OriginEine heimische Art und zwei sehr erfolgreiche Einwanderer

Die Goldruten, die im Spätsommer ganze Bahndämme gelb färben, sind fast nie die heimische Art.
Solidago virgaurea, die Echte oder Gewöhnliche Goldrute, ist ein heimischer Korbblütler, der in lichten Wäldern, an Waldrändern, auf Heiden und Magerrasen wächst. Sie wird sechzig bis hundert Zentimeter hoch und trägt eine lockere, schmale Rispe goldgelber Blütenkörbchen. Sie ist eine Einzelgängerin: Man findet sie in kleinen Gruppen, nicht in Massenbeständen. Der Gattungsname kommt von solidare, „festmachen, heilen“ - ein Hinweis auf ihre alte Verwendung als Wundkraut.
Daneben gibt es die beiden nordamerikanischen Arten, die Kanadische Goldrute Solidago canadensis und die Späte oder Riesen-Goldrute Solidago gigantea. Sie kamen im 17. und 18. Jahrhundert als Zierpflanzen nach Europa, verwilderten und gehören heute zu den erfolgreichsten Neophyten überhaupt. Sie werden bis zu zweieinhalb Meter hoch, bilden dichte Bestände mit ausgedehnten Wurzelausläufern und verdrängen auf Brachflächen, Bahndämmen und Ruderalflächen die heimische Vegetation. Wer im August eine Fläche gelb leuchten sieht, hat fast immer diese beiden vor sich.
Arzneilich werden beide Gruppen verwendet, aber getrennt geführt: Die Monographien unterscheiden zwischen Solidaginis virgaureae herba - der Echten Goldrute - und Solidaginis herba für die eingewanderten Arten. Sie haben ähnliche, aber nicht identische Inhaltsstoffprofile; die Echte Goldrute enthält das Phenolglykosid Leiocarposid, das den anderen Arten fehlt. Für die Wildsammlung ist die Sache praktisch gelöst: Die heimische Art ist selten und sollte stehen bleiben, die eingewanderten stehen in Massen und dürfen geerntet werden.
NutzenDurchspülung - und was das Wort wirklich bedeutet
Die Europäische Arzneimittel-Agentur führt Goldrutenkraut als traditional use zur Steigerung der Harnmenge, um bei leichten Beschwerden im Harntrakt eine Durchspülung zu erreichen. Die Kommission E hatte 1987 eine positive Monographie zur Durchspülungstherapie bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege und zur Vorbeugung von Nierengrieß ausgestellt und zusätzlich die Anwendung bei Harnsteinen genannt. Die Goldrute ist damit neben Liebstöckel und Birke die Standardpflanze dieses Anwendungsgebiets.
Was Durchspülung bedeutet, lohnt eine klare Erklärung, weil das Wort oft missverstanden wird. Es geht nicht darum, Keime abzutöten - das tut die Goldrute nicht. Es geht darum, mehr Urin zu produzieren und häufiger zu entleeren, sodass Bakterien weniger Zeit haben, sich an der Blasenschleimhaut festzusetzen und zu vermehren. Das ist eine mechanische Maßnahme. Und daraus folgt unmittelbar: Ohne ausreichende Trinkmenge - rund zwei Liter am Tag - gibt es nichts durchzuspülen. Ein Goldrutentee ohne Trinkmenge ist wirkungslos.
Wie stark die Goldrute die Harnmenge steigert, ist nicht gut beziffert. Es gibt Tierversuche, die eine diuretische Wirkung zeigen, und pharmakologische Plausibilität über die Flavonoide und Saponine. Kontrollierte Studien am Menschen zur Einzeldroge gibt es praktisch nicht; die vorhandene klinische Literatur betrifft Kombinationspräparate. Die EMA-Einstufung als traditional use spiegelt das genau wider - anerkannt aufgrund langer Anwendung, nicht aufgrund von Wirksamkeitsnachweisen.
Neben der Durchspülung werden der Goldrute entzündungshemmende und krampflösende Eigenschaften zugeschrieben, für die es Laborbefunde gibt; die Saponine sollen zusätzlich die Anheftung von Bakterien an die Blasenschleimhaut erschweren. Das ist interessant, aber nicht klinisch belegt. Die praktische Grenze bleibt dieselbe wie bei allen Durchspülungspflanzen: Sie ist für leichte Beschwerden da. Fieber, Schüttelfrost, Flankenschmerz oder Blut im Urin bedeuten, dass die Infektion die Blase verlassen hat - dann gehört das am selben Tag in die Praxis.
IngredientsFlavonoide, Saponine und ein Stoff, den nur die Echte hat
Die Wirkstoffgruppen der Goldrute sind gut charakterisiert. Flavonoide machen etwa anderthalb Prozent aus, vor allem Rutin, Quercitrin, Isoquercitrin und Astragalin. Rutin ist ein bekanntes Gefäßflavonoid und trägt vermutlich zur entzündungshemmenden Komponente bei. Triterpensaponine vom Virgaureasaponin-Typ kommen mit zwei bis sechs Prozent vor; ihnen wird die harntreibende Wirkung zugeschrieben sowie die im Labor beobachtete Hemmung der bakteriellen Anheftung.
Der Stoff, der die Arten unterscheidet, ist Leiocarposid - ein Phenolglykosid, das in der Echten Goldrute vorkommt und in den nordamerikanischen Arten fehlt. Für Leiocarposid gibt es tierexperimentelle Hinweise auf harntreibende und entzündungshemmende Effekte. Ob dieser Unterschied klinisch relevant ist, ist offen; beide Drogen haben eigene Monographien und werden beide als wirksam angesehen.
Dazu kommen Gerbstoffe mit etwa zehn Prozent, Phenolsäuren wie Chlorogen- und Kaffeesäure sowie ein geringer Anteil ätherisches Öl. Die Gerbstoffe machen den Tee leicht herb, aber deutlich weniger als etwa bei Salbei oder Blutwurz - Goldrutentee ist gut trinkbar und eignet sich für die größeren Mengen, die eine Durchspülung erfordert.
Zur Sammlung: Geerntet wird das blühende Kraut, also die oberen Triebspitzen mit Blättern und Blüten, von Juli bis Oktober. Bei den eingewanderten Arten ist Sammeln unproblematisch und sogar willkommen - sie stehen in großen Beständen an Bahndämmen, Brachen und Waldwegen. Die heimische Echte Goldrute dagegen ist regional selten und sollte stehen bleiben. Erkennungsmerkmal: Die Echte hat eine schmale, lockere Rispe mit vergleichsweise großen Einzelkörbchen; die Kanadische und die Riesen-Goldrute haben breite, überhängende, sehr dichte Rispen mit winzigen Körbchen.
Verstärkte KombinationenDie Goldrute im Einsatz
Die wichtigste Kombination steht in jedem Beipackzettel und wird trotzdem am häufigsten übersehen: Goldrute plus zwei Liter Wasser.
Ohne Trinkmenge findet keine Durchspülung statt. Das ist keine Empfehlung, sondern Voraussetzung - der Tee ist der Anstoß, das Wasser ist die Therapie.
Die klassische Zweierkombination der Durchspülungstherapie, beide flavonoid- und kaliumreich. In vielen Blasen- und Nierentees so enthalten.
Die Dreierkombination des bekanntesten deutschen Blasenpräparats - die Kombination mit der besten Datenlage in diesem Bereich.
Bei wiederkehrenden Blasenentzündungen wird die Durchspülung traditionell als Nachbehandlung eingesetzt - über zwei bis vier Wochen, nachdem der Infekt behandelt wurde.
Kanadische und Riesen-Goldrute stehen in Massen und dürfen geerntet werden. Die heimische Echte Goldrute bleibt besser stehen.
Für Imker sind die eingewanderten Goldruten eine wichtige Spättracht im August und September, wenn sonst wenig blüht - ökologisch bleiben sie trotzdem ein Problem.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Bei Nierenschwäche ist eine Durchspülungstherapie nicht angezeigt. Das ist eine harte Gegenanzeige.
Wassereinlagerungen infolge einer Insuffizienz werden nicht durchgespült - sie gehören ärztlich behandelt.
Fieber, Schüttelfrost, Flankenschmerz oder Blut im Urin bedeuten, dass die Infektion über die Blase hinausgeht. Dann am selben Tag zum Arzt.
Wer auf Beifuß, Kamille, Arnika oder Chrysanthemen reagiert, kann auch auf Goldrute reagieren.
Wer aus medizinischen Gründen wenig trinken darf, macht keine Durchspülungstherapie - ohne Ausnahme.
Beide blühen gelb auf Brachflächen. Jakobskreuzkraut enthält lebertoxische Pyrrolizidinalkaloide und hat ganz anders geformte Blätter und flache Doldenrispen. Im Zweifel nicht sammeln.
ApplicationSammeln, zubereiten, dosieren
- Durchspülungstee2 bis 3 g Kraut pro Tasse, drei bis vier Tassen täglich über den Tag verteilt.
- Blasentee-MischungMit Birkenblättern und Brennnessel zu gleichen Teilen als Vorratsmischung.
- NachbehandlungZwei bis vier Wochen nach einem behandelten Infekt - die traditionelle Anwendung.
- TinkturAlkoholischer Auszug, tropfenweise - weniger gebräuchlich als der Tee.
- FertigpräparatIn Kombination mit Liebstöckel und Rosmarin die am besten untersuchte Form.
- WildsammlungBlühende Triebspitzen der eingewanderten Arten von Juli bis Oktober.
- TrocknungLocker gebündelt kopfüber im Schatten; zu dichte Bündel verderben innen.
- BestimmungEchte Goldrute: schmale, lockere Rispe. Kanadische und Riesen: breite, dichte, überhängende Rispen.
- AbgrenzungJakobskreuzkraut hat flache Doldenrispen und fiederteilige Blätter - nicht verwechseln.
- BienenweideFür Imker eine wichtige Spättracht, ökologisch trotzdem ein Neophytenproblem.
Als HausmittelDie Durchspülung, richtig gemacht
Goldrutentee als Kur
- Voraussetzung prüfen: keine bekannte Nierenschwäche, keine Herzschwäche, keine Wassereinlagerungen, kein Fieber, kein Flankenschmerz, kein Blut im Urin, keine Korbblütler-Allergie.
- 2 bis 3 g getrocknetes Goldrutenkraut - etwa ein bis zwei Teelöffel - pro Tasse abwiegen.
- Mit kochendem Wasser übergießen und zugedeckt zehn Minuten ziehen lassen, dann abseihen.
- Drei bis vier Tassen über den Tag verteilt trinken, aber nicht zu spät am Abend - der Effekt ist mehr Harndrang, und der stört die Nacht.
- Entscheidend: zusätzlich so viel trinken, dass du auf rund zwei Liter Gesamtflüssigkeit kommst. Ohne diese Menge ist der Tee wirkungslos.
- Nach zwei bis vier Wochen beenden. Werden die Beschwerden nicht besser oder kommen Fieber, Schüttelfrost oder Flankenschmerz dazu, gehört das am selben Tag in die Praxis.
Zur Durchspülungstherapie bei leichten Beschwerden der ableitenden Harnwege und zur Vorbeugung von Nierengrieß - sowie als Nachbehandlung nach einem behandelten Harnwegsinfekt.
6 bis 12 g Kraut täglich nach Kommission E, verteilt auf drei bis vier Tassen, über zwei bis vier Wochen. Nicht bei Nieren- oder Herzschwäche mit Ödemen, nicht bei fieberhaftem Infekt, nicht bei eingeschränkter Trinkmenge.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Die Goldrute ist im Ayurveda nicht vertreten. Das Konzept der Harnwegsbehandlung ist dort aber gut ausgebaut: Mutrala heißt die Gruppe der harntreibenden Mittel, und die wichtigsten Vertreter sind Gokshura (Tribulus terrestris) und Punarnava (Boerhavia diffusa). Beide werden bei Harnwegsbeschwerden und Wassereinlagerungen eingesetzt und folgen demselben Grundgedanken: mehr Ausscheidung, mehr Spülung.
Traditional Chinese Medicine
In der chinesischen Materia medica ist die Gattung Solidago mit Yi Zhi Huang Hua vertreten, einer regional verwendeten Droge, die als scharf und kühl beschrieben wird und Hitze klären sowie Wind zerstreuen soll - eingesetzt bei Erkältungen und Halsentzündungen, nicht bei Harnwegsbeschwerden. Für die Harnwege stehen in der TCM eigene Drogen wie Che Qian Zi and Yi Yi Ren bereit. Dieselbe Pflanzengattung, zwei Kontinente, zwei völlig verschiedene Anwendungsgebiete - das kommt in diesem Archiv häufiger vor, als man denkt.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Nicht bei Nieren- oder Herzschwäche: Bei eingeschränkter Nierenfunktion oder Ödemen infolge Herz- oder Niereninsuffizienz ist eine Durchspülungstherapie kontraindiziert.
- Trinkmenge ist Pflicht: Rund zwei Liter am Tag. Wer aus medizinischen Gründen wenig trinken darf, macht keine Durchspülung.
- Fieber ist die Grenze: Fieber, Schüttelfrost, Flankenschmerz oder Blut im Urin bedeuten, dass die Infektion die Blase verlassen hat - am selben Tag zum Arzt.
- Korbblütler-Allergie: Kreuzreaktionen mit Beifuß, Kamille, Arnika und Chrysanthemen sind möglich.
- Nicht mit Jakobskreuzkraut verwechseln: Das enthält lebertoxische Pyrrolizidinalkaloide. Es hat flache Doldenrispen und fiederteilige Blätter - im Zweifel stehen lassen.
- Wiederkehrende Infekte abklären: Blasenentzündungen, die immer wiederkommen, haben eine Ursache. Die gehört gesucht, statt die Kur zu verlängern.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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SourcesWorauf sich das stützt
- European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monographs on Solidago virgaurea L., herba und Solidago gigantea / S. canadensis, herba - traditional use.
- Kommission E, Monographie „Solidaginis virgaureae herba“, BAnz Nr. 50 vom 13.03.1986, und „Solidaginis herba“, BAnz 1987.
- Melzig M.F.: Solidago virgaurea L. - Echte Goldrute. Wiener Medizinische Wochenschrift 2004.
- Bundesamt für Naturschutz: Neobiota-Steckbriefe zu Solidago canadensis and Solidago gigantea.
- Blaschek W. (Hrsg.): Wichtl - Teedrogen und Phytopharmaka, Kapitel Solidaginis herba.


