OriginDie Blume, die auf die Uhr schaut

Carl von Linné nahm sie in seine Blumenuhr auf: Die Wegwarte öffnet ihre Blüten gegen fünf Uhr morgens und schließt sie schon um die Mittagszeit wieder - zuverlässig genug, um die Zeit daran abzulesen.
Die Gemeine Wegwarte wächst an Wegrändern, Bahndämmen, Böschungen und Schuttplätzen in ganz Europa und Vorderasien - eine zähe, tiefwurzelnde Pflanze mit sperrigen, fast blattlosen Stängeln und leuchtend himmelblauen Blütenkörbchen. Ihr Name sagt, wo sie steht: an den Wegen, wo sie wartet. Der deutsche Volksmund hat daraus eine Sage gemacht, nach der eine Frau am Weg auf ihren Geliebten wartete und schließlich in die Pflanze verwandelt wurde - die blauen Blüten als ihre Augen.
Botanisch ist sie eine Stammpflanze mit großer Nachkommenschaft. Aus ihr wurden über Jahrhunderte drei ganz verschiedene Kulturformen gezüchtet: der Chicorée mit seinen gebleichten Sprossen, die im Dunkeln aus der Wurzel getrieben werden; der Radicchio mit roten, herben Blättern; und die Wurzelzichorie mit dicken, inulinreichen Wurzeln für Kaffee-Ersatz und Inulingewinnung. Wer eine Wegwarte am Straßenrand sieht, sieht also den wilden Verwandten seines Wintersalats.
Die bekannteste Verwendung ist der Zichorienkaffee. Er entstand im 18. Jahrhundert und wurde zum Massenprodukt, als Napoleons Kontinentalsperre den Bohnenkaffee knapp machte. In Preußen wurde der Anbau staatlich gefördert; Marken wie „Kathreiners Malzkaffee“ und in der DDR der „Muckefuck“ - vermutlich vom französischen mocca faux, falscher Mokka - prägten Generationen. In New Orleans gehört Chicorée bis heute selbstverständlich in den Kaffee. Und in den letzten Jahren ist die Wurzel wieder wichtig geworden, allerdings für etwas anderes: Sie ist die industrielle Hauptquelle für Inulin, den Ballaststoff, der inzwischen in Joghurt, Riegeln und Backwaren steckt.
NutzenWas die Wegwarte für dich tut
Die Wegwarte ist eine klassische Bitterstoffdroge. Die europäische Arzneimittelagentur und die Kommission E führen Wurzel und Kraut bei Appetitlosigkeit and dyspeptischen Beschwerden - Völlegefühl, Druck im Oberbauch, träge Verdauung. Das Wirkprinzip ist dasselbe wie bei Enzian, Wermut und Löwenzahn: Bitterrezeptoren auf der Zunge lösen über den Vagusnerv einen Reflex aus, der Speichel, Magensaft und Gallenfluss anregt. Deshalb gilt auch hier: zwanzig Minuten vor dem Essen, ungesüßt.
Im Vergleich zu ihren Verwandten ist sie die milde Option. Ihr Bitterwert liegt deutlich unter dem von Enzian oder Wermut, was sie für Menschen brauchbar macht, die die stärkeren Bitterdrogen nicht vertragen oder schlicht nicht herunterbekommen. Traditionell wurde sie außerdem als leberanregend und „blutreinigend“ eingesetzt; für die Leberwirkung gilt dasselbe wie beim Löwenzahn - der Gallenfluss wird angeregt, und das hilft bei fettem Essen, aber eine „Entgiftungskur“ ist es nicht.
Der zweite, ganz andere Nutzen steckt im Inulin. Die Wurzel enthält davon je nach Erntezeitpunkt bis zu zwanzig Prozent - ein Fructan, das der Dünndarm nicht spalten kann und das deshalb unverdaut in den Dickdarm gelangt, wo es Bifidobakterien als Nahrung dient. Für Inulin als präbiotischen Ballaststoff gibt es tatsächlich Studien: Es verändert die Zusammensetzung der Darmflora messbar und verbessert bei einem Teil der Menschen die Stuhlregulation. Die Effekte sind moderat und individuell verschieden.
Dabei gibt es eine Kehrseite, die man kennen sollte: Inulin ist ein FODMAP. Bei Menschen mit Reizdarm oder empfindlichem Darm führt es zuverlässig zu Blähungen und Bauchschmerzen - und weil es inzwischen vielen Lebensmitteln als „Ballaststoff“ zugesetzt wird, ist es eine häufige und oft unerkannte Ursache für Beschwerden. Wer auf Zwiebeln und Knoblauch empfindlich reagiert, reagiert meist auch auf Inulin. Für die Teeanwendung spielt das kaum eine Rolle; für Inulinpulver und angereicherte Lebensmittel schon.
IngredientsDas steckt in der Wegwarte
Die Bitterkeit kommt von Sesquiterpenlactonen - Lactucin, Lactucopikrin und verwandte Verbindungen, dieselbe Stoffgruppe wie beim Löwenzahn und beim Wildsalat. Sie sind in der Wurzel und im Kraut enthalten, mit dem höchsten Gehalt im Milchsaft. Interessanterweise sind es dieselben Stoffe, die dem Gartensalat seine leichte Bitterkeit geben; die Züchtung hat sie bei den Speiseformen stark herausgezüchtet - beim Radicchio bewusst nicht.
Der mengenmäßig größte Bestandteil der Wurzel ist das Inulin, ein Polyfructan aus Fruchtzuckerbausteinen. Sein Anteil schwankt mit der Jahreszeit erheblich: im Frühjahr niedrig, im Herbst am höchsten - deshalb wird im Herbst geerntet. Beim Rösten karamellisiert es teilweise und ergibt genau den dunklen, malzig-süßlichen Geschmack, der den Zichorienkaffee ausmacht.
Dazu kommen Gerbstoffe, Cumarine wie Cichoriin und Aesculetin, Flavonoide, Phenolcarbonsäuren, Kalium und Kieselsäure. Für die Zubereitung des Tees gilt: Die Bitterstoffe sind gut wasserlöslich, ein zehnminütiger Aufguss oder ein Kaltauszug über Nacht funktionieren beide. Für den Kaffee-Ersatz wird die Wurzel im Herbst geerntet, gewaschen, in kleine Stücke geschnitten, getrocknet und dann dunkel geröstet - der Röstgrad entscheidet über Farbe und Bitterkeit.
Verstärkte KombinationenWas die Wegwarte stärker macht
Eine milde Bitterdroge mit zwei Gesichtern - Bitterstoff für die Verdauung, Inulin für den Darm.
Wie alle Bitterdrogen: zwanzig Minuten vorher, ohne Zucker.
Die klassische Kombination bei Völlegefühl nach fettem Essen.
Für alle, denen Enzian und Wermut zu hart sind.
Koffeinfrei, dunkel und malzig - mit oder ohne Bohnenkaffee gemischt.
Inulin vertragen viele erst nach Gewöhnung - klein anfangen.
Die Kulturformen bringen dieselbe Bitterkeit auf den Teller.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Inulin ist ein FODMAP und macht dort zuverlässig Blähungen und Schmerzen.
Gallenflussanregende Mittel sind dann ungeeignet.
Bitterstoffe steigern die Säureproduktion.
Die Sesquiterpenlactone können Reaktionen auslösen.
Zucker blockiert den Bitterreflex.
Sie wächst gern an Verkehrswegen - die Fläche muss sauber sein.
Zu welchem GerichtWo sie hingehört
- ZichorienkaffeeWurzel im Herbst ernten, trocknen, dunkel rösten, mahlen - koffeinfrei und malzig.
- BitterteeEin Teelöffel Wurzel mit Kraut auf 250 ml, ungesüßt vor dem Essen.
- Leber-Galle-TeeMit Löwenzahn und Artischocke bei Völlegefühl.
- ChicoréeDie gebleichte Kulturform - roh im Salat oder geschmort mit Käse.
- RadicchioHerb und rot - gegrillt mit Balsamico oder im Risotto.
- Gemischter KaffeeEin Teil Zichorie auf drei Teile Bohnenkaffee - nach New Orleans-Art.
- Blüten im SalatDie blauen Blüten sind essbar und optisch unschlagbar.
- Junge BlätterIm Frühjahr als bittere Salatkomponente.
- Inulin als BallaststoffIn Joghurt und Riegeln - auf Verträglichkeit achten.
- BienenweideDie Blüten sind eine gute Sommertracht für Wildbienen.
Als HausmittelDer Ersatzkaffee
Zichorienkaffee selbst rösten
- Im Herbst Wegwartenwurzeln ausgraben - abseits von Straßen und behandelten Flächen. Gründlich waschen und die feinen Seitenwurzeln entfernen.
- In etwa fünf Millimeter dicke Scheiben oder kleine Würfel schneiden und auf einem Backblech bei 50 bis 60 Grad im Ofen vollständig durchtrocknen; sie müssen hart und brüchig sein.
- In einer trockenen Pfanne oder bei 180 Grad im Ofen dunkel rösten, bis sie kaffeebraun sind und deutlich karamellig duften - dabei ständig im Blick behalten, die Grenze zwischen geröstet und verbrannt ist schmal.
- Abkühlen lassen, mahlen und wie Kaffee aufbrühen: ein gehäufter Teelöffel pro Tasse. Luftdicht gelagert hält das Pulver einige Monate.
Als koffeinfreier Kaffee-Ersatz - für den Abend, für die Schwangerschaft, für Menschen, die auf Koffein empfindlich reagieren, oder einfach als eigener Geschmack. Ehrlich eingeordnet: Das ist ein Getränk, kein Heilmittel. Was mitkommt, sind die Bitterstoffe, die den Verdauungsreflex anstoßen - deshalb passt eine Tasse nach dem Essen gut. Und das Inulin, das beim Rösten teilweise karamellisiert, macht den charakteristischen malzigen Ton.
Nach Belieben wie Kaffee. Bei Reizdarm mit dem Inulingehalt vorsichtig sein und langsam steigern. Nicht bei Gallensteinen oder Gallenwegsverschluss, nicht bei Korbblütler-Allergie. Nur von sauberen Standorten ernten - die Wegwarte wächst bevorzugt an Straßen und Bahndämmen, und die Wurzel reichert an, was im Boden ist.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Die Wegwarte ist im Ayurveda nicht klassisch vertreten, verwandte Cichorium-Arten werden in Indien als Kasni aber verwendet - vor allem bei Leber- und Gallebeschwerden, was die europäische Tradition spiegelt. Nach ihren Eigenschaften wäre sie bitter, kühl und leicht: Pitta and Kapha senkend, Vata erhöhend. Als Deepana würde sie in die Gruppe der verdauungsanregenden Bitterkräuter fallen.
Traditional Chinese Medicine
In der chinesischen Materia Medica ist die Wegwarte als Ju Ju nur randständig geführt und spielt in der klassischen Praxis kaum eine Rolle. Nach ihrem Charakter wäre sie ein bitteres, kühles Mittel, das Feuchte-Hitze klärt und die Leber besänftigt - in der Nachbarschaft von Pu Gong Ying, dem Löwenzahn, mit dem sie botanisch und chemisch eng verwandt ist. Beide sind Korbblütler vom Wegrand mit Milchsaft und Bitterstoffen.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Gallenwege: bei Gallensteinen, Gallenwegsverschluss oder Gallenblasenentzündung nicht anwenden.
- Magengeschwüre: Bitterstoffe steigern die Säureproduktion und sind bei Geschwüren ungeeignet.
- Korbblütler-Allergie: die Sesquiterpenlactone können Reaktionen auslösen.
- Reizdarm: Inulin ist ein FODMAP - angereicherte Lebensmittel und Inulinpulver machen dort zuverlässig Beschwerden.
- Sammelstellen: die Wurzel reichert an, was im Boden ist - nicht an Straßen und Bahndämmen ernten.
- Keine Entgiftungskur: die Leber entgiftet permanent von selbst; Bitterstoffe unterstützen die Verdauung, mehr nicht.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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SourcesWorauf sich das stützt
- EMA/HMPC: European Union herbal monograph on Cichorium intybus L., radix - traditional use bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden.
- Kommission E: Monographie Cichorii herba/radix (Wegwartenkraut und -wurzel), Bundesanzeiger 1990.
- Roberfroid MB. Inulin-type fructans: functional food ingredients. Journal of Nutrition 2007; 137(11 Suppl): 2493S–2502S.
- Gibson PR, Shepherd SJ. Evidence-based dietary management of functional gastrointestinal symptoms: the FODMAP approach. Journal of Gastroenterology and Hepatology 2010; 25(2): 252–258.
- Blaschek W (Hrsg.): Wichtl - Teedrogen und Phytopharmaka. 6. Auflage 2016, Monographie Cichorii radix.


