingeschränkt empfehlenswert ist.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Wildvorkommen sind geschützt: Der Igelstachelbart steht in Deutschland auf der Roten Liste und darf nicht gesammelt werden. Zuchtware ist überall erhältlich.
- Keine belegte Wirkung auf das Gedächtnis: Die NGF-Befunde stammen aus Zellkulturen; am Menschen gibt es zwei kleine Studien. Das trägt keine Empfehlung.
- Gedächtnisprobleme abklären lassen: Sie haben oft behandelbare Ursachen - Schilddrüse, B12-Mangel, Depression, Medikamente, Schlafapnoe.
- Pilzteil beachten: Hericenone sitzen im Fruchtkörper, Erinacine im Myzel. Produkte, die mit NGF-Studien werben, sollten angeben, welches enthalten ist.
- Gerinnungshemmer: Für einige Vitalpilze sind Effekte auf die Thrombozytenfunktion beschrieben - bei Antikoagulanzien vorher klären.
- Pilzallergie: Allergische Reaktionen sind möglich; bei bekannter Pilzallergie vorsichtig probieren.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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SourcesWorauf sich das stützt
- Mori K. et al.: Improving effects of the mushroom Yamabushitake (Hericium erinaceus) on mild cognitive impairment - a double-blind placebo-controlled clinical trial. Phytotherapy Research 2009.
- Nagano M. et al.: Reduction of depression and anxiety by 4 weeks Hericium erinaceus intake. Biomedical Research 2010.
- Friedman M.: Chemistry, nutrition, and health-promoting properties of Hericium erinaceus. Journal of Agricultural and Food Chemistry 2015.
- Bundesamt für Naturschutz: Rote Liste der Großpilze Deutschlands, Eintrag Hericium erinaceus.
- Kawagishi H. et al.: Erinacines and hericenones - NGF-synthesis stimulating compounds from Hericium erinaceum. Tetrahedron Letters 1991 und 1994.


