Steinklee (Melilotus officinalis)

Botanischer Name
Melilotus officinalisHülsenfrüchtler (Fabaceae)
Verwendeter Teil
Krautblühende oberirdische Teile
Leitstoff
Cumarinder Heu- und Waldmeisterduft
Einstufung
Kommission E positivchronisch-venöse Insuffizienz, äußerlich Prellungen
Historisch bedeutsam
Warfarinentdeckt an verschimmeltem Steinklee
Blütezeit
Juni bis Septembergelb, an Wegrändern und Bahndämmen

OriginDie Rinder von Wisconsin

Steinklee gelbe Blüten Nahaufnahme

Ein kanadischer Tierarzt und ein Eimer voll ungeronnenem Blut standen am Anfang der modernen Gerinnungshemmung.

Melilotus officinalis ist ein zweijähriger Schmetterlingsblütler, der bis zu anderthalb Meter hoch wird und lockere Trauben kleiner gelber Blüten trägt. Er wächst auf Schutt, an Bahndämmen, Wegrändern und auf Rohböden - eine Pionierpflanze, die als Leguminose Stickstoff bindet und deshalb auf nährstoffarmen Flächen im Vorteil ist. Früher wurde er als Gründünger und Viehfutter angebaut, und genau diese Nutzung führte zu der Geschichte, die ihn berühmt machte.

In den 1920er Jahren traten in Nordamerika gehäuft Fälle auf, in denen Rinder nach kleinen Verletzungen oder Enthornungen verbluteten. Der kanadische Tierpathologe Frank Schofield fand die Ursache: verschimmeltes Steinkleeheu. Die Erkrankung bekam den Namen sweet clover disease. In den 1930er Jahren brachte ein verzweifelter Farmer aus Wisconsin eine tote Kuh, eine Milchkanne mit ungeronnenem Blut und einen Arm voll verdorbenen Heus zu Karl Paul Link an die Universität Wisconsin. Link und seine Gruppe isolierten daraus den gerinnungshemmenden Stoff: Dicumarol.

Aus dieser Arbeit entstand eine Substanzfamilie, aus der die Cumarin-Antikoagulanzien hervorgingen - zuerst als Rattengift vermarktet unter dem Namen Warfarin, benannt nach der Wisconsin Alumni Research Foundation, später als eines der wichtigsten Medikamente des 20. Jahrhunderts. Millionen Menschen mit Vorhofflimmern, künstlichen Herzklappen und Thrombosen verdanken ihre Behandlung einem Eimer ungeronnenen Rinderbluts. Für unsere Zwecke ist die Geschichte doppelt lehrreich: Sie zeigt, wie Naturstoffforschung funktioniert - und sie erklärt in einem Satz, warum verschimmelter Steinklee gefährlich ist und frischer nicht.

NutzenVenen und Blutergüsse - eine überschaubare, aber reale Anwendung

Die Kommission E hat für Steinkleekraut eine positive Monographie mit zwei Richtungen ausgestellt. Innerlich: Beschwerden bei chronisch-venöser Insuffizienz - Schmerzen und Schweregefühl in den Beinen, nächtliche Wadenkrämpfe, Juckreiz, Schwellung - sowie unterstützend bei Thrombophlebitis, Hämorrhoiden und Lymphstau. Äußerlich: Prellungen, Verstauchungen und oberflächliche Blutergüsse. Eine EMA-Monographie gibt es bislang nicht, was bedeutet, dass die europäische Bewertung auf dem älteren deutschen Stand beruht.

Die Wirkungsvermutung geht dahin, dass die Cumarine - zusammen mit Flavonoiden - die Durchlässigkeit der kleinen Gefäße verringern und den Abtransport von Gewebsflüssigkeit über das Lymphsystem verbessern. In der Folge soll Schwellung zurückgehen. Für Cumarin gibt es entsprechende Untersuchungen zum Lymphödem; sie stammen überwiegend aus den 1980er und 90er Jahren und wurden mit isoliertem Cumarin in deutlich höheren Dosen gemacht als in einem Steinkleetee.

Genau an dieser Stelle gab es einen Rückschlag, den man kennen muss. Ein hochdosiertes Cumarin-Präparat gegen Lymphödem musste in den 1990er Jahren vom Markt genommen werden, nachdem Fälle von Leberschäden aufgetreten waren - eine australische Studie mit mehreren hundert Teilnehmerinnen musste wegen Hepatotoxizität abgebrochen werden. Das betraf isoliertes, hochdosiertes Cumarin, nicht Steinkleetee, aber es hat die gesamte Cumarin-Therapie in Misskredit gebracht und erklärt, warum die Monographie-Dosis deutlich niedriger liegt und warum die Anwendung zeitlich begrenzt sein sollte.

Praktisch heißt das: Steinklee ist eine sinnvolle begleitende Option bei schweren, müden Beinen - neben Kompression, Bewegung und Hochlagern, die alle besser belegt sind als jede Pflanze. Bei akuter Thrombose, einseitiger Beinschwellung mit Schmerz und Überwärmung, oder bei Atemnot mit Brustschmerz ist er keine Option, sondern ein Zeitverlust. Diese Zeichen sind ein Notfall.

0,4 - 1 %Cumarin im getrockneten Kraut
3 - 30 mgCumarin als Tagesdosis nach Kommission E
1922Beschreibung der sweet clover disease
1954Zulassung von Warfarin als Arzneimittel

IngredientsCumarin, Melilotosid und ein wichtiger Unterschied

In der lebenden Steinkleepflanze ist kaum freies Cumarin enthalten. Es liegt als Melilotosid vor, ein glykosidisch gebundener Vorläufer ohne Geruch. Erst wenn die Pflanze verletzt wird oder trocknet, spalten Enzyme das Glykosid, und aus dem freigesetzten Baustein entsteht Cumarin. Deshalb riecht frischer Steinklee auf der Wiese kaum, angetrocknetes Heu dagegen intensiv - derselbe Effekt wie beim Waldmeister, der erst welk seinen Duft entwickelt.

Cumarin selbst ist kein Gerinnungshemmer. Das ist ein weit verbreiteter Irrtum, und er lohnt eine klare Trennung: Cumarin ist ein Aromastoff, den wir aus Waldmeister, Tonkabohne und Zimt kennen. Der Gerinnungshemmer ist Dicumarol, ein Dimer aus zwei Cumarin-Bausteinen, und dieses Dicumarol entsteht ausschließlich dann, wenn Schimmelpilze - vor allem Penicillium– und Aspergillus-Arten - das Pflanzenmaterial befallen. Intakter, sauber getrockneter Steinklee enthält kein Dicumarol. Verschimmelter enthält es, und deshalb ist die Regel so eindeutig: Steinklee muss sauber und schnell getrocknet werden, und bei muffigem Geruch oder sichtbarem Belag gehört der ganze Vorrat weg.

Neben dem Cumarin und seinen Vorstufen enthält das Kraut Flavonoide, Saponine, Gerbstoffe und Schleimstoffe. Die Flavonoide werden bei der Wirkung auf die Gefäßdurchlässigkeit mitgedacht, sind aber nicht separat untersucht.

Für den Umgang mit Cumarin gibt es zusätzlich einen lebensmittelrechtlichen Kontext. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat für Cumarin einen tolerierbaren täglichen Aufnahmewert von 0,1 mg pro Kilogramm Körpergewicht festgelegt, weil hohe Dosen bei empfindlichen Personen die Leber belasten können - die bekannteste Diskussion dazu betrifft Cassia-Zimt in Zimtsternen. Ein Steinkleetee nach Monographiedosis liegt in einer ähnlichen Größenordnung wie eine reichliche Zimtportion; das ist handhabbar, aber ein Grund, nicht literweise und nicht monatelang zu trinken.

Verstärkte KombinationenWas mit Steinklee zusammenpasst

Bei Venenbeschwerden sind die wirksamsten Maßnahmen nicht pflanzlich. Steinklee kann begleiten - und tut das am besten neben diesen Dingen.

Venen

Steinklee + Kompressionsstrümpfe

Die Kompression ist die mit Abstand bestbelegte Maßnahme bei chronisch-venöser Insuffizienz. Steinklee ist die Begleitung, nicht der Ersatz - wer das umdreht, macht es falsch herum.

Venen

Steinklee + Bewegung und Hochlagern

Wadenmuskelpumpe und Hochlagern sind kostenlos und wirksam. Jede pflanzliche Anwendung wirkt neben diesen Maßnahmen, nicht anstelle.

Venen

Steinklee + Rosskastanie

Rosskastaniensamenextrakt ist bei chronisch-venöser Insuffizienz die besser untersuchte Pflanze, mit mehreren kontrollierten Studien und einem Cochrane-Review. Wer eine Pflanze wählen muss, wählt sie.

Prellung

Steinklee + Umschlag und Kühlung

Äußerlich bei Prellungen und Blutergüssen: ein Aufguss als kühler Umschlag. In den ersten Stunden zählt vor allem die Kühlung selbst.

Lymphe

Steinklee + Lymphdrainage

Bei Lymphstau ist die manuelle Lymphdrainage plus Kompression die Standardbehandlung. Steinklee kann begleiten - die Therapie ist sie nicht.

Trocknung

Steinklee + schnelles, luftiges Trocknen

Der wichtigste Verarbeitungsschritt überhaupt. Dünn ausgebreitet, luftig, zügig - nie in dicken Bündeln, in denen es im Inneren feucht bleibt.

Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen

Schimmel

Steinklee + verdorbenes oder feuchtes Material

Die zentrale Regel dieser Seite. Aus verschimmeltem Steinklee entsteht Dicumarol, ein echter Gerinnungshemmer. Bei muffigem Geruch, Belag oder Verfärbung den ganzen Vorrat entsorgen - nichts abschneiden, nichts retten.

Gerinnung

Steinklee + Marcumar, DOAK oder ASS

Bei laufender Gerinnungshemmung hat Steinklee nichts zu suchen. Das gilt auch vor geplanten Operationen - zwei Wochen vorher absetzen.

Leber

Steinklee + bestehende Lebererkrankung

Cumarin kann bei empfindlichen Personen die Leber belasten. Bei bekannter Lebererkrankung ist die innerliche Anwendung nicht angezeigt.

Notfall

Steinklee + einseitig geschwollenes, schmerzendes Bein

Das ist ein Thrombose-Verdacht und ein Notfall. Ebenso Atemnot mit Brustschmerz. Sofort ärztlich abklären lassen, nicht behandeln.

Length of time

Steinklee + monatelange Einnahme

Wegen der Cumarinbelastung ist die Anwendung zeitlich zu begrenzen. Ein paar Wochen, dann Pause - keine Dauertherapie.

Schwangerschaft

Steinklee + Schwangerschaft und Stillzeit

Ohne Daten und mit einem Cumaringehalt, der in der Schwangerschaft grundsätzlich kritisch gesehen wird: nicht anwenden.

ApplicationAnwendung - und ein paar Randnotizen

  • Venentee1 bis 2 g Kraut pro Tasse, zehn Minuten ziehen lassen, zwei Tassen täglich über wenige Wochen.
  • UmschlagStarker Aufguss, abgekühlt, als Umschlag auf Prellung oder Bluterguss - zwanzig Minuten.
  • SalbeIn Fertigpräparaten wird Steinkleeextrakt für Venengele und -salben verwendet.
  • TeemischungMit Rosskastanie und Weinlaub als Venenmischung - wobei die Rosskastanie die tragende Komponente ist.
  • CheeseIm Schweizer Schabziger ist der verwandte Schabzigerklee Trigonella caerulea das Gewürz - nicht der gelbe Steinklee.
  • DuftkissenGetrocknetes Kraut riecht kräftig nach Heu und wurde traditionell in Wäscheschränke gelegt.
  • BienenweideEine hervorragende Trachtpflanze: Steinkleehonig ist hell, mild und in Nordamerika eine eigene Sortenbezeichnung.
  • GründüngerAls Leguminose bindet er Stickstoff und erschließt mit der tiefen Pfahlwurzel verdichtete Böden.
  • TrocknungDünn ausgebreitet, luftig, zügig. Der wichtigste Arbeitsschritt - und der, bei dem alles schiefgehen kann.
  • LagerkontrolleVor jeder Verwendung riechen und ansehen. Muffig oder belegt heißt: weg damit.
Faustregel: Der Heugeruch ist das Qualitätsmerkmal: frisch, süßlich, nach Waldmeister. Alles, was dumpf, muffig oder erdig riecht, ist verdorben - und verdorbener Steinklee ist die einzige Form dieser Pflanze, die wirklich gefährlich ist.

Als HausmittelDer Umschlag bei Prellung und Bluterguss

So geht’s

Steinklee-Auflage

  1. Zuerst die Qualität prüfen: Das Kraut muss frisch nach Heu riechen. Muffiger Geruch, dunkle Flecken oder ein Belag bedeuten Schimmel - dann den gesamten Vorrat entsorgen und nichts davon verwenden.
  2. Für einen Umschlag 5 g Kraut mit 250 ml kochendem Wasser übergießen und zugedeckt fünfzehn Minuten ziehen lassen.
  3. Abseihen und vollständig abkühlen lassen. Bei einer frischen Prellung ist die Kühlung der wichtigste Teil der Anwendung.
  4. Ein sauberes Baumwolltuch tränken, ausdrücken und zwanzig Minuten auf die betroffene Stelle legen. Zwei- bis dreimal täglich.
  5. Für die innerliche Anwendung bei schweren Beinen: 1 bis 2 g Kraut pro Tasse, zehn Minuten ziehen lassen, zwei Tassen täglich - und zwar begleitend zu Kompression, Bewegung und Hochlagern.
  6. Nach zwei bis drei Wochen pausieren. Bei einseitiger Beinschwellung mit Schmerz, Überwärmung oder Rötung sofort abbrechen und ärztlich abklären lassen - das kann eine Thrombose sein.
Wofür

Äußerlich bei Prellungen, Verstauchungen und oberflächlichen Blutergüssen; innerlich begleitend bei Beschwerden durch Venenschwäche - schwere, müde Beine, Spannungsgefühl, nächtliche Wadenkrämpfe.

Menge

Innerlich entsprechend 3 bis 30 mg Cumarin täglich nach Kommission E, also etwa 1 bis 2 g Kraut pro Tasse und höchstens zwei Tassen. Nicht bei Gerinnungshemmung, nicht bei Lebererkrankung, nicht in Schwangerschaft und Stillzeit, und nicht über Monate.

Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen

Ayurveda

Der gelbe Steinklee ist im Ayurveda nicht vertreten. Seine Gattungsverwandtschaft führt aber direkt zu einer zentralen ayurvedischen Pflanze: Trigonella foenum-graecum, der Bockshornklee, gehört in dieselbe Verwandtschaftsgruppe der Schmetterlingsblütler und ist dort als Methika eine tägliche Küchen- und Arzneipflanze. Der blaue Schabzigerklee Trigonella caerulea, mit dem Steinklee häufig verwechselt wird, ist ebenfalls ein naher Verwandter.

Traditional Chinese Medicine

In der chinesischen Materia medica spielt Melilotus keine nennenswerte Rolle. Für Beschwerden, die wir als Venen- und Lymphstau beschreiben, kennt die TCM ein eigenes Konzept - „Blut-Stagnation“ und „Feuchtigkeit“ - und behandelt es mit blutbewegenden und ausleitenden Drogen wie Dan Shen and Yi Yi Ren. Die Beobachtung, dass geschwollene, schwere Beine mit stockender Zirkulation zu tun haben, ist in beiden Systemen dieselbe; die Mittel sind völlig verschiedene.

WarnhinweiseWann du aufpassen solltest

Bitte beachten

  • Niemals verschimmeltes Material: Aus verdorbenem Steinklee entsteht Dicumarol, ein wirksamer Gerinnungshemmer. Bei muffigem Geruch, Verfärbung oder Belag den gesamten Vorrat entsorgen.
  • Nicht bei Gerinnungshemmung: Marcumar, DOAK, ASS in Dauertherapie - hier hat Steinklee nichts zu suchen. Vor geplanten Operationen zwei Wochen vorher absetzen.
  • Leber beachten: Cumarin kann bei empfindlichen Personen die Leber belasten. Bei bekannter Lebererkrankung nicht innerlich anwenden, und die Anwendung zeitlich begrenzen.
  • Thrombosezeichen sind ein Notfall: Einseitig geschwollenes, schmerzendes, überwärmtes Bein oder Atemnot mit Brustschmerz - sofort ärztlich abklären, nicht selbst behandeln.
  • Nicht in Schwangerschaft und Stillzeit: Es fehlen Daten, und Cumarin wird in dieser Zeit grundsätzlich kritisch gesehen.
  • Kompression schlägt Pflanze: Bei Venenschwäche sind Kompression, Bewegung und Hochlagern die belegten Maßnahmen. Steinklee begleitet sie, ersetzt sie nicht.

Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.

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SourcesWorauf sich das stützt

  1. Kommission E, Monographie „Meliloti herba“, BAnz Nr. 50 vom 13.03.1986.
  2. Link K.P.: The discovery of dicumarol and its sequels. Circulation 1959 - Originaldarstellung der Warfarin-Geschichte.
  3. Loprinzi C.L. et al.: Lack of effect of coumarin in women with lymphedema after treatment for breast cancer. New England Journal of Medicine 1999 - Abbruch wegen Lebertoxizität.
  4. Bundesinstitut für Risikobewertung: Stellungnahme zu Cumarin in Lebensmitteln, tolerierbare tägliche Aufnahmemenge.
  5. Blaschek W. (Hrsg.): Wichtl - Teedrogen und Phytopharmaka, Kapitel Meliloti herba.